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«Charlie Hebdo» auf Deutsch «Das Magazin hat einen besonderen Ruf, das ist ein Startvorteil»

Das bekannte französische Satiremagazin «Charlie Hebdo» erscheint ab nächster Woche auch in Deutschland – in einer übersetzten Version. Die Startauflage ist ambitioniert. Sie beträgt rund 200'000 Exemplare. Was sagen die Deutschen dazu?

Zu sehen ist eine Ausgabe des Magazins «Charlie Hebdo».
Legende: «Charlie Hebdo»: Die französische Satire-Zeitschrift soll ab nächster Woche auch auf Deutsch erscheinen. Keystone

«Charlie Hebdo» ist seit dem Anschlag auf die Redaktion vor bald zwei Jahren zum Symbol für Pressefreiheit geworden. Das will die Publikation nutzen und wagt den Einstieg in den deutschen Markt. Tim Wolff ist Chefredaktor vom deutschen Satire-Magazin Titanic. Was meint er zu neuen Konkurrenz?

SRF News: «Charlie Hebdo» kommt auf den deutschen Markt – und das gleich mit einer Auflage von 200'000 Exemplaren. Ein mutiger Schritt?

Tim Wolff: Wir freuen uns auf die neue und würdige Konkurrenz. Die Auflage ist auf jeden Fall sehr mutig, und sie werden sie wohl auch nicht halten können. Aber ein Versuch ist es wert.

Sie sprechen von einem würdigen und «echten» Konkurrenten. Fühlen Sie sich nicht auch bedroht?

Je mehr Konkurrenz, desto besser. Grundsätzlich finden wir es bei «Titanic» gut, wenn den Deutschen von aussen ein wenig Kultur nähergebracht wird. Wir sind eher satire-unkundig – da ist «Charlie Hebdo» ein erster Schritt; die Redaktoren können uns etwas beibringen.

Aber gibt es denn überhaupt genügend Leser für ein weiteres Satire-Magazin?

Wir haben schon einige Produkte kommen und gehen sehen. Ich befürchte, dass der deutsche Markt nicht genügend gross ist für wöchentlich 200'000 Satire-Leser, aber vielleicht schafft das ja «Charlie Hebdo». Sie haben auf jeden Fall einen besonderen Ruf, das ist ein Startvorteil. Ob sie auch die nötige Qualität haben, werden wir sehen.

Ich weiss nicht, wie international die Witze von 'Charlie Hebdo' sind.
Autor: Tim WolffTitanic-Chefredaktor

Für die deutsche Ausgabe sollen vor allem Texte und Karikaturen des französischen Originals übersetzt werden. Kann das funktionieren?

Das halte ich für problematisch. Wenn man früher die MAD-Hefte von Herbert Feuerstein gelesen hat – der hat da viele amerikanische Sachen ins Deutsche übertragen – dann weiss man: Es gibt Knackpunkte. Muss man etwa bei einem Witz auch die Bezugspersonen ändern? Ein Spruch über irgendeinen französischen Politiker lässt sich ja nicht so einfach übertragen. Findet man den Witz gut, versucht man das Gleiche mit einem deutschen Politiker. Aber funktioniert dann die Pointe noch? – Ich weiss nicht, wie international die Witze von «Charlie Hebdo» sind, und ob das Material reicht, jede Woche ein ganzes Heft zu füllen.

Also ist Satire an die jeweilige Kultur und Gesellschaft gebunden?

Vor allem ist sie auch sprachgebunden. Einfach, weil Comic viel mit Wortwitz und der Herstellung von Beziehungen über Sprache zu tun hat. Das ist sicherlich nicht einfach. Wenn sich die Kollegen von «Charlie Hebdo» etablieren wollen, müssen sie wohl auch originale deutsche Texte publizieren.

Die Inhalte von «Charlie Hebdo» gelten als sehr derb. Es gibt immer wieder Kritik und auch Klagen – funktioniert diese Derbheit in Deutschland?

Wieso nicht? «Charlie Hebdo» wurde nach den Anschlägen auch in Deutschland von vielen als das Satire-Magazin hochgehalten, das es zu verteidigen gilt. Aber es ist wahrscheinlich, dass der eine oder andere enttäuscht sein wird, wenn sie realisieren, wie oft Weltpolitik bei «Charlie Hebdo» auf Analverkehr reduziert wird. Aber wir sehen das ganz ehrlich mit einer gewissen Vorfreude – es gibt auf jeden Fall eine Berechtigung.

Satire ist etwas, das gegen den herrschenden Konsens produziert wird.
Autor: Tim Wolff

Was ist ihr Rat an die Kollegen – welche Art von Satire könnte in Deutschland denn gut funktionieren?

Naja, ich möchte hier nicht unbedingt unser Erfolgsgeheimnis verraten. Aber, ich glaube, eigentlich ist Satire im Kern gar nicht dafür gemacht, sich verkaufen zu wollen. Es ist ja etwas, was gegen den herrschenden Konsens produziert wird, und das ist traditionell nicht das verkaufsträchtigste.

Das Gespräch führte Eliane Leiser.

Zur Person

Zur Person

Tim Wolff ist ein deutscher Satiriker und seit 2013 Chefredaktor des zweitgrössten deutschen Satire-Magazins «Titanic». Darüber hinaus publiziert er in zahlreichen anderen Zeitschriften.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Cherubina Müller (Fabrikarbeiterin)
    Obwohl ich ständig radikal-islamistische Strömungen im In-und Ausland kritisiere, schätze ich Charlie Hebdo als pseudosatirisches und pauschalisierendes Hetzblatt von bescheidener intellektueller Qualität ein. Satire ist gewiss ein Feind von fundamentalistischen Strömungen; primitive Karikaturen betreffend einer Religion, für die man kein Verständnis und sich nie eingehend interessiert hat, können aber auch für friedliche Anhänger einer Religion verletzend und damit kontraproduktiv sein.
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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Ich finde es gut. So kann jeder immer wieder sehen, dass der Islam nicht zu uns passt. Der Islam ist ja nicht schlecht für die Moslems, und wenn wir in weiter Entfernung voneinander leben und uns in Ruhe lassen bleibt auch alles wie es soll. Beide Kulturen dürfen wenigstens im Geschichtsunterricht die "andere" Kultur bewundern, so wie man das mit allen fremden Kulturen tut.
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  • Kommentar von Fredchen Schoch (Verschwörer)
    Ich persönlich denke das eine solche Provokation gegenüber dem Islam bei den Einwanderern in Deutschland definitiv nicht gut ankommt, auch wenn diese als "Satire" getarnt ist... Zu Charlie Hebdo ist wichtig zu Wissen welche sehr bekannte Familie dieses Magazin gut einen Monat vor den Anschlägen aufgekauft hat.. Findet man auf Google sehr schnell raus, und lässt dann diese Satire in einem anderen Licht erscheinen.. Einen friedlichen Tag allen da draussen
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    1. Antwort von Pierre Honsberger (pgh58)
      Ich nehme an Sie setzen die "sehr bekannte Familie" mit der Familie Rothschild gleich. Keine Ahnung was Sie mit dieser Aussage bezwecken wollen, ich bitte Sie aber, wenn schon, korrekt zu googeln: dieser angeblicher Kauf ist schon lange durch mehrere Quellen als Hoax und Falschmeldung entlarvt worden. Leider scheinen wir wirklich immer mehr im postfaktischen Zeitalter angekommen zu sein.
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    2. Antwort von Fredchen Schoch (Verschwörer)
      Geehrter Herr Honsberger. Ihnen ist schon bewusst wie mächtig diese Familie Rotschild ist und welchen Einfluss Sie auch in der Medienlandschaft haben. Da werden schnell mal Meldungen gegen diese Familie als Hoax abgetan. Interessant dazu wäre mal die Geschichte der FED, die Geschichte von Shell sowie über die Gründung der EU sowie des Euros nachzuforschen. Übrigens welche Familie hat uns das wunderschöne Schuldgeldsystem eingebrockt.. Sagt Ihnen Executive Order 11101 etwas?? (Kennedy)
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