Der neue Taliban-Chef: Religionsgelehrter ohne Kriegserfahrung

Wenige Tage nachdem ihr bisheriger Anführer Mullah Achtar Mansur bei einem US-Drohnenangriff ums Leben gekommen war, haben die Taliban einen neuen Chef ernannt. Der Religionsgelehrte Mullah Haibatullah Achundsada könnte die zerstrittene Miliz einigen.

Allzu viel ist nicht bekannt über den neuen Taliban-Chef: Der Religionsgelehrte Mullah Haibatullah Achundsada wird um die 50 geschätzt und stammt aus Kandahar, dem Kernland der Talibanelite. Nach unterschiedlichen Quellen werde er als ehemaliger Oberster Richter der Taliban oder als dessen Stellvertreter beschrieben, heisst es in einer Studie des Rechercheinstituts Afghanistan Analysts Network. Während der sowjetischen Besatzung von 1979 bis 1989 floh der Sohn eines Theologen nach Pakistan. Als Kämpfer bringt er keine Erfahrung mit.

Rätsel um das Aussehen

Wie unsicher die Informationslage in diesem Fall jedoch ist, zeigt die Diskussion um ein Foto des neuen Anführers: Der Onlinenachrichtendienst «Afghan Islamic Press» veröffentlichte ein Bild, welches den neuen Taliban-Chef zeigen soll. Ein Talibansprecher bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa daraufhin, dass es sich dabei um Achundsada handle.

Die prompte Bestätigung liess sogleich Zweifler auf den Plan rufen. Kommt hinzu dass derselbe Sprecher ursprünglich gegenüber der BBC in Afghanistan gesagt hatte, dass kein bekanntes Foto des neuen Taliban-Chefs existiere und dass sich dieser auch nicht fotografieren lassen wolle.

Ist das der neue Taliban-Chef?

Einiger einer zerstrittenen Bewegung?

Mit ihrer Wahl seien die Taliban im Grunde genommen ihrer Hierarchie gefolgt, sagt Thomas Ruttig, Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network. Schliesslich war Achundsada erster Stellvertreter des getöteten Mullah Mansur. Dieser soll in einem Testament Achundsada als seinen Nachfolger bestimmt haben.

Der neue Anführer gilt als einer der wenigen Männer, die das Vertrauen des langjährigen, verehrten Talibanchefs Mullah Omar genossen. Dieser Fakt und seine Stellung als Religionsgelehrter machen Achundsada möglicherweise für viele Talibankämpfer zum akzeptablen Anführer.

Die unter Mullah Mansur begonnene Zersplitterung der Bewegung könnte gestoppt werden, glaubt auch Ruttig: «Er bringt alle Eigenschaften mit, die Taliban zusammenzuhalten», so der Afghanistankenner. Ein geschlossenes Auftreten habe denn auch momentan oberste Priorität bei der Miliz.

Nach der Ernennung Mullah Mansurs als Nachfolger des langjährigen Talibanchefs Mullah Omar war es zu Spannungen innerhalb der Miliz gekommen. Mehrere Fraktionen hatten Mansur vorgeworfen, die Wahl zu seinen Gunsten manipuliert zu haben. Unter den Kritikern war auch die Familie von Mullah Omar selbst. Verschiedene Flügel der Miliz kämpften daraufhin um die Vorherrschaft. «Es hat sehr viele Kämpfe zwischen den beiden Fraktionen gegeben und es ist sehr viel Blut geflossen», erklärt Ruttig. Es sei nun aber durchaus möglich, dass viele «Mainstream-Taliban» nach einer Versöhnung streben.

Buddha-Statue in Bamian. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der neue Talibanführer soll sich für die Zerstörung der Buddha-Stauen in Bamian eingesetzt haben. Keystone

Zerstörer der Buddha-Statuen?

Eine weitere Quelle aus den Reihen der Taliban beschreibt Achundsada als Hardliner. Ein Beispiel sei die Zerstörung der berühmten Buddha-Statuen von Bamian im Jahr 2001. Während es unter den Taliban auch Stimmen gegen ihre Zerstörung gegeben habe, habe Mullah Achundsada entschieden dafür gestimmt.

Die grosse Frage ist nun, ob ein allfälliger religiöser Hardliner für Friedensverhandlungen gewonnen werden kann. Wegen der generellen Unbekanntheit des Mannes schwierig zu sagen, meint Ruttig. Der religiöse Hintergrund Achundsadas könnte sich hier jedoch als Pluspunkt erweisen: «Als religiöser Gelehrter ist er natürlich auch für Versöhnungsangebote ansprechbar.»

Dass sich die Taliban jedoch so schnell auf einen neuen Anführer geeinigt und alle wichtigen Kommandanten ihm die Gefolgschaft geschworen hätten, könne gemäss Ruttig auch ein Zeichen dafür sein, dass man weiterhin Territorium in Afghanistan erobern wolle: «Ich glaube, dass zunächst der Krieg weitergeht, aber auch dass die Taliban darüber beraten werden, ob und wie sie in Friedensgespräche eintreten könnten.»