Tag zur Minenaufklärung «Der Kampf ist noch nicht zu Ende»

1982 verlor Tun Channareth beide Unterschenkel durch eine Landmine. Seitdem kämpft er gegen die hinterhältigen Waffen.

Mit ein paar geübten Griffen lenkt Tun Channareth seinen Rollstuhl über das Kies und stoppt dann abrupt. Die Stümpfe seiner Beine stecken in kurzen Jeans, Channareth wischt sich den Schweiss von der Stirn. Der 56-Jährige ist ein Mann mit vielen Leben: Flüchtling, Soldat, Bettler und Nobelpreisträger war er schon. Über Landminen weiss er alles. Er hat sie schliesslich in den 80er-Jahren selbst gelegt.

Darum geht es

  • Heute ist internationaler Tag für die Aufklärung über Minengefahr und die Unterstützung von Antiminenprogrammen.
  • Kambodscha ist eines der am stärksten von Landminen betroffenen Länder.
  • SRF-Südostasienkorrespondentin Karin Wenger hat dort zwei Menschen getroffen, die sich dem Kampf gegen Minen und Streubomben verschrieben haben.

«Wir alle haben damals Minen gelegt. Die vietnamesische Armee wurde von den Russen unterstützt, wir wurden von China und den USA mit Minen versorgt», sagt Channareth. Es war die Zeit, nachdem die Vietnamesen das brutale Regime der Roten Khmer von Pol Pot gestürzt hatten. Zuerst waren sie als Befreier willkommen, doch bald wurden sie als Besatzer wahrgenommen. Ein blutiger Bürgerkrieg begann in Kambodscha. Channareth floh in ein Flüchtlingslager in Thailand und wurde kurz darauf im Kampf gegen die Vietnamesen rekrutiert.

«  Ich wollte nicht mehr leben. »

Tun Channareth
Landminenopfer

Er habe sich entschieden, Soldat zu werden, weil er nichts zu essen hatte, sagt Channareth. «Ich hatte jedoch Pech: Sie machten mich zum Spion und schickten mich über die Minenfelder im Grenzgebiet, um in Kambodscha Informationen zu sammeln.» Das hatte schwere Folgen für sein Leben. An einem Tag im Jahr 1982 trat der junge Soldat auf eine Mine und verlor beide Unterschenkel.

Noch immer liegen Millionen von Minen in Kambodscha

«Ich wollte nicht mehr leben. Im Spital habe ich ein Messer versteckt, um mich umzubringen», sagt er. Die Schwestern aus dem Spital hätten ihn aber davon abgehalten und versucht, ihm neue Hoffnung zu geben.

Denise Coghlan Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schwester auf Mission: Denise Coghlan hat sich dem Kampf gegen Landminen verschrieben. Karin Wenger

In den Spitälern arbeitete damals die australische Ordensschwester Denise Coghlan. Sie leitet heute den Flüchtlingsdienst der Jesuiten in Kambodscha. Damals habe sie in den Flüchtlingslagern unzählige Leute getroffen, deren Beine von Minen weggesprengt worden seien, erinnert sie sich. «Wir sagten uns, diese Minen müsste man verbieten. Doch erst später wurden wir die Stimme der Überlebenden und brachten diese nach Genf und zu den Vereinten Nationen.»

«  In Ost-Kambodscha ist das Land mit Streubomben verseucht, dort wo die Amerikaner den Ho-Chi-Minh-Pfad bombardiert haben. »

Denise Coghlan
Leiterin des Flüchtlingsdienstes der Jesuiten in Kambodscha

Coghlan gründete in Kambodscha die Kampagne, um Antipersonenminen zu verbieten. Sie war eine der Schlüsselfiguren im internationalen Kampf gegen Landminen. Dieser führte 1997 zum Ottawa-Abkommen. Doch noch immer liegen nach Angaben des «Cambodian Mine Action Centres» vier bis sechs Millionen Minen in Kambodscha. Bis 2025 sollen sie alle geräumt werden.

«Nach den Landminen kämpfen wir jetzt gegen die Streubomben»

Problematisch sind laut Coghlan aber nicht nur die Minen, die an der thailändischen Grenze liegen. «In Ost-Kambodscha ist das Land mit Streubomben verseucht, dort wo die Amerikaner den Ho-Chi-Minh-Pfad bombardiert haben. Wann sie geräumt werden, ist nicht klar.» Noch immer würden mehr als 160 Personen pro Jahr in Kambodscha durch Minen und Streubomben verletzt. Das seien zwar weniger als früher, aber immer noch zu viele.

1997 durfte Tun Channareth für die internationale Kampagne zum Verbot von Landminen den Friedensnobelpreis entgegennehmen. 2017 sagt er, der Kampf sei nicht zu Ende. «Nach den Landminen kämpfen wir jetzt gegen die Streubomben.» Kambodscha habe zwar die Ottawa-Konvention unterschrieben – nicht aber die Konvention gegen Streubomben. Diese ist 2010 in Kraft getreten.