Das andere Gesicht des Buddhismus

Buddhismus ist eine friedliche Religion – so die gängige Meinung. In Burma zeigt sich seit ein paar Jahren aber in einigen Kreisen ein anderes Religionsverständnis. Dort schürt eine Gruppe buddhistischer Mönche Hass gegen Andersgläubige. Ihr prominentester Anführer ist Ashin Wirathu. Ein Besuch.

Das Time-Magazin nannte ihn das «Gesicht des buddhistischen Terrors» – Ashin Wirathu. Doch von Terror ist im Kloster nichts zu spüren: Mönche in roten Roben beten in einem grossen Saal, andere posten neue Facebook-Einträge auf ihren Smartphones oder schlendern Hand in Hand durch die Tempelanlage.

Ashin Wirathu sitzt andächtig in einem schweren, hölzernen Stuhl. Trotz seiner 48 Jahre wirkt er knabenhaft, sein feingliedriges Gesicht erinnert an einen Intellektuellen, nicht an einen Hetzer. Ist er also wirklich der burmesische Osama bin Laden? Der Mönch lacht. «Ich besitze ja nicht einmal eine Nadel, geschweige denn eine andere Waffe. Es ist eigenartig, welche Übernamen mir gegeben werden.»

Beim Thema Rohingyas fällt die Maske

Eine Waffe vielleicht nicht, doch eine spitze, giftige Zunge besitzt Wirathu durchaus. So nannte er Yanghee Lee, die Spezialgesandte der UNO, eine «Hündin und Hure», als sie Burma im vergangenen Jahr besuchte. Sie wollte sich ein Bild machen über die Lebensbedingungen der verfolgten muslimischen Minderheit der Rohingyas.

Muslime, insbesondere die Rohingyas, sind denn auch das Thema, bei dem Wirathus friedliche Mönchsmaske fällt: Er war es, der vor zwei Jahren in Mandalay religiösen Hass schürte. In den sozialen Medien verbreitete er das Gerücht, dass ein Muslim eine buddhistische Frau vergewaltigt habe. Ausschreitungen zwischen Muslimen und Buddhisten mit Toten waren die Folge. Doch Wirathu hat ein selektives Erinnerungsvermögen: «Die Muslime wollen mich töten und uns Buddhisten als Terroristen hinstellen. Doch es liegt in ihrer Natur, Land zu besetzen und die anderen zu unterjochen.»

Zehn Jahre inhaftiert

Wegen solcher Aussagen und weil er Gewalt gegen Muslime schürte, verbrachte Wirathu beinahe zehn Jahre im Gefängnis. 2012, nachdem die Militärjunta das Land zu öffnen begann, wurde er freigelassen. Bald darauf führte er einen Protestmarsch von Mönchen an. Sie unterstützten den kontroversen Plan des damaligen Präsidenten Thein Sein, die Rohingyas aus dem Land zu werfen. Es kam zu schweren interreligiösen Ausschreitungen zwischen Rohingyas und Buddhisten. Mehr als 140'000 Rohingyas leben seither wie Gefangene in Lagern.

Wirathu sei eine Puppe des Militärs und der militärnahen Partei USDP, die bis zu den Parlamentswahlen im vergangenen November regierte, sagt Arriya Wuttha Bewuntha, der Abt eines anderen Klosters in Mandalay. Mit Buddhismus habe Wirathus Lehre nichts zu tun: Vielmehr habe die Armee Wirathu auserkoren, um mit seiner Hilfe die Nationale Liga für Demokratie von Aung San Suu Kyi zu destabilisieren. «Das Problem ist, dass der buddhistische Klerus nicht geeint ist und sich einige instrumentalisieren lassen.» Wirathu habe das Militär im Wahlkampf öffentlich unterstützt. «Und wenn das Land jetzt instabil bleibt, profitiert vor allem die Armee davon. Es ist eine uralte Strategie der Generäle.»

Die hetzerische Ma Ba Tha

Ashin Wirathu ist kein Einzelkämpfer, sondern gehört der Ma Ba Tha an, einer nationalistischen Mönchsorganisation, die unter anderem mit der Unterstützung der ehemaligen Militärregierung vor wenigen Jahren ins Leben gerufen worden ist. Die Organisation betreibt heute Klöster und Schulen im ganzen Land und hat Tausende von Anhängern. Ihre Mönche waren es auch, die umstrittene neue Gesetze initiiert haben. Etwa eines, das die Eheschliessung zwischen Partnern unterschiedlicher Glaubensrichtungen extrem erschwert.

Solange die Militärjunta an der Macht war, konnten Wirathu und die Ma Ba Tha gegen Andersgläubige und Andersdenkende hetzen, wie sie wollten. Seit dem Regierungswechsel jedoch gibt es Gegenwind. Erst Anfang Juli sagte Ranguns Regierungschef, Burma brauche keine Organisation wie die Ma Ba Tha. Auch das oberste Gremium des buddhistischen Klerus distanzierte sich unlängst klar von den nationalistischen Mönchen.

Gegenwehr gibt es auch von einer Punk-Band

Laut und schrill richtet sich auch die Punk-Band Rebel Riots gegen Ma Ba Tha. Nach dem Ende der Militärdiktatur würden sie jetzt mit ihrer Musik vor allem religiös-nationalistische Gruppen und Rassismus bekämpfen, sagt Leadsänger Kyaw Kyaw: «Die Ma-Ba-Tha-Anhänger hassen mich deshalb und senden mir Nachrichten, dass sie mich töten wollen. Aber die sind doch nicht religiös, das sind Sklaven des Militärs.»

Sowieso sei Buddhismus keine Religion, sondern ein Lebensstil ganz im Sinne der Punk-Bewegung: «Mein Buddha ist ein Punk. Buddhismus lehrt dich: Glaub nicht, was andere sagen, finde Deine eigene Wahrheit.» Buddha sei ein Anarchist gewesen. «Er hätte König werden können, aber er sagte: Fuck it.» Er habe sich von allem abgewendet und seinen eigenen Weg gesucht. Ein Punk eben!