Zentralafrikanische Republik «Das Land ist ein unkontrolliertes Jagdgebiet»

Der Binnenstaat findet auch drei Jahre nach dem Bürgerkrieg nicht aus der Krise. Gewalt und Hunger zwingen Hunderttausende zur Flucht. Fragen an Afrika-Korrespondent Patrik Wülser zur den Ursachen der nicht endenden Misere.

Patrik Wülser ist Afrikakorrespondent für SRF und lebt mit seiner Familie seit 2011 in Nairobi (Kenia). Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Patrik Wülser ist Afrikakorrespondent für SRF und lebt mit seiner Familie seit 2011 in Nairobi (Kenia). SRF

SRF News: 15‘000 Menschen sind in den letzten Tagen geflüchtet, 130 wurden umgebracht, darunter sechs UNO-Blauhelme. Treibt die Zentralafrikanische Republik erneut auf einen Bürgerkrieg zu?

Patrik Wülser: Die Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik hat nie geendet, wurde aber öffentlich einfach nicht wahrgenommen. Dabei konnte der religiöse Konflikt zwischen der christlichen Anti-Balaka-Bewegung und der muslimischen Séléka tatsächlich mehr oder weniger beigelegt werden. Aber durch den Zusammenbruch des Staates und das Fehlen von Sicherheitskräften wurde das Land zu einem unkontrollierten Jagdgebiet von Banditen und verschiedenen Rebellengruppen.

Wer kämpft gegen wen?

Laut den UNO-Rapporteuren zerfiel nach Ende des Bürgerkriegs vor allem die christliche Anti-Balaka-Bewegung in immer mehr bewaffnete Banden. Diese plündern heute Dörfer, überfallen Hilfskonvois und töten auch Menschen. Insgesamt soll es aktuell 14 aktive Rebellengruppen geben, die sich auch untereinander bekämpfen. Zwischen die Fronten gerät die Zivilbevölkerung. 900‘000 Menschen sind zurzeit auf der Flucht, zwei Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Welche Rolle spielt die Religion bei der Gewalt?

Religiöse und ethnische Linien spielen immer noch eine wichtige Rolle, wie mir die Menschen in der Hauptstadt Bangui telefonisch berichten. Es geht aber auch um Landbesitz und Macht im Trümmerstaat, der riesige natürliche Ressourcen an Gold, Diamanten und Uran hat und doch zu den ärmsten Ländern der Welt gehört. Noch heute werden jährlich Edelmetall und Diamanten für Millionen Franken exportiert, ein erheblicher Teil illegal. Die Handelsketten führen in solchen afrikanische Ländern immer in die Territorien von Rebellen, die sich mit den Ressourcen finanzieren.

Was kann die schwache Regierung in der Hauptstadt gegen das Blutvergiessen unternehmen?

Der letztes Jahr gewählte Präsidenten Faustin Archange Touadéra lobt regelmässig seine Arbeit und sein Demobilisierungs-, Versöhnungs- und Friedensprogramm. Doch in der Realität reicht sein Machtbereich nicht über Bangui hinaus. Auch in der Hauptstadt machen nach meinen Quellen unterdessen immer mehr kriminelle Banden den Alltag unsicher. Bereits bei meinem letzten Besuch vor zwei Jahren waren die meisten Ministerien leere Ruinen. Den Staat gebe es nicht mehr, sondern allenfalls noch Beamte, die Staat spielten, berichtete mein Dolmetscher kürzlich.

Seit dem Bürgerkrieg 2013/14 sind französische Soldaten und UNO-Blauhelme stationiert. Was haben sie erreicht?

Auf den ersten Blick nicht viel, wie immer wieder kritisiert wird. Aber dank der 12‘000 Blauhelme ist die Hauptstadt – abgesehen von kriminellen Banden – einigermassen stabil. Die Blauhelme können auch in den Krisengebieten auf Land punktuell für Sicherheit sorgen. Aber sie sind zu wenig in einem Land grösser als Frankreich. Die mit UNO- und EU-Finanzhilfe wieder aufgebaute nationale Armee hat erst 1000 Soldaten. Ziel ist es, Rebellengruppen und Milizen zu entwaffnen, und in reguläre Truppen zu integrieren. Diese Strategie hat man bereits in Somalia und im Kongo versucht, um Sicherheit zu etablieren. Die Methode ist zweischneidig, belohnt man damit doch jene, die in ihre Rebellenkarriere wahrscheinlich Verbrechen begangen haben.

Das Gespräch führte Roman Fillinger.