«Das sind die Folgen des Klimawandels»

In Indien hat der Monsunregen verheerende Folgen: Die Ernte verrottet auf den Feldern, zahlreiche Obdachlose und stundenlange Stromausfälle. Die Reportage von Südasien-Korrespondentin Karin Wenger zeigt die Folgen des Klimawandels in Indien.

Mann auf Holzbett kauernd, im Hintergrund ist ein überschwemmtes Feld erkennbar. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Büffel, ein Holzbett und die Kleider am Leib. Das ist alles, was Bauer Satrogan nach der Flut geblieben ist. SRF/Karin Wenger

Wasser, überall Wasser. Es hat fast alles verschluckt: die Bambushütten, die Ernte, das Vieh. Nur die Strasse blieb verschont. Sie liegt erhöht.

Von hier blicken die Bewohner auf das, was die Flut von ihrem kleinen Weiler übrig gelassen hat. Bauer Satrogan hat einzig seinen Büffel und sein Holzbett gerettet. Er zeigt auf die Reisfelder hinter dem Dorf: «Dort ist alles verrottet. Der Reis, das Zuckerrohr, alles kaputt weil es zu lange im Wasser stand. Auch unser Saatgut und das Essen wurden weggeschwemmt.»

Tod und Zerstörung in Uttar Pradesh

Die Flut kam am Abend des 15. August. Ungewöhnlich starker Monsunregen war in Nepal niedergegangen. Sturzbäche schossen die nepalesischen Berge hinunter in die Ebene nach Indien. Hier öffnete die Lokalregierung Schleusen und Stauanlagen. 90 Tote, zehntausende Hütten und Häuser zerstört, 800‘000 Menschen auf der Flucht. Das waren die Folgen der Flut in Uttar Pradesh.

Haryana, ein anderer Gliedstaat im Norden Indiens, zwei Wochen später: Hier hat die Regierung auch den Notstand ausgerufen, aber nicht wegen der Flut, sondern wegen der Dürre. Der Monsunregen hat mit vielen Wochen Verspätung eingesetzt – jetzt verlieren die Bauern die Hälfte ihrer Ernte. Bereits im vergangenen Jahr verfaulte ein Grossteil des Weizens – damals hatte es zu viel geregnet.

Bauer Ram Kanwar führt uns über sein Feld. Die grünen, kniehohen Hirsepflanzen sind zwar jetzt nass vom Regen, aber der kam eben viel zu spät. «Dieses ganze Feld hatte ich angesät. Hier Hirse und dort Guarbohnen. Ich hätte eine fette Ernte gehabt. Aber die Pflanzen sind viel zu klein, wenige haben gekeimt, die meisten haben nicht überlebt. Und nur, weil es nicht rechtzeitig geregnet hat.»

Klimawandel in Indien

Weniger Regentage aber heftigerer Niederschlag

2014 ist kein gutes Jahr für die Bauern im Norden Indiens. Katastrophenmeldungen jagen sich. Hochwasser in Uttar Pradesh, Dürre in Haryana, Jahrhundertflut in Kaschmir, Zyklon an der Ostküste des Landes.

Chandra Bhushan, Vize-Direktor des Zentrums für Wissenschaft und Umwelt in Delhi, nennt die Ursache beim Namen: den Klimawandel. Dieser sei in Indien längst Realität. «In den letzten 10 bis 15 Jahren hat sich der Monsun verändert, ist unberechenbar geworden. Vorhersagen sind schwierig. Wo es früher kaum Regen gab, regnet es heute mehr und umgekehrt. Wir haben weniger Regentage, aber heftigeren Niederschlag. Das sind die Folgen des Klimawandels.»

Der Monsun ist Indiens Wirtschaftsmotor. Verändert sich dieser, wird sich alles in Indien verändern. «Wir werden mehr Fluten und mehr Dürren haben. Die Bauern – also mehr als 60 Prozent unserer Bevölkerung – werden sich anpassen müssen. Es wird weniger Regentage geben. Das bedeutet, dass unser Grundwasserspiegel absinkt und Wasser knapp wird. Es wird heisser werden, die Produktivität wird sinken. Das wird sich negativ auf unsere Wirtschaft auswirken», sagt Bhushan.

Der Klimawandel werde das Wachstum südasiatischer Länder weltweit am stärksten negativ beeinflussen – falls sich die Erdatmosphäre um mehr als zwei Grad erwärmt. Zu diesem Schluss kommt ein Bericht der Asiatischen Entwicklungsbank.

Mehr Energie-Engpässe

Doch Indien ist nicht nur ein Verlierer im Klimawandel, sondern auch ein Verursacher. Bis heute werden lediglich 13 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen, Wasserkraft nicht mitgezählt. Laut Schätzungen wird sich der Energiebedarf des Landes in den kommenden zwanzig Jahren verdoppeln.

Die Energie-Engpässe sind jedoch bereits heute allgegenwärtig, Stromunterbrüche gehören zum Alltag – 2012 sassen 600 Millionen Menschen stundenlang im Dunkeln. 400 Millionen Inder sind bislang noch immer nicht ans Stromnetz angeschlossen. Und Narendra Modi spricht ununterbrochen von mehr Wachstum, mehr Firmen, mehr Industrie. All das bedingt jedoch, dass die Stromproduktion massiv ausgebaut werden muss. Das bedeutet keine Reduktion von Klimagasen, sondern eine Zunahme.

Denn der Löwenanteil der Energie – ungefähr 60 Prozent – wird in schmutzigen Kohlekraftwerken erzeugt und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.

Im heiklen Balanceakt von Klimaschutz und Wachstum ist Modis Präferenz klar: Zuerst muss Indiens Wirtschaft wachsen, egal zu welchem Preis, egal wer sich anpassen muss. Klimaschutz kommt später.

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