Der Preis von «Brexit» in Pounds und Pence

Die britische Regierung fährt schweres Geschütz auf: Im Falle eines Austritts des Königreichs aus der Europäischen Union würden die Briten «permanent ärmer». Kritiker monieren, ein Prognosehorizont bis 2030 sei unseriös, die ganze Übung sei bloss Propaganda.

Euro- und Pfund-Münzen, darunter die Queen auf einer Banknote. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Verabschieden sich die Briten vom europäischen Projekt, dürfte das teuer werden – sagt die Regierung. Reuters

Ökonometrische Prognosen über den künftigen Wirtschaftsverlauf sind keine exakte Wissenschaft, sondern eher eine kreative Disziplin. Davon allerdings will der britische Finanzminister, Schatzkanzler George Osborne, nichts wissen: «Das ist eine nüchterne und ernsthafte Analyse der ökonomischen Konsequenzen eines britischen Austritts aus der EU», sagte Osborne. Und da die Briten bekanntlich unsentimental mit dem Thema EU umgehen, handelte es sich um 200 Seiten Zahlen. Das ist also der «Artillerie-Park» der EU-Befürworter.

Das Papier zu den Auswirkungen von Brexit. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 200 Seiten voller schlechter Nachrichten: Die Regierung warnt vor dem Brexit. Panikmache, finden Austritts-Befürworter. Reuters

Szenarien für den Alleingang

Die Austrittswilligen haben sich ja nicht auf ein gemeinsames Zukunftsmodell einigen können. Daher rechnet das Schatzamt, also Osbornes Finanzdepartement, drei Szenarien durch:

Zuerst das norwegische Muster: Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum, aber ohne Mitsprache. Landwirtschaftsministerin Liz Truss winkte ab: Die reformorientierte britische Stimme in der EU würde verstummen. Das bezeichnet sie als Souveränitätsverlust.

Arbeitsminister Stephen Crabb behandelte das Szenario mit einem gänzlichen Verzicht auf ein Abkommen mit der EU, dafür mit Handelsbeziehungen wie etwa mit Russland gemäss den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO): Im Jahre 2030 läge die britische Wirtschaftsleistung 7,5 Prozent tiefer als bei fortdauernder EU-Mitgliedschaft und der Staat nähme jedes Jahr 45 Milliarden Pfund weniger ein.

Das mittlere Szenario folgt dem Muster Kanadas oder auch der Schweiz: Ein massgeschneiderter Handelsvertrag zwischen Grossbritannien und der EU. Schatzkanzler Osborne rechnete das Ergebnis um: Das bedeute eine Erhöhung des Einkommenssteuersatzes um 8 Prozentpunkte. Sein Fazit: «Grossbritannien wäre nach einem Austritt permanent ärmer.»

Absurde Zahlenspiele?

Die Reaktion der Austrittswilligen liess nach diesen Schreckensszenarien nicht auf sich warten. John Redwood, ehemaliger konservativer Kabinettsminister, legte die Stirn in Falten: «Diese Behauptung ist absurd. Ich bedauere, dass das Schatzamt auf dieses Niveau abgeglitten ist.» Eine Prognose für das Jahr 2030 sei gänzlich wertlos, meinte Redwood.

Sein Parteikollege, Schatzkanzler Osborne, konterte: Es sei unehrlich und wirtschaftlich analphabetisch zu behaupten, man könne alle Vorteile der EU behalten und gleichzeitig austreten. Europaskeptiker sollten nicht so tun, als ob Grossbritannien «den Fünfer und das Weggli» haben könne («have our cake and eat it»).

Es wird schwieriger

In der Tat sind die Zahlen im Einzelnen dubios. Das Schatzamt kann ja nicht einmal die britische Konjunktur für sechs Monate vorhersagen. Aber im Kern hat Finanzminister Osborne wohl recht: Das Brexit-Szenario ist nicht zu Ende gedacht: «Wer Zugang zum Binnenmarkt will, muss Budgetbeiträge zahlen und Freizügigkeit gewähren.»

Das ist der Kern, und genau das wollen die Brexit-Vertreter ja verhindern. Ohne Marktzugang aber sinken ausländische Investitionen und der Handelsaustausch wird teurer und beschwerlicher.