«Der Rechtspopulist würde seinem Anliegen künftig eher schaden»

Nun nimmt nach Boris Johnson auch die zweite Galionsfigur des Brexit-Lagers, Ukip-Chef Nigel Farage, den Hut. Der Rechtspopulist sei extrem polarisierend und mit Blick in die Zukunft dem EU-Austritt möglicherweise wenig nützlich, sagt SRF-Korrespondent Martin Alioth.

Ukip-Chef Nigel Farage sitzt im EU-Parlament vor einer britischen Fahne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sagt von sich selber, er sei kein Karriere-Politiker: Ukip-Chef Farage nimmt nach dem Ja zum Brexit den Hut. Keystone

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Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

SRF News: Kann es wirklich sein, dass sich Ukip-Parteichef Nigel Farage am Ziel sieht, oder hat er jetzt schlicht keine Rezepte mehr?

Martin Alioth: Es ist in der Tat etwas pervers, dass jene Politiker, die das Königreich aus der EU katapultiert haben, nun von Bord gehen. Farage sagt, sein Lebenswerk Brexit sei erreicht. Er habe sich ohnehin nie als normalen Karriere-Politiker gesehen. Farage beschreibt sich selbst als «One-Trick-Pony», als Zirkuspferd also, das nur ein einziges Kunststück kann: Brexit.

Würde man nicht erwarten, dass Farage und Boris Johnson jetzt Verantwortung übernehmen und am Exit mitarbeiten und den mitgestalten?

Doch, natürlich. Aber die beiden Männer haben gravierende Nachteile: Sie sind beide extrem polarisierend. Vermutlich würden sie ihrem Anliegen in der Zukunft eher schaden als nützen. Farage, der Ex-Börsianer mit Nadelstreifen-Anzug, Weinglas und Zigarre, war im englischen Mittelland und im Osten effizient.

«  Ukip eröffnet sich im Norden Englands eine goldene Chance als rechtsnationale Arbeiterpartei. »

Im eher proletarischen Norden hingegen, in Labours Stammlanden, wirkte er oft etwas fremd?

Ja, er konnte dort nur mit seinen fremdenfeindlichen Parolen punkten. Angesichts der gegenwärtigen Lähmung der Labour-Partei, die ihren Chef, Jeremy Corbyn, nicht abschütteln kann, eröffnet sich für Ukip im englischen Norden eine goldene Chance als rechtsnationale Arbeiterpartei. Denn Brexit war eine Revolte des englischen Nationalismus.

«  Es ist denkbar, dass Ukip ohne das Charisma und die Persönlichkeit von Einzelkämpfer Farage zerfällt. »

Welchen Weg schlägt die Ukip ohne Farage nun ein?

Diese Frage kann ich im Moment nicht beantworten. Es ist durchaus denkbar, dass das Gebilde ohne das Charisma und die Persönlichkeit von Einzelkämpfer Farage zerfällt. Oder aber, die Schwäche von Labour führt dazu, dass Ukip die Opposition der Konservativen wird und nicht mehr nur am Rande des Spielfelds steht und Unflätigkeiten brüllt.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Nigel Farage: «Ich will mein Leben zurück»

    Aus Echo der Zeit vom 4.7.2016

    Die «Brexit»-Befürworter gehen von Bord: Nach dem ehemaligen Londoner Bürgermeister Boris Johnson hat Nigel Farage, die zweite Galionsfigur der britischen EU-Gegner und Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei, seinen Rücktritt angekündigt.

    Das Land sei nun da, wo er es wollte, nämlich nicht mehr in der EU, sagte er.

    Martin Alioth

  • Ukip-Chef Nigel Farage tritt zurück

    Aus Tagesschau vom 4.7.2016

    Nach der erfolgreichen Brexit-Abstimmung tritt Wortführer und Ukip-Chef Nigel Farage völlig überraschend zurück. Grund dafür sei sein Wunsch auf Privatsphäre. Einschätzungen von SRF-Korrespondent Urs Gredig in London.

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    Aus Tagesschau vom 30.6.2016

    Der bekannteste Brexit-Befürworter Boris Johnson will nicht neuer britischer Premierminister werden. Ihr Interesse angemeldet haben dafür etwa Justizminister Michael Gove und Innenministerin Teresa May.

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    Aus Tagesschau vom 22.2.2016

    Die Konservativen von Premier Cameron sind komplett gespalten in der Brexit-Frage. Und neuerdings ist mit dem Londoner Bürgermeister Boris Johnson ein höchst illustrer Kopf Teil des Austritts-Lagers.