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International Der «coolste Kerl Deutschlands» wird 95

Schon beim 90. Geburtstag verbat er sich jeglichen Schnickschnack. Und auch jetzt, bei seinem 95., will der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt vor allem seine Ruhe haben – obwohl das Interesse an ihm nach wie vor riesig ist.

Was für eine Frage: Natürlich gibt es kein rauschendes Fest, keine staatstragenden Reden und auch keine üppigen Bankette. Helmut Schmidt feiert traditionell in seinem Doppelhaus im Norden Hamburgs – und zwar im engsten Kreis. Das hat er schon beim 90. Geburtstag so gehalten – und er gedenke es nun bei seinem 95. am 23. Dezember auch nicht anders zu machen, lässt der frühere deutsche Bundeskanzler über sein Büro wissen.

Legende: Video Helmut Schmidt wird 95 abspielen. Laufzeit 03:33 Minuten.
Aus 10vor10 vom 20.12.2013.

Ansonsten gebe es nichts zu sagen. Helmut Schmidt ist zwar seit gut 30 Jahren kein Regierungschef mehr. Doch das Interesse an dem Hamburger Ehrenbürger, zigfachen Preisträger und Herausgeber der Wochenzeitung «Die Zeit» ist nach wie vor gross. Wo immer er auftaucht, und egal ob er Europa, China oder gleich die ganze Welt analysiert – die Säle sind voll.

Der «coolste Kerl Deutschlands»

Besonders in Hamburg, wo die Menschen Schmidts Engagement als Innensenator bei der verheerenden Sturmflut 1962 mit mehr als 300 Toten nicht vergessen haben. Damals hatte der gebürtige Hamburger eigenmächtig kurzerhand die Bundeswehr herbeibeordert, um den Menschen zu helfen.

Längst ist der 2008 in einer Umfrage zum «coolsten Kerl Deutschlands» gewählte Schmidt auf dem Weg in die politische Unsterblichkeit. Das Lob gilt über Parteigrenzen hinweg. So bescheinigte ihm zu seinem 90. Geburtstag vor fünf Jahren der damalige Bundespräsident Horst Köhler: «Die Qualität seines Urteils ist einzigartig.» Und Kanzlerin Angela Merkel zeigt sich vor allem von der Standhaftigkeit ihres Vorgängers angetan.

Kanzlerschaft durch RAF-Terror geprägt

Am stärksten in Erinnerung geblieben ist in Deutschland jedoch die Kanzlerschaft von 1974 bis 1982: Sie war von der Ölkrise, der Vorbereitung eines europäischen Währungssystems und dem NATO-Doppelbeschluss geprägt.

Vor allem aber der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) haben Schmidts Amtszeit bis heute geprägt. Denn als am 5. September 1977 Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von RAF entführt wurde, blieb der Kanzler hart, verweigerte den Terroristen Verhandlungen. Nach sechs dramatischen Wochen war Schleyer tot.

«Mir ist sehr klar bewusst, dass ich – trotz aller redlichen Bemühungen – am Tode Hanns Martin Schleyers mitschuldig bin», sagte Schmidt – und war gerade deshalb sehr bewegt, als ihm die Familie Schleyer 36 Jahre nach dem RAF-Mord als Zeichen der Versöhnung im April 2013 den Hanns-Martin-Schleyer-Preis verlieh.

«Es rührt mich heute zutiefst, dass die Familie Schleyer öffentlich ihren Respekt gegenüber meiner damaligen Haltung zum Ausdruck bringt», sagte Schmidt bei der Preisverleihung.

Immer für Überraschung gut

Helmut Schmidt ist seit 1946 SPD-Mitglied. Doch parteipolitische Aktivitäten waren nach dem Abgang aus Kanzleramt und Bundestag nicht mehr wirklich seine Sache.

Auf Parteitagen erschien er nur sehr selten. Gleichwohl weiss Schmidt seine Sozialdemokraten immer wieder zu überraschen. So versetzte er sie gehörig in Aufregung, als er sich schon 2011 für den Hamburger Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten für die Wahl 2013 aussprach. Bekanntlich haben sich die Menschen in Deutschland für Merkel entschieden. Für Schmidt dürfte das aber kein Problem sein.

Er denkt sowieso lieber in grossen weltgeschichtlichen Linien, referiert gern etwa über Syrien oder Europa, um danach – wie zuletzt bei seinem einzigen grossen Wahlkampfauftritt für die SPD in Brandenburg – zu sagen: «Sie haben einem uralten Mann zugehört. Sie müssen ihn nicht unbedingt ernst nehmen.»

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Marcel Chauvet, Weißenstadt
    Menschenrechte scheinen ihm wenig am Herzen zu liegen: Im Nebel seines Nikotinabusus erklärte er, dass die Menschenrechte ein Erzeugnis unseres Kulturkreises seien. Es gebe sie weder in der Bibel, noch im Islam und in Fernost auch nicht. Es fehlt ihm also die Sensibilität für Menschen wie in China, denen Menschenrechte vorenthalten werden. China mit den weltweit höchsten Hinrichtungszahlen, bringt er uneingeschränkt größte Sympathie entgegen. Das muss zur Abwertung um mehrere Stufen führen.
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    1. Antwort von Juha Stump, Zürich
      Was die Menschenrechte betrifft, steht in der BIbel sehr wohl etwas darüber, wenn auch anders. Den Begriff Menschenrechte im heutigen Sinn gibt es eigentlich erst seit dem Ausarbeiten der "Magna Carta" in England im 13. Jahrhundert. Wenn wir einmal von den vielen Mord- und Todschlaggeschichten im Alten Testament absehen, ist es immer wieder erstaunlich, wie viel mehr Rechte z.B. die Frauen Israels im Vergleich zu allen anderen Völkern hatten. Wer das nicht glaubt, soll lesen.
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    2. Antwort von W. Pip, ZH
      Vielleicht wollte Helmut Schmidt damit bloss sagen, dass so etwas wie "Menschenrechte", die es erst in der jüngeren Geschichte gab und die schon nach so kurzer Zeit von Gewinnlern und Demagogen instrumentalisiert werden, wohl nicht mehr allzu lange Bestand haben wird und deswegen im geschichtlichen Zusammenhang geradenach belanglos erscheint. Er könnte auch damit recht bekommen.
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  • Kommentar von Marlebe Zelger, 6370 Stans
    Na, dann gratulier'n ma doch dem cool'n Kerl aus Hambuach ganz herzlisch
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    1. Antwort von B. Küng, Seeland
      Frau Zilger, überlassen Sie den Hamburger Dialekt den Hamburgern, sie können das, im Gegensatz zu Ihnen. Alle Gute zum Geburtstag Herr Schmidt. Solche grosse Staatsmänner wie Sie gibt es leider nicht mehr und in der Schweiz schon gar nicht.
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    2. Antwort von Juha Stump, Zürich
      @B. Küng: Gibt es den Hamburger Dialekt überhaupt noch? Nach allem, was ich bis heute erfahren habe, soll er am Aussterben sein, aber immerhin wurde vor wenigen Jahren bei der Beisetzungsfeier für Heidi Kabel in der Kirche noch ein echtes hamburgisches Volkslied mit vielen Kindern gesungen - das lässt doch wieder hoffen. Übrigens gibt es auch noch einen uralten Stadtzürcher Dialekt, den heute nur noch ganz wenige über 80-Jährige sprechen, aber es gibt ihn noch.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Der "coolste Kerl Deutschlands" hat vieles richtig gemacht, aber leider doch einen Fehler begangen, den er zum Zeitpunkt dieses Fehlers aber nicht in seinen ganzen Dimensionen voraussehen konnte. Ich meine damit die Einladung an Erich Honecker zu einem Staatsbesuch in der BRD - eine Einladung, die sein Nachfolger Helmut Kohl leider nicht mehr rückgängig machen konnte. Welch ein Triumph für diesen Mörder - ein Aufruf zum Mord (an der Grenze) ist ebenfalls ein Mord - im Jahr 1987!!
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