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International Der Klimawandel – nur ein Luxusproblem?

Ende Jahr soll die Welt in Paris ein verbindliches Abkommen gegen den Klimawandel beschliessen. Doch die globalen Krisenherde lenken den Blick ab von der Erderwärmung. Ein fataler Fehler, findet der Umweltaktivist Kumi Naidoo: Denn das Klima steht am Anfang vieler Konflikte.

Rauch steigt Kohlekraftwerken im deutschen Niederaussen, davor Windräder.
Legende: Aus den Augen, aus dem Sinn? Klima- und Sicherheitspolitik sind aufs Engste verknüpft, sagt Umweltaktivist Naidoo. Keystone

Auf den ersten Blick hat der Krieg in der Ukraine nichts mit dem Klimawandel zu tun. Auf den zweiten Blick aber sehr wohl. Davon ist Kumi Naidoo, der Chef von Greenpeace International, überzeugt. Denn die Erderwärmung, die Energie-Effizienz und die Sicherheitspolitik hingen eng miteinander zusammen.

«Kaum ein anderes Land verschwendet pro Kopf der Bevölkerung so viel Energie wie die Ukraine», sagt Naidoo. Das habe sie abhängig gemacht von Russland und zu den enormen politischen und militärischen Spannungen beigetragen.

Dazu kommt: Präsident Wladimir Putins aggressiver Kurs wäre undenkbar, wenn er nicht Milliarden aus den Öl- und Gasexporten in die Rüstung stecken könnte. Die Gier des Westens nach fossilen Brenn- und Treibstoffen schaffe also Potentaten, ist Naidoo überzeugt.

Wo Klima- und Sicherheitspolitik ineinander greifen

Zeigen lässt sich das auch in Kuwait, Saudi-Arabien und den übrigen Golfstaaten: «Weil die Golfmonarchen über enorme Ölreserven verfügen, lässt man sie gewähren.» Sie verzichteten deshalb auf überfällige Reformen. Genau das aber erhöhe die Gefahr, dass die autoritären Regime irgendwann gewaltsam beseitigt würden – in Revolutionen und Bürgerkriegen.

Eine kluge Klima- und eine kluge Sicherheitspolitik müssten also auf eine Energierevolution setzen. Nur so lasse sich die Abhängigkeit von ölreichen autoritären Regimen verringern.

Krieg als Kampf um Ressourcen

Noch direkter ist der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Kriegen und damit Flüchtlingsströmen in Afrika und im Nahen Osten. «Der Bürgerkrieg, ja Völkermord in Darfur, wird einmal in die Geschichte eingehen als erster vom Klimawandel ausgelöster Ressourcenkrieg», meint Naidoo. Die Erderwärmung löste in Darfur Dürren aus. Die Verknappung der Ackerflächen wiederum stand am Anfang des blutigen Konflikts zwischen ethnischen Gruppen.

Auch im Syrienkrieg spiele die globale Erwärmung eine Rolle. Jahrzehntelang habe die syrische Bevölkerung die Assad-Diktatur erduldet. Doch dann sei das Klimaproblem dazugekommen. «Das Land hat in kurzer Zeit vierzig Prozent seines fruchtbaren Landes verloren», so der Umwelt- und Menschrechtsaktivist. Das habe die Not und die Spannungen massiv verschärft, was den Aufstand gegen Assad begünstigte.

Klima-Lobbyist gastiert auf Sicherheitskonferenzen

Der 50-jährige Naidoo ist ein sanfter Mensch, der gerne lacht. Aber er vertritt seine Überzeugungen eindringlich. In Südafrika war er ein Anti-Apartheid-Aktivist, war deswegen auch im Gefängnis, musste ins Exil. Auch jetzt als Greenpeace-Chef lässt er sich nicht so leicht beirren.

Er weiss: Es ist ein harter Kampf nötig, damit Ende Jahr in Paris ein Uno-Klimaabkommen unterzeichnet wird. Naidoo lobbyiert dafür, Klimapolitik nicht länger als Luxusanliegen für wirtschaftlich rosige Zeiten anzusehen. Er tritt deshalb nicht mehr primär auf Klimakonferenzen auf, sondern auf sicherheitspolitischen Spitzentreffen, auf der Münchner Sicherheitskonferenz, am G7-Gipfel. Wenn es gelinge, die Klimapolitik auch als Sicherheitspolitik zu definieren, als Migrations- und Flüchtlingspolitik – dann stiegen die Chancen, dass endlich etwas passiere.

Es sei unverantwortlich, wenn sich die Staats- und Regierungschefs, die Verteidigungsminister, die Militärführer um das Klimaproblem foutierten. Denn es sei auch ihr Problem.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Hanspeter Schwarb, Eiken
    Naidoo bringt es auf den Punkt. Bisher waren Kriege und Umweltschutz zwei verschiedene Themen. Das ein Panzer oder ein Kampfflugzeug das vielfache an Treibstoff braucht, ist kein Thema. Bedenkt man noch den Verschleiss an Material. Die beiden grössten Rüstungsproduzenten die USA und Russland haben dazu noch Null Bock auf Umweltschutz. Die Kriege werden um Recourcen geführt und dafür werden wieder mehr Recourcen gebraucht. Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht und das immer schneller.
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  • Kommentar von M.Kaiser, Rebstein
    Erderwärm. und Eiszeiten gab es schon mehrfach ohne ein zutun der Menschen . Der Mensch mit seinen noch so grossen Untaten kann niemals eine Erderwärmung verursachen. Die Erderwärmung wird einzig durch vermehrte Aktivitäten von Sonneneruptionen ausgelöst . Dies beweisen Eiszeiten in der die Sonne weniger aktiv war . Alle diese Klimalobbyisten und Weltuntergangs -Rufer haben sich eine Marktnische durch Angstszenarien geschaffen . Ein einziger Vulkanausbr. verändert das Klima mehr wie der Mensch.
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    1. Antwort von Lena Meier, Aarau
      @ Kaiser: "Erderwärmung und Eiszeiten gab es schon mehrfach... " Richtig. Nur sollten Sie vielleicht die zeitlichen Dimensionen einmal etwas genauer anschauen. Eine Erwärmung wie sie zur Zeit stattfindet gab es NOCH NIE auch nur ansatzweise! Es gibt in der Fachwelt nicht den geringsten Zweifel, dass dies menschgemacht ist, aber Sie Herr Kaiser, wissen es natürlich besser. Hoffe, die Scheuklappen tragen sich bequem.
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  • Kommentar von Franz NANNI, Nelspruit SA
    Die Migrationswelle ist uA auch eine Folge des Klimachaos.. und es wird noch schlimmer kommen.. am Ende sind Verdraengungskriege das Resultat..Und diese Kriege haben schon in kleiner Form begonnen... der brutalste Staat wird gewinnen Menschheit quo vadis??
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