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Raketenstart zur ISS «Das einzige verbliebene Projekt zwischen Ost und West»

Astronautikprofessor Reinhold Ewald über den Nutzen und die Zukunft einer Weltraumstation.

Legende: Audio ««In der ISS arbeiten alle Nationen vertrauensvoll zusammen»» abspielen. Laufzeit 4:47 Minuten.
4:47 min, aus SRF 4 News aktuell vom 20.04.2017.

Heute ist am Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan eine russische Sojus-Trägerrakete gestartet. Mit an Bord: Ein russischer Kosmonaut und ein amerikanischer Astronaut. Ihr Ziel ist die internationale Raumstation ISS, die von den USA, Russland, Europa, Kanada und Japan betrieben wird. Seit November 2000 ist sie dauerhaft bewohnt – also seit bald 17 Jahren.

SRF News: Reinhold Ewald, wie lange wird die ISS noch in Betrieb sein?

Reinhold Ewald: Die Raumstation ist nicht für die Ewigkeit gebaut. Als 1998 die ersten Teile ins All gebracht wurden, hat man die Lebensdauer perspektivisch auf ungefähr 30 Jahre angelegt. Jetzt haben sich die beteiligten Partner gemeinsam darauf geeinigt, die Raumstation bis mindestens 2024 zu betreiben. Die Finanzierung ist also sichergestellt, die Lebensdauer geht aber noch darüber hinaus.

Würde denn eine Verlängerung der Betriebsdauer aus Ihrer Sicht Sinn machen?

Ich denke, dass sich die Aufgaben der Raumstation auch dahin entwickeln werden, zukünftige Missionen zu unterstützen. Missionen, die uns vielleicht zum Mond zurückbringen oder zum Mars. Es ist entscheidend, ob die beteiligten Länder bereit sind, diese Programme jetzt zu planen und in Angriff zu nehmen. Dann könnte es sein, dass wir die Erfahrung der Raumstation auch über 2024 hinaus brauchen.

Sie selber waren als deutscher Astronaut 1997 während 19 Tagen auf der russischen Raumstation MIR, die gewissermassen die Vorläuferin der Raumstation ISS war. Warum ist eine Raumstation wichtig?

Wir lernen dabei viel über das Leben auf der Erde
Legende: Video « Andockmanöver bei der ISS / Archiv» abspielen. Laufzeit 0:58 Minuten.
Vom 29.03.2013.

Nach der letzten bemannten Mondlandung von 1972 haben wir das Ziel scheinbar aufgegeben, weiter und weiter in den Weltraum hinaus zu fliegen. Dank den Raumstationen hat die bemannte Raumfahrt seitdem dennoch ganz wichtige Zwischenerfahrungen gesammelt. Wir wissen jetzt, wie wir über längere Zeit im All leben und arbeiten können.

Die Russen haben damals mit der Raumstation MIR begonnen und die westlichen Länder wollten diese Erfahrung auch machen. Wir lernen dabei auch viel über das Leben auf der Erde: Wenn wir Atmosphäre, Nahrung und Wasserrecycling an Bord einer Raumstation ausprobieren, lernen wir, was wir auf der Erde besser machen könnten.

Zur Zusammenarbeit internationaler Partner bei diesem Projekt: Ist Russland ein ständiger Partner, der auch weiterfahren will oder was wissen Sie über den Stand der zukünftigen Zusammenarbeit?

Die internationale Zusammenarbeit ist ein zartes Pflänzchen, das wir Raumfahrer gemeinsam bewahren wollen. Wir haben es geschafft, die Ende der 1990er Jahre gegründete Gemeinschaft zum Betrieb der Raumstation durch die politischen Krisen und gerade jetzt auch durch diese Abkühlungsphase zwischen den verschiedenen Staaten in Ost und West hindurchzubringen.

An Bord arbeiten – das sehen wir am heutigen Start – Amerikaner, Russen, Europäer, Japaner und Kanadier nach wie vor vertrauensvoll zusammen. Es geht auch gar nicht anders. Die Aufgabe ist so gross und verzeiht keine Alleingänge. Die Weltraumumgebung muss gemeinsam beherrscht werden, um ein Leben und Arbeiten an Bord zu ermöglichen.

Will die Raumfahrt hier auch Vorbild sein?

Wenn wir auf die Erde schauen, sehen wir keine Grenzen.

Es ist eine Botschaft, die wir aussenden: Wenn wir auf die Erde schauen, sehen wir keine Grenzen, wir sehen keine rot und blau eingefärbten Länder, sondern eine Erde, die für die Menschheit zum Wohle und Gedeihen genutzt werden soll. Das klingt ein bisschen hochtrabend, aber die internationale Raumstation ist derzeit das einzige verbliebene grosse technische Projekt zwischen Ost und West, was funktioniert und auch ein gutes Modell für die zukünftige Zusammenarbeit im Weltall sein kann.

Das Gespräch führte Walter Müller.

Reinhold Ewald

Reinhold Ewald
Legende: ESA

Reinhold Ewald lehrt als Professor für Astronautik und Raumstationen an der Universität Stuttgart. Er ist selber ausgebildeter Astronaut – 1997 verbrachte er 19 Tage auf der russischen Raumstation MIR, die gewissermassen die Vorläuferin der Raumstation ISS war.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Käppeli (thkaepp)
    Im Mikrobiotop ISS scheint sich die Einsicht etabliert zu haben, dass wir nur durch gemeinsame Anstrengung alle anstehenden Probleme lösen und überleben können. Auf dem Raumschiff Erde sind wir Lichtjahre davon entfernt und konvertieren in unserem wahnwitzigen Egoismus und Narzissmus unseren Lebensraum in eine biologische Wüste und Riesen Müllhaufen. Wie lange noch?
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  • Kommentar von Markus Guggisberg (gugmar)
    Völlig klar. Grenzen sehen wir nicht, aber sie werden gemacht wie z.B. dieser einseitige Artikel, der zwar von "Zusammenarbeit" spricht, aber nur US Unternehmen als relevant für die Zukunft darstellt und die Tatsache, dass die NASA gerade kürzlich wieder eine grosse Anzahl russischer Triebwerke bestellt hat, damit die Versorgungsflüge überhaupt stattfinden konnten und dass Russland in der Triebwerk Technologie führend ist. Schade, dass SRF nicht neutral recherchiert !
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  • Kommentar von Peter Mueller (Elbrus)
    Die kostengünstigste Version ist bei weitem die Sojus Rakete die um rund 50% billiger ist als die US Varianten. Selbst mit Start ab Kouru kommen nur 20 Mio Mehrkosten je Start hinzu. Darum werden auch 85% aller ESA Flüge mit Sojus/Proton Raketen durchgeführt.
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    1. Antwort von Thomas Käppeli (thkaepp)
      Der ESA Weltraumbahnhof hat durch seine Äquatornähe (5°14’N) noch den Vorteil, dass in Ost-Richtung und nicht allzu stark von der Äquatorebene abweichender Orbit für die beförderte Nutzlast auch der Schwung der Erdrotation genutzt werden kann. Mit der gleichen Energie, kann eine grössere Masse transportiert werden. Die Umfangsgeschwindigkeit beträgt dort 1663 km/h. Im Fall Baikonur (47°48’N) nur noch 1122 km/h.
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