Erneuter Atomwaffen-Test Der Sechste

Nordkoreas jüngste Provokation zeigt vor allem etwas: Das isolierte Land kommt mit seinem Atomprogramm immer schneller voran. Die Analyse.

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Bildlegende: Ob Nordkorea tatsächlich eine Wasserstoffbombe testete, bleibt unklar – unbestritten hingegen die Sprengkraft des Tests. Keystone

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China misst Radioaktivität

In China ist nach dem Atomwaffentest laut Umweltministerium erstmals ein neuer Krisenmechanismus aktiviert worden. Konkret zur Überwachung der Radioaktivität in den drei Nordkorea am nächsten gelegenen Provinzen Nordostchinas sowie der gegenüber Südkorea liegenden Provinz Shandong. Es sei keine auffällige radioaktive Strahlung gemessen worden.

2006, 2009, 2013, 2016, nochmals 2016 und nun 2017 – die Abfolge der Jahreszahlen zeigt vor allem eines: Die nordkoreanischen Atomtests folgen immer dichter aufeinander. Genauso wie die Raketentests. Es besteht kein Zweifel mehr: Das isolierte Land kommt mit seinem Atomprogramm immer schneller voran. Es dürfte sich im schlechtesten Fall bloss noch um Monate, im besten um wenige Jahre handeln, bis es imstande ist, einen nuklearen Gefechtskopf auf eine Interkontinentalrakete zu pflanzen und damit selbst das amerikanische Festland zu erreichen.

Enorme Sprengkraft

Laut Kim Jong Un ist man bereits soweit: Der Diktator hat eben Wissenschaftler seines Atomwaffeninstituts besucht. Dort wurde angeblich ein Atomgefechtskopf gezeigt, klein genug, um damit eine Langstreckenrakete zu bestücken. Dem Regime wäre also die anspruchsvolle Miniaturisierung gelungen. Zudem sei beim heutigen Atomtest gar eine Wasserstoffbombe eingesetzt worden, die eine vielfach grössere Zerstörungskraft hätte als eine normale Atombombe. An beiden Behauptungen zweifeln Fachleute.

Doch unbestritten ist, dass die Sprengkraft bei diesem Test ungleich stärker war als bei den bisherigen. Was heisst das?

«  Nordkorea wird sein Ziel, eine Atommacht zu werden, zweifellos erreichen. Es gibt kein taugliches Mittel, es noch davon abzuhalten. »

Fredy Gsteiger
SRF-Korrespondent

Das Regime wird in seinen Anstrengungen nicht nachlassen, bevor es soweit ist. Irak und Libyen waren ihm eine Lehre: Dort stellten die Machthaber die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen ein – und wurden später gestürzt. Für den nordkoreanischen Diktator heisst das: Einzig der Besitz von Atombomben schützt ihn davor, das Schicksal von Saddam Hussein und Muammar al-Ghaddafi zu erleiden.

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Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

Die Welt kann wenig dagegen tun. Sanktionen haben bisher versagt. Ein militärischer Angriff auf Nordkorea hätte unabsehbare, ja dramatische Folgen für die Nachbarländer und deren Bevölkerung.

Die Proteste werden verhallen

Reden müsse man mit Nordkorea, wird jetzt – einmal mehr – gefordert. Doch über seine Atomwaffen oder gar über den Verzicht darauf, will Pjöngjang gar nicht reden. Es will zumindest weitermachen, bis es als vollwertige Atommacht anerkannt, ja respektiert ist. Die Proteste aus aller Welt, die Verurteilungen, die heute auch im UNO-Sicherheitsrat wieder zu hören sein werden, werden einmal mehr verhallen.

Die irritierende, jedoch realistische Aussicht ist: Nordkorea wird zur Atommacht werden. Erst dann, bestenfalls dann wird man mit Pjöngjang ins Gespräch kommen. Um so wenigstens eine Begrenzung des Atomprogramms, allenfalls gar eine internationale Überwachung zu erreichen. Und selbst das nur vielleicht.

Infografik: Nordkoreas Raketen