Der falsche Gandhi von Rudolstadt

In einem Punkt erzählte Beate Zschäpe etwas Neues in ihrer Aussage am Mittwoch: Der Thüringer Neonazi Tino Brandt habe sie radikalisiert. Das ist vor allem deswegen spannend, weil der zu genau dieser Zeit Spitzel des deutschen Verfassungsschutzes war.

Oberlandesgericht in München. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Reuters

Wenn sich Tino Brandt an etwas erinnert, dann an seinen Weg der Gewaltlosigkeit. Über den gerät der korpulente, stiernackige Neonazi mit der Brille fast ins Schwärmen: «Wenn wir etwas verändern wollten, dann politisch und nicht mit Gewalt», erzählt er. Und: «Gewaltdiskussionen gab es bei uns nicht.»

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Die Kooperation

Journalisten der deutschen Tageszeitung «Stuttgarter Nachrichten» und des SRF recherchieren, wie die rechtsextreme Szene in Baden-Württemberg und der Schweiz zusammenwächst. Sie haben mit Aussteigern aus der Szene gesprochen, tausende Seiten Dokumente gelesen und den NSU-Prozess in München mitverfolgt.

Bei uns – das ist der «Thüringer Heimatschutz» (THS). Ein Netzwerk von 170 Rechtsextremen, eine Art Strassentruppe, irgendwann im Jahr 1994 von Tino Brandt gegründet. Aus dem THS, sind Ermittler überzeugt, ist der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) entstanden, der zehn Personen das Leben genommen haben soll.

Als Brandt im Juli vergangenen Jahres vor dem Münchner Oberlandesgericht von seiner THS-Gruppe erzählte, entstand der Eindruck, als sei da ein Knabenchor unterwegs gewesen: Mittwochs Stammtisch im thüringischen Rudolstadt. Bier wurde getrunken, Skat gekloppt und in rauchgeschwängerten Kneipen werden Billardkugeln versenkt. Politische Diskussionen? Seien Tabu gewesen bei den Treffen.

«  Das ist Sachbeschädigung, ich weiss – unsere einzige Straftat. »

Tino Brandt

Am Wochenende verteilten die kahl geschorenen Männer Brandts in Bomberjacke und Springerstiefeln Flugblätter, auf denen sie ihre Sicht der Missstände in Deutschland anprangern: fehlende Meinungsfreiheit, Überfremdung, soziale Ungerechtigkeit. «Und Aufkleber haben wir auf Laternenpfähle geklebt», beichtete Brandt. Lehnte sich gönnerhaft zu den Richtern vor ihm: «Na ja, das ist Sachbeschädigung, ich weiss – unsere einzige Straftat».

Die Emotionen der Beate Zschäpe

Alles klingt, als beschreite Brandt den Weg des gewaltlosen Widerstandes gegen ein Unrechtssystem. So wie es der Inder Mahatma Gandhi getan hat. Brandt lehnte sich zurück, lächelte und schaute nach links.

Dort riss am 125. Verhandlungstag Beate Zschäpe die Augen auf. Schüttelte den Kopf. Ihre Miene versteinert. Ihrem Verteidiger Wolfgang Heer flüsterte sie etwas zu. Energisch. Es war einer der wenigen Momente, in denen die 40-Jährige Gefühle zeigte.

Zumindest in den 249 Tagen, die sie bislang als Hauptangeklagte vor dem Münchener Oberlandesgericht erschien: Die Richter wollen herausfinden, ob und wie Zschäpe an zehn Morden, 15 Raubüberfällen und mehreren Sprengstoffattentaten beteiligt war, die ihr die Staatsanwälte zur Last legen. Sie ist die einzige Überlebende des Trios, das die Straftaten begangen haben soll.

Jetzt erweiterte Zschäpe den Kreis der Verdächtigen: um Tino Brandt.

140'000 Euro für Spitzeldienste

Auch auf dessen Aussagen stützen die Ermittler ihre Anklage. Auf Brandt, der aktuell eine fünfeinhalbjährige Haftstrafe absitzt. Richter des Landgerichts Gera befanden den Neonazi für schuldig, in 66 Fällen Minderjährige missbraucht und gegen Provision auch an andere Männer vermittelt zu haben.

Tino Brandt, der V-Mann des thüringischen Verfassungsschutzes, der vom Januar 1995 bis zum Mai 2000 und vom Juni 2000 bis Januar 2001 unter den Bezeichnungen VM 2045 und VM 2150 mit den Decknamen «Otto» und «Oskar» in der rechtsextreme Szene spitzelte. 140'000 Euro soll er für seine Dienste erhalten haben.

Geld, das - glaubt man Beate Zschäpe - auch darin geflossen ist, den NSU aufzubauen. Brandt, lässt die Jenaerin in ihrer wohlgesetzten Erklärung verlauten, «sei in der Kameradschaft Jena aufgetaucht» und sei «zum Mittelpunkt aller Aktionen geworden». Aus dieser Gruppe und dem THS ist der NSU entstanden. Brandt habe Geld gegeben, damit die Plakate mit rechtsextremen Parolen gedruckt, an Demonstrationen teilgenommen und politische Aktivitäten möglich wurden. «Dadurch wurden die Aktionen erst möglich.»

Acht Anklagen, acht Freisprüche

Während Brandt für die Inlandsgeheimen Rechtsextreme ausspähte, beteiligt er sich an einer Vielzahl verfassungsfeindlicher Aktionen. 35 Ermittlungsverfahren gegen den V-Mann listet das thüringische Innenministerium auf: Volksverhetzung, Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, Betrug und Bildung krimineller Vereinigungen. Er soll Ausschreitungen angezettelt haben.

Die meisten Verfahren wurden auf wundersame Weise eingestellt. Achtmal wurde Brandt angeklagt. Achtmal wurde Brandt freigesprochen.

«Hundertprozentig überzeugte Kameraden»

In München belastete Brandt damals Beate Zschäpe: Die habe mit ihren Kumpanen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zur Kameradschaft Jena gehört. Eine zahlenmässig kleine, dafür aber «elitäre, weltanschaulich gefestigten» Truppe. Kein Vergleich zu anderen Neonazi-Gruppen, in denen sich naive Teenager sammelten, die «viele Schulungen brauchten, um sich ideologisch zu festigen».

Ganz anders in Jena: Von «hundertprozentig überzeugte Kameraden» spricht Brandt, die «dem Nationalsozialismus und dessen Idealen» nahegestanden und so manches Ding «konspirativ durchgezogen» hätten. Ohne dass Tino Brandt auch nur etwas davon ahnte.

Fahnder stützt Aussagen Zschäpes

Das hörte sich vor genau einem Jahr anders an, als die Richter einen Hauptkommissar des Bundeskriminalamtes (BKA) befragten. Der hatte den Mitangeklagten Holger G. vernommen.

«  Wir gehen davon aus, dass Brandt die Anwendung von Gewalt befürwortete und unterstützte. »

Fahnder des Bundeskriminalamts

Der mutmassliche NSU-Unterstützer Holger G. habe berichtet, wie Brandt an einigen brisanten Gesprächen mit Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos teilnahm, in denen es um «den Einsatz von Gewalt im Kampf gegen das System» ging. Der Fahnder fasste damals zusammen: «Wir gehen davon aus, dass Brandt die Anwendung von Gewalt befürwortete und unterstützte.»

Die Parole: «Taten statt Worte»

Das passt zu dem, was Zschäpe jetzt aussagte. Und es deckt sich mit Recherchen, die die «Stuttgarter Nachrichten» gemeinsam mit dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) machte: Thüringer Heimatschützer erzählen, wie Brandt sie ermuntert habe, «im Untergrund kleine Zellen zu bilden». Er habe das Motto «eine Idee sucht Handelnde» ausgegeben. «Taten statt Worte» habe er gefordert.

Der NSU, schrieben die Ankläger der Bundesanwaltschaft im November 2012 in ihre Anklageschrift gegen Zschäpe, der NSU habe sich als «elitäre Avantgarde eines um seiner selbst Willen . . . geführten terroristischen Vernichtungskampf gegen den Staat in seiner bestehenden Form» empfunden. Ihre Handlungsmaxime sei in der Parole «Taten statt Worte» zusammengefasst worden.

Zschäpes Gefühlsausbruch erschliesst sich: Brandt, der da als Zeuge von gewaltlosem Widerstand und politischen Veränderungen schwadronierte, hat mit grosser Wahrscheinlichkeit Zschäpes Weg in den Terrorismus zumindest gefördert. Dennoch bleiben Fragen offen. Denn Konkretes dazu, was der zum friedliebende Gandhi von Rudolstadt mutierte Brandt tat, berichtet Zschäpe nicht.

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