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International Das System Muslimbruderschaft am Pranger

Die derzeitigen Proteste in Ägypten richten sich nicht nur gegen Präsident Mursi selbst. Das ganze System der Muslimbrüder steht in der Kritik. Die Organisation hat nach Meinung vieler Ägypter Versprechen gebrochen und sich vom Volk entfernt.

Wandgemälde mit arabischer Schrift und einem Bild von Präsident Mursi. Im Vordergrund ein Mann.
Legende: «Rote Karte – 30. Juni» steht in roten Lettern geschrieben. Nicht nur Präsident Mursi selbst steht dann am Pranger. reuters

«Islam ist die Lösung» war der langjährige Wahlslogan der Muslimbrüder in Ägypten. Diesen verwenden sie aber nicht mehr, sagt Politologin Mariz Tadros. Die Lebensbedingungen der meisten Ägypter haben sich unter Präsident Mursi massiv verschlechtert. «Die Armut hat zugenommen.»

In den Augen vieler Ägypter sei allerdings nicht der Präsident Schuld an der Lage, so Tadros. Es gebe genügend Beweise, dass das Land nicht vom Präsidentenpalast aus regiert wird, sondern vom Politbüro der Muslimbrüder.

Die grösste islamistische Organisation des Landes habe ihre Strahlkraft verloren. Früher haben die Muslimbrüder Kritik mit der «Religions-Keule» abwehren können. Nach dem Prinzip: «Wer uns kritisiert, kritisiert den Islam.» Diese Monopolisierung der Religion wird laut Tadros nicht mehr toleriert.

Reformer als Deckmantel

Die Kritik ist klar: Die Muslimbrüder haben ihre Versprechen nicht gehalten. Noch vor zwei Jahren wurde prophezeit, dass die Muslimbrüder sich zu einer gemässigt islamistischen Partei nach türkischem Vorbild entwickeln würden. Doch das Gegenteil sei eingetreten, so Tadros: Die Organisation habe sich noch mehr eingeigelt, reformwillige Mitglieder wurden ausgeschlossen.

Nach der Machtübernahme habe man sich die konservative Führung des moderaten Mäntelchens entledigt. Zu Zeiten Mubaraks habe man sich gegen aussen noch bewusst gemässigt gezeigt, so Tadros: «Die Reformer waren nur da, um internationale Befürchtungen zu beschwichtigen.»

Das Politbüro habe den Kontakt zur breiten Bevölkerung verloren. Bürger, die gegen Stromausfälle demonstrieren, werden als bezahlte Gauner beschimpft. Die Beschimpfungen und Drohungen in Mursis letzter Rede zur Nation erinnern Tadros gar an die letzten Tage Mubaraks.

Zur Person

Die Ägypterin Mariz Tadros ist Professorin an der Universität Sussex (GB). Sie hat sich intensiv mit der Muslimbruderschaft auseinandergesetzt. Jüngst hat sie ein Buch über die Organisation veröffentlicht.

5 Kommentare

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  • Kommentar von Eva Hummel, Glarus
    Es brauchte schon eine gewisse naivität zu glauben, dass die Muslimbrüder wären sie denn einmal an der Macht gemässigt sein würden. Wie sagte doch Erdogan: "Die Demokratie ist nur der Zug auf den wir aufsteigen, bis wir an der Macht sind". Die Hamas hat vorgemacht wie das geht. Sich demokratisch wählen lassen und dann die Demokratie abschaffen.
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  • Kommentar von Beppie Hermann, Bern
    "Die Organisation habe sich noch mehr eingeigelt, reformwillige Mitglieder wurden ausgeschlossen." Eigentlich der falsche Ausdruck. Gerade kürzlich habe ich erfahren, dass man auch an Igelstacheln hängenbleiben kann.
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  • Kommentar von Dominique Schurtenberger, Bern
    Wer glaubt, in einem nicht-säkularen Land könne Demokratie gedeihen, glaubt wohl auch an eine Liebesgeschichte zwischen dem Weihnachtsmann und der Zahnfee. Da spielt es keine Rolle, welche Religion die Politik mitbeherrscht. Der Unterschied zwischen den christlichen und den muslimischen Staaten besteht indes darin, dass die Muslime immer noch nicht begriffen haben, dass nur die Trennung von Religion und Staat langfristig zu (nicht-autokratischer) Stabilität führen kann.
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