Cyberangriffe zielen auf militärische Streitkräfte, Behörden und Firmen. Neuerdings werden auch humanitäre Organisationen zu Opfern, wie dies das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) erlebt hat. Auch das IKRK muss sich also schützen, erklärt dessen Generaldirektor Pierre Krähenbühl. Bloss: Auch neue Methoden bieten nicht Schutz vor jeglichen Attacken.
SRF News: Das IKRK hat während mehrerer Jahre ein digitales Emblem entwickelt. Warum braucht es das?
Pierre Krähenbühl: Das Rotkreuz- oder Rothalbmond-Emblem soll seit rund 160 Jahren humanitäres Personal in Kriegsgebieten, Spitäler und andere humanitäre Einrichtungen schützen. Es signalisiert den Kriegsparteien unmissverständlich, was nicht angegriffen werden darf. Dieses Symbol müssen wir nun in die digitale Welt übertragen.
In der digitalen Welt finden Cyberoperationen statt, die auch humanitäre und medizinische Einrichtungen bedrohen.
Was soll das Emblem dort bewirken?
In der digitalen Welt finden Cyberoperationen statt, die auch humanitäre und medizinische Einrichtungen bedrohen. Dabei geht es um Menschenleben. Wir brauchen also gewissermassen ein digitales Stoppschild, das sagt: Hier beginnt der humanitäre Bereich. Die Regeln der realen Welt gelten auch im digitalen Raum.
Vor einigen Jahren sorgte ein Grossangriff auf Server, die vom IKRK benutzt wurden, weltweit für Schlagzeilen. War das ein Einzelfall?
Nein. Der Vorfall zeigte, wie wichtig es ist, dass wir uns auf solche Bedrohungen vorbereiten. Angriffe auf unsere Systeme gibt es weiterhin, sogar zunehmend. Deshalb brauchen wir mehr Schutzmassnahmen.
Damals wurden Daten von Hunderttausenden Menschen abgesaugt. Weshalb war das besonders gravierend?
Es ging um die Identität und Personendaten von Menschen, die in Kriegssituationen besonders geschützt werden müssen. Diese Daten sind sehr empfindlich und hoch vertraulich. Als ich als Delegierter zum IKRK stiess, hatten wir es nur mit physischen Risiken zu tun. Heute kommen digitale Risiken hinzu.
Das Emblem soll das IKRK erkennbar machen. Hilft das auch gegen gezielte Angriffe?
Die Frage ist, ob alle Akteure dieses Stoppschild respektieren. In der realen wie in der digitalen Welt gibt es solche, die das nicht tun und das humanitäre Völkerrecht verletzen. In den Medien wird vor allem über Verstösse berichtet. Nicht berichtet wird indes über all die Fälle, in denen das Völkerrecht respektiert wird. Diese Regeln tragen dazu bei, konkret Leben zu retten, Geiseln und Gefangene zu befreien, und Notleidenden zu helfen.
Das Emblem signalisiert, dass wir das Recht auf ungehinderte und neutrale humanitäre Arbeit einfordern.
Wir leben aber in einer Welt, in der wieder zunehmend das Recht des Stärkeren gilt und weniger das Völkerrecht. Erodiert der Respekt für die humanitäre Arbeit und für das Emblem des IKRK als neutrale Organisation immer stärker?
Diese Erosion stellen wir klar fest. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der sehr viele Mitarbeitende von UNO, NGOs, Rotem Kreuz und Rotem Halbmond ums Leben kamen. Manche bei gezielten Angriffen.
Was kann das IKRK dagegen tun?
Wir dürfen nicht resignieren und diese Entwicklung als neue Lage akzeptieren. Wir müssen neue Initiativen ergreifen. Dazu gehört das digitale Rotkreuz-Emblem. Es signalisiert, dass wir das Recht auf ungehinderte und neutrale humanitäre Arbeit einfordern.
Das Gespräch führte Fredy Gsteiger.