Hochhausbrand in London Brandopfer für die britische Klassengesellschaft

Die Apokalypse wäre vermeidbar gewesen, hätten die Besitzer – des wohlhabendsten Stadtteils des Vereinigten Königreichs – bei der Sanierung nicht geknausert.

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Hochhausbrand London: Grosse Anteilnahme

0:40 min, aus Tagesschau vom 16.6.2017

Jede Untersuchung von britischen Hochhausbränden in den letzten Jahrzehnten hat eindringlich empfohlen, Sprinklersysteme in Altbauten für obligatorisch zu erklären. Die Empfehlung wurde ignoriert, weil für jede neue Vorschrift zwei alte ausser Kraft gesetzt werden müssen – so will es der konservative Kreuzzug gegen Bürokratie und Papierkram.

Die Bewohner von Grenfell Tower hatten sich jahrelang über die Nachlässigkeit der Verwaltungsfirma beschwert. Sie rügten die elektrische Verkabelung, Gasleitungen ohne Feuerisolation und vieles andere mehr. Im letzten November stellte eine Mietergruppe nüchtern fest, es werde wohl einer Katastrophe bedürfen, bis ihre Beschwerden erhört würden.

Viele warteten in ihren Wohnungen

Schätzungen besagen, dass zum Zeitpunkt des Feuers vier- bis sechshundert Menschen im 24-stöckigen Hochhaus aus dem Jahre 1974 weilten. Weniger als hundert konnten sich retten. Denn die meisten Bewohner folgten der Empfehlung, im Brandfall in ihren Wohnungen zu bleiben. Die Wohnungen seien so gut abgeschottet, hatte es geheissen, dass mindestens eine Stunde zur Evakuation bleibe.

Grenfell Tower in Vollbrand in der Morgendämmerung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Grenfell Tower brannte wie eine Fackel. Reuters

Der Wohnturm war vor zwei Jahren mit einer neuen Aussenhaut verschönert worden. Die verwendeten Platten enthielten einen Plastikkern unter dem Aluminium. Bei der etwas teureren Variante desselben Produktes wäre das nicht der Fall gewesen. In den USA sind die in London verwendeten Produkte seit fünf Jahren verboten.

Vermutlich erlaubte die Art der Montage einen Kamineffekt zwischen der Betonfassade und der Verschalung. Deshalb raste das Feuer an den Aussenwänden empor – die Eindämmung des Brandes versagte mit katastrophalen Folgen. Die Lieferantin der Platten ist seit der Sanierung von Grenfell in Konkurs gegangen, weil sie ihre Schulden nicht bezahlen mochte.

Haus im reichsten Stadtteil

The Royal Borough of Kensington and Chelsea, der wohlhabendste Stadtteil Londons, ist Eigentümer des Hochhauses – und Schauplatz der obszönsten Manifestationen von Reichtum. Die gesellschaftliche Hackordnung wird aufgrund des Goldgehaltes von Lamborghinis und Maseratis definiert. Neue Keller werden für Schwimmbecken und private Fitness-Studios gegraben. Neue Hochhäuser sind für russische Oligarchen bestimmt.

Tower von weitem fotografiert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Grenfell Tower – jetzt ein Mahmal tödlicher konservativer Sparwut. Reuters

Es hat die Schwächsten getroffen

Allein, die Mieter der Sozialwohnungen im Grenfell-Hochhaus kamen mehrheitlich aus Entwicklungsländern und aus dem arabischen Raum. Sie schufteten für Hungerlöhne und hatten vermutlich kein Stimmrecht. Ihre Beschwerden konnten straflos ignoriert werden. Bis letzten Mittwoch.

Überlebende, Angehörige und Nachbarn haben seither keinen Hehl aus ihrem unbändigen Zorn gemacht. Er äussert sich in Graffiti und Plakaten, in der Beschimpfung von teilnahmsvollen Politikern neben dem ausgebrannten Skelett des Hochhauses. Für heute Abend ist eine Protestdemonstration vor dem Ministerium für kommunale Angelegenheiten angekündigt, das die Mittel seit Jahren kürzt.

Demonstranten stürmen das Rathaus

0:45 min, vom 16.6.2017

Demonstrationen gegen die Behörden

Dutzende wütende Demonstranten haben am Freitagnachmittag das Rathaus der Stadtteile Kensington und Chelsea gestürmt. «Wir wollen Gerechtigkeit», «schämt Euch!», «Mörder!», riefen sie, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Im Eingangsbereich des Gebäudes gab es Zusammenstösse mit Sicherheitskräften.

Als Antwort auf die Proteste veröffentlichte die Bezirksverwaltung am Abend eine Stellungnahme. Darin sicherte sie den obdachlos gewordenen Bewohnern eine schnellstmögliche Umsiedlung innerhalb des Stadtteils zu.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Brand in London noch nicht gelöscht

    Aus Tagesschau vom 15.6.2017

    Die Löscheinsätze im Grènfell Tower in London sind noch immer im Gange. Das Feuer war vorletzte Nacht ausgebrochen und hat bisher mindestens 17 Todesopfer gefordert.

  • Wie konnte es in London zum Inferno kommen?

    Aus 10vor10 vom 14.6.2017

    Der Brand des Hochhauses «Grenfell Tower» in London forderte mindestens zwölf Todesopfer und über 70 Verletzte. Die Aufnahmen zeigen deutlich: Die Fassade fing rasend schnell Feuer. Die Brandursache ist noch unklar, wir suchen nach möglichen Ursachen und fragen, ob ein solcher Hochhaus-Brand auch in der Schweiz möglich ist.

  • Flammeninferno in Westlondon

    Aus Tagesschau vom 14.6.2017

    Bei einem Grossbrand in einem Hochhaus mitten in London sind 12 Menschen ums Leben gekommen. Dutzende wurden schwer verletzt. Die Brandursache ist noch völlig unklar. Einschätzungen von SRF-Sonderkorrespondent Marcel Anderwert.