Der falsche Vizekandidat kann verheerend sein

Mit welcher Nummer Zwei steigen Clinton und Trump ins Präsidentschaftsduell? Nächste Woche beginnen die Republikaner mit den Nominierungsparteitagen, spätestens dann wird Klarheit über die Vizekandidaten herrschen. In den USA wird heftig über die Personalie spekuliert.

Mögliche Vizepräsidentschaftskandidaten

Weder Hillary Clinton noch Donald Trump haben bislang durchsickern lassen, wen sie als ihren sogenannten «running mate», als Vizepräsidentschaftskandidaten, nominieren werden. Doch langsam wird es ernst, denn nächste Woche wählen die Republikaner am Parteitag ihren offiziellen Präsidentschaftskandidaten, übernächste Woche dann die Demokraten.

 

Während man bei Trump eher mit einem unkonventionellen Vizekandidaten rechnen muss, geht der USA-Spezialist Stephan Bierling davon aus, dass Clinton eher den klassischen Weg gehen und einen ausgleichenden Stellvertreter auswählen wird.

SRF News: Weshalb geben Hillary Clinton und Donald Trump so lange nicht bekannt, wen sie als Vizepräsident wählen?

Stephan Bierling: Es ist normal, dass ein Präsidentschaftskandidat seinen Kandidaten fürs Vizeamt nicht allzu früh bekannt gibt. Damit soll ein Überraschungsmoment in den Nominierungsparteitag gebracht werden, der ansonsten ja völlig durchgeplant ist. Auch ist es durchaus Absicht, dass in den Medien über mögliche Vizes spekuliert wird. So bleiben die Kandidaten präsent.

Wer entscheidet, welcher Vizepräsidentschaftskandidat nominiert wird?

Die Entscheidung treffen Trump und Clinton. Natürlich spielen ihre Berater dabei eine Rolle. Auch sogenannte Wähler-Fokusgruppen werden miteinbezogen, um herauszufinden, welcher potenzielle Kandidat an der Basis am besten ankommt. Das Ganze ist also ein längerer Prozess, entscheidend ist am Schluss jedoch das Wort des Präsidentschaftskandidaten.

«  Trump hat Mühe, jemanden zu finden, der mit ihm in den Wahlkampf zieht. »

Wie wichtig ist der Vizepräsident für den Wahlerfolg?

Untersuchungen zeigen, dass er nur eine kleine Rolle spielt. In Ausnahmefällen kann es allenfalls sein, dass der Präsidentschaftskandidat dank dem Vizekandidaten einen Bundesstaat mehr für sich holen kann. Gerade in den sogenannten Swing-States, also jenen Bundesstaaten, in denen sich Republikaner und Demokraten ein sehr enges Rennen liefern, kann dies eine Rolle spielen. Wenn also etwa ein Vize aus Florida nominiert wird, kann der Präsidentschaftskandidat dort zwei, drei Prozentpunkte mehr Stimmen holen, was den Ausschlag zum Sieg im betreffenden Bundesstaat geben kann. Im Negativen kann die Auswahl des Vizekandidaten allerdings sehr wohl einen grossen Einfluss im Wahlkampf haben: Ich erinnere an den Wahlkampf vor acht Jahren, als der Republikaner John McCain Sarah Palin zur Vizekandidatin erkor, die in der Öffentlichkeit später durchfiel. Dadurch wurde das Urteilsvermögen von Präsidentschaftskandidat McCain in Zweifel gezogen, was für ihn sehr negativ war.

Was ist die Rolle des Vizepräsidentschaftskandidaten bis zur Wahl?

Er macht Wahlkampf zusammen mit dem Präsidentschaftskandidaten und tritt dabei in der Regel viel aggressiver auf als dieser. Das erlaubt es dem Präsidentschaftskandidaten, sich etwas staatsmännischer zu geben und verbindlicher und integrativer aufzutreten. Soweit die Theorie. Im Fall von Donald Trump wissen wir allerdings nicht, wie das funktionieren wird, weil Trump eine nichtkontrollierbare Person ist. Er braucht eigentlich gar keinen Wadenbeisser, weil er selbst der grösste Wadenbeisser in der Geschichte der amerikanischen Politik ist.

«  Es ist wahrscheinlich, dass Clinton einen Mann als Vizekandidaten auswählen wird. »

In den US-Medien wird heftig über mögliche Namen spekuliert. Wen könnte Trump zu seinen Vizekandidaten machen?

Ein eher traditioneller Kandidat wäre der Gouverneur von Indiana, Mike Pence. Er würde Regierungserfahrung mitbringen, ausserdem ist Indiana ein wichtiger Staat, den Trump unbedingt gewinnen muss. Mit Pence würde Trump versuchen, das republikanische Partei-Establishment an sich zu binden. Ausserdem würde er mit Pence jemanden mit hineinbringen, der in seinem Leben schon jemals etwas mit Politik zu tun gehabt hat. Etwas unkonventioneller aber hochgefährlich wäre Newt Gingrich. Er hat sehr grosse politische Erfahrung, gilt allerdings als nicht gut kontrollierbar. Er spricht sehr laut und würde Trumps Botschaft natürlich verstärken, wonach das System korrupt sei und jetzt ihn als Aussenseiter brauche. Ein dritter genannter Kandidat ist der pensionierte General Michael Flynn. Er leitete einen der 13 US-Geheimdienste, bevor ihn Präsident Barack Obama entliess. Flynn hat kaum politische Erfahrung und ist eigentlich nur damit aufgefallen, dass er mit Russlands Präsident Wladimir Putin auf einem Podium sass. Er würde Trumps Aussenseiter-Botschaft am stärksten unterstreichen. Alles in allem hat Trump aber Mühe, jemanden zu finden, der mit ihm in den Wahlkampf zieht. Jeder «Nachwuchsstar» der Republikaner hütet sich davor, sich auf Trumps Ticket setzen zu lassen, weil er befürchtet, sich damit die Zukunft zu verbauen.

Und wie sieht es auf Seiten der Demokraten aus? Welcher Kandidat, welche Kandidatin passt zu Hillary Clinton?

In ihrem Fall wird eher über konventionelle Kandidaten diskutiert, die für das Amt in Frage kommen. In der Regel versucht man ja, mit der Person des Vizepräsidentschaftskanditaten eine weltanschauliche, regionale oder geschlechtliche Balance hineinzubringen. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass Clinton einen Mann auswählen wird, vielleicht einen Gouverneur, vielleicht jemanden mit Latino- oder Schwarzen-Hintergrund. Gute Chancen hat Tim Kaine, bis 2010 Gouverneur von Virginia. Er ist ein erfahrener Politiker, überstrahlt Clinton aber nicht. Ausserdem ist Virginia ein wichtiger Swing-State, den die Demokraten dank Kaine gewinnen könnten. Eher wenig politische Erfahrung hat Tom Perez, der ebenfalls als möglicher Vizekandidat gehandelt wird. Perez ist Vize-Justizminister in der Obama-Regierung und hat Latino-Wurzeln. Er könnte diese am stärksten wachsende Wählergruppe der USA etwas stärker an Clinton binden, obschon die Latinos mehrheitlich ohnehin für die Demokraten stimmen.

Das Interview führte Susanne Schmugge.