Der Schritt in den Abgrund

Vor genau 75 Jahren überfiel Hitlers Deutschland den Nachbarn Polen. Der Zweite Weltkrieg – der grösste militärische Konflikt in der Geschichte der Menschheit – war damit losgetreten. Ein Blick in jene folgenschweren Stunden Anfang September 1939.

Hektisches Treiben in Adolf Hitlers Räumen: Auf den Tischen sind Pläne ausgebreitet. Parteigrössen und Offiziere beraten. In ihrer Mitte der Führer, Adolf Hitler. Er kaut an seinen Nägeln, wie immer, wenn grosse Entscheidungen anstehen. Soll er jetzt zuschlagen? Seine Soldaten stehen schon einige Tage an den Grenzen bereit. 54 Divisionen mit 1,5 Millionen Mann, 3600 gepanzerte Fahrzeuge und über 1500 Flugzeuge.

Noch vor ein paar Tagen hatte Hitler die Operation «Fall Weiss» kurzfristig abgeblasen. Zwar sind Paris und London immer noch nicht auf seiner Seite, doch zusammen mit der Sowjetunion könnte es in Polen klappen.

«  … und wenn ich nun vom deutschen Volk Opfer, und wenn notwendig alle Opfer fordere, so habe ich ein Recht dazu. Denn ich bin auch selbst heute genauso bereit wie ich es früher war, jedes persönliche Opfer zu bringen ... »

Diktator Adolf Hitler
Aus der Rede vor dem Reichstag zu Kriegsbeginn am 1.9.1939

Nochmals spricht sich Hitler mit seinen Offizieren ab. Man ist sich einig: Ein Krieg an zwei Fronten ist unbedingt zu vermeiden. Würden Frankreich und Grossbritannien also den Angriff auf Polen dulden? Gerne hätte Hitler Londons Segen gehabt, lange hatte er vergeblich um die Briten geworben. Hitlers Angebot: Freie Hand für Deutschland auf dem Kontinent, dafür garantieren die Deutschen den Briten den Erhalt des Empires.

Also noch zuwarten? Nein – warum nicht pokern? Schliesslich waren auch der Einmarsch in Österreich und in der Tschechoslowakei vor einigen Monaten nahezu perfekt verlaufen, geduldet von den Grossmächten.

Der Entschluss

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Hitler – schon immer von einer merkwürdigen Besessenheit getrieben – fasst einen Entschluss. Er will sich endlich von den verhassten «Polacken» zurückholen, was eigentlich zum Deutschen Reich gehört. Und noch mehr. Seit den Versailler Verträgen nach dem Ersten Weltkrieg musste das Reich einstecken. Für den Diktator ist es höchste Zeit, dies zu korrigieren. Er weiss, dass er mit diesen Gedanken nicht allein ist. Er hat die konservativen Eliten des Landes hinter sich. Und schliesslich haben ihm auch die gemeinen Massen bei seinen Reden immer zugejubelt.

Deutschland soll wieder eine Grossmacht werden. An diesem Donnerstag, dem 31.8.1939, erteilt Hitler schliesslich die Order: Angriff!

Die Invasion

Am Freitag, dem 1. September 1939 um 4.45 Uhr, setzen sich die Divisionen in Bewegung, das Linienschiff Schleswig-Holstein beschiesst die polnische Garnison auf der Westerplatte. Kurz danach überfliegen 29 Sturzkampfbomber die polnische Stadt Wieluń, bombardieren diese, machen zuerst das Krankenhaus und später die ganze Stadt dem Erdboden gleich.

Um 10.10 Uhr verkündet Hitler vor dem Reichstag: « … Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!»

Deutschland schiesst zurück? Eine glatte Lüge Hitlers, der vor dem Angriff einige Übergriffe von den Polen auf die Deutschen hatte inszenieren lassen. Die Rede wird per Rundfunk in alle deutschen Stuben übertragen. Weil Kriegsbedingungen gelten, dürfen die Deutschen keine ausländischen Rundfunksendungen mehr hören. Ansonsten droht ihnen das Zuchthaus.

Das Ultimatum

Einen Tag später überreicht ein Dolmetscher Hitler eine Meldung: London verlangt den Rückzug der Truppen, noch am gleichen Tag. Hitler nimmt die Botschaft versteinert entgegen. Wütend wendet er sich an seinen Aussenminister Joachim von Ribbentrop: «Was nun?» Ribbentrop leise: «Ich nehme an, dass die Franzosen uns in der nächsten Stunde ein gleichlautendes Ultimatum überreichen.»

Auch die Schweiz sorgte sich – Auszug aus einem SRF-Film von 1973

3:43 min, vom 27.8.2014

Hitler lässt die Ultimaten der Franzosen und Briten verstreichen. Die beiden Mächte erklären darauf dem Dritten Reich den Krieg.

Mit den Briten steigen später auch die Commonwealth-Mitglieder Australien, Indien, Neuseeland in den Krieg ein. Südafrika und Kanada folgen. Am Schluss sind 54 Staaten in die Kämpfe verwickelt, 110 Millionen Soldaten schlachten auf der ganzen Welt.

Die Bilanz

Nach über 60 Millionen Toten, davon allein 6 Millionen im Holocaust, endlich der Auftakt zu den entscheidenden Schlachten. Am 6. Juni 1944 – bekannt als D-Day – landen die Aliierten in der Normandie. Rund 11 Monate später, am 30. April 1945, erschiesst sich Hitler in seinem Bunker in Berlin.

Nach dem Krieg ist die Welt eine andere: Die europäischen Kolonialreiche lösen sich auf. Deutschland, Japan, Grossbritannien und Frankreich büssen an Bedeutung ein. Die USA und die Sowjetunion bestimmen fortan den Pulsschlag des globalen Organismus.

Quellen: «Adolf Hitler» von Volker Ulrich (2013), «Der Überfall» von Jochen Böhler (2009), «Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges» von Walther Hofer (2007), Spiegelausgabe von 2009: «Sprung ins Dunkle», diverse Wikipedia-Artikel

Sendebezug: DOK, 28.08.2014, SRF 1, 20.05 Uhr: Carl Lutz – Der vergessene Held