Jemen vor dem Kollaps Bomben, Hunger, Cholera

Die humanitäre Lage im Bürgerkriegsland wird immer unerträglicher. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes zeichnet ein düsteres Bild.

Ein alter, mit Cholera infizierter Mann liegt einem Spital in Sanaa, 12.5.2017. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Cholera ist besonders für Kinder, Alte und Kranke lebensbedrohlich. Reuters

Seit Tagen erreichen uns aus dem Bürgerkriegsland Jemen Schreckensmeldungen über eine Verbreitung der Infektionskrankheit Cholera. Erste Fälle wurden bereits im Oktober des vergangenen Jahres gemeldet, heute vermutet die UNO mehr als 200‘000 Betroffene.

«  Der Jemen steht am Rande des Zusammenbruchs. »

Dominik Stillhart
Direktor für weltweite Operationen des IKRK

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Bildlegende: Stillhart ist Direktor für weltweite Operationen des Internationalen Roten Kreuzes. Keystone/Archiv

Dominik Stillhart war vor rund einem Monat im Jemen, als die Behörden den Notstand ausriefen. Stillhart besuchte zwei Spitäler in der Hauptstadt Sanaa, und er zeigt sich erschüttert: «Hunderte Menschen kamen rein, die Spitäler waren völlig überwältigt vom Ansturm: Bis zu vier Patienten lagen in einem einzigen Bett, darunter lagen weitere.»

Die Krankheit grassiert vor allem in den nördlichen Provinzen sowie in der Hauptstadt Sanaa. Millionen Menschen haben keinen regelmässigen Zugang zu sauberem Trinkwasser und Kanalisation mehr, berichtet der IKRK-Mitarbeiter, und «viele Spitäler mussten ganz einfach schliessen, weil es keinen Treibstoff und keine Medikamente mehr gibt.»

Ein mit Cholera infiziertes Mädchen in der Hauptstadt Sanaa. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Krankheit wird von Bakterien verursacht, ruft starken Durchfall und Erbrechen hervor. Reuters

Krieg und kein Ende in Sicht

Befeuert wird die Epidemie vom Krieg, der seit 2014 im Jemen wütet. Damals stürmten schiitische Huthi-Rebellen Sanaa und vertrieben die international anerkannte Regierung des Landes. Eine von Saudi-Arabien angeführte und von den USA unterstützte sunnitische Koalition begann daraufhin, Luftangriffe auf Stellungen der Huthis zu fliegen.

Doch die angeblich vom Iran unterstützten Rebellen kontrollieren weiter die Hauptstadt und viele Teile des Nordens. Friedensverhandlungen sind mehrfach gescheitert.

Eine vertriebene Familie in einem Zeltlager. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bisher forderte der Konflikt über 10‘000 Menschenleben. Abertausende wurden vertrieben. Reuters

Dafür trafen die Bombardements oft die Infrastruktur des Landes: «Der Konflikt hat das Gesundheitssystem, ja das ganze Land an den Rand des Zusammenbruchs geführt», sagt Stillhart. Rund die Hälfte der Gesundheitseinrichtungen wurden wegen der Kämpfe zerstört.

Das IKRK versucht so gut es geht, Hilfsgüter und Medizin in das kriegsgeschundene Land zu bringen. In siebzehn verschiedenen Behandlungszentren gegen die Cholera-Epidemie sei das Rote Kreuz mittlerweile tätig – auch in allen zentralen Gefängnissen: «Sie sind Horte der Infektion, und sie dürfen auf keinen Fall befallen werden», sagt Stillhart.

«  Es ist wahrscheinlich, dass sich die Zahl der Infizierten noch verdoppelt.  »

Dominik Stillhart
Direktor für weltweite Operationen des IKRK

Ausgehungertes Kind in einem jemenitischen Spital. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nach neuesten Angaben der UNO sind 400'000 Kinder im Jemen vom Hungertod bedroht. Reuters

Die Arbeit im Bürgerkriegsland gestaltet sich gefährlich: «Der Krieg wird brutal geführt. Es ist extrem, vor Ort zu arbeiten.» Das IKRK sei sich aber gewohnt, in Krisengebieten Hilfe zu leisten; die Organisation decke allein etwa 20 Prozent der Bedürfnisse ab, um gegen die Epidemie zu kämpfen. Doch für viele andere Hilfsorganisationen sei die Situation im Land zu prekär, so Stillhart.

Die humanitäre Lage im Jemen ist schon jetzt erschreckend. Doch die Cholera-Epidemie dürfte ihren Höhepunkt erst noch erreichen: «Es ist wahrscheinlich, dass sich die Zahl der Infektionen von derzeit 200‘000 noch verdoppeln wird. Die Situation für die Jemeniten ist extrem schwierig, denn zusätzlich haben zehn Millionen Menschen nicht genug Nahrungsmittel.»