Der Südsudan – von der persönlichen Fehde zum Bürgerkrieg

Statt der geplanten Feiern zu fünf Jahren Unabhängigkeit ist der Bürgerkrieg in den Südsudan zurückgekehrt. Tausende Menschen sind auf der Flucht. International wächst die Sorge. Doch um was geht es eigentlich in dem Land und welche Probleme hat der jüngste Staat der Weltgemeinschaft?

Zwei Politiker tauschen Dossiers aus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seit Kurzem arbeiten die Erzfeinde wieder zusammen: Südsudans Präsident Salva Kiir (links) und sein Vize Riek Machar. Reuters / Archiv

  • Die Vorgeschichte: Im Friedensabkommen von 2005 gewährte die sudanesische Regierung der Region Südsudan eine gewisse Autonomie zu. Der Führer der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee SPLA, John Garang, wurde Vizepräsident des Sudan und Präsident der Region Südsudan. Die Präsidentschaftswahlen im Südsudan von 2010 bestätigten dann Garangs Gesinnungsgenosse und Nachfolger Salva Kiir. Die SPLA war der Platzhirsch in der Region.
  • Es brodelt weiter: Der Südsudan leidete von Beginn weg an einem Aufflammen von lokalen Kämpfen und Konflikten. Grund für diese Stammeskonflikte sind meist Streit um Land und Vieh, oder eine mangelnde und vor allem nicht funktionierende Verwaltung. Die Verwaltung bräuchte eine Reform. Zahlreiche Bezirke sind nach ethnischen Aspekten definiert oder die Verwaltungsgrenzen sind nicht klar gezogen.
  • Der Unabhängigkeitstag – Fluch oder Segen? In einer Abstimmung im Januar 2011 sprachen sich 99 Prozent der mehrheitlich christlichen Bevölkerung des Südsudans für die Unabhängigkeit aus. Der sudanesische Staatschef Umar Hasan Ahmad al-Baschir anerkannte dieses Referendum und entliess die südliche Region am 9. Juli 2011 in die Unabhängigkeit. Nach einer gewissen Übergangszeit galt es eine neue Regierung und neue Institutionen aufzubauen. Eine verschlafene Stadt im Süden – Juba – wurde plötzlich zur Hauptstadt des jüngsten Mitglieds der Welt-Staatengemeinschaft.
  • Der Bürgerkrieg: Begonnen hat der jüngste Bürgerkrieg nach einem Machtkampf Ende 2013. Der Präsident des Südsudan, Salva Kiir, entliess Vizepräsident Riek Machar. Dieser reagierte mit der Abspaltung einer Rebellenorganisation, der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee in Opposition, SPLA-IO. Streitkräfte der SPLA der von der Volksgruppe der Dinka dominierten Regierung lieferten sich zunächst heftige Gefechte mit der zumeist von der Ethnie der Nuer unterstützten SPLA-IO in Juba. Später verlegten sich die Auseinandersetzungen vorwiegend in den ölreichen Norden.
  • Brüchiges Friedensabkommen: Ein Friedensabkommen vom August 2015 sah eine Einheitsregierung von SPLA und SPLA-IO vor. Doch erst im April 2016 wurde Machar erneut als Vizepräsident des Landes vereidigt. Mit Kiir als Präsident gibt es damit heute wieder die gleiche Konstellation wie vor wenigen Jahren. Wenige haben Vertrauen in die neue Regierung, in der die beiden Erzfeinde zusammen regieren sollen. Der Frieden ist sehr brüchig, wie die neuesten Kämpfe in Juba zeigen.
  • Die Streithähne: Um die Macht im Südsudan kämpfen der Präsident Salva Kiir und sein entlassener Vizepräsident Riek Machar. Kiir ist ein Dinka und gehört somit der ethnischen Mehrheit im Südsudan an. Machar ist ein Nuer. Beide Politiker sind Mitte sechzig und wissen genau, wie die beiden Ethnien gegeneinander auszuspielen. So wurde aus einer persönlichen Fehde ein Bürgerkrieg. Der hemdsärmlige Kiir lässt sich von seinen Gefolgsleuten «Commander» nennen und als Markenzeichen trägt er einen schwarzen Cowboyhut der Marke Stetson, den er von George W. Bush erhielt. Machar ist der intellektuellere der beiden Erzfeinde. Schliesslich studierte er auch an den Universitäten in Khartum und im englischen Bradford Ingenieurwissenschaften und schloss dort mit einem Doktortitel ab. Doch gleichzeitig gilt er als ein Fähnchen im Wind. Er wechselte so oft seine Rolle, so dass er auch «Chamäleon mit Doktorhut» genannt wird.
  • Die Opferzahlen: Allein die Kämpfe vom Wochenende forderten seit Freitag mindestens 270 Tote. Seit Ende 2013 fielen dem Bürgerkrieg Zehntausende Menschen zum Opfer. Genaue Opferzahlen liegen nicht vor.
  • Die humanitäre Katastrophe: Seit 2013 sind nach Angaben der UNO mehr als 2,3 Millionen Menschen auf der Flucht. 70 Prozent der Vertriebenen sind Kinder. Mindestens 350‘000 von ihnen bekommen wegen des Konflikts keine Schulbildung. Damit droht eine verlorene Generation heranzuwachsen. Aktuell sind etwa 70‘000 Menschen nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen MSF vor der Gewalt geflohen. Die Vereinten Nationen warnten gleichzeitig, dass rund 4,8 Millionen Menschen – also fast jeder zweite Einwohner – in den nächsten Monaten akut von Hunger bedroht sein werden.
  • Die Achillesferse: Die Wirtschaft des Südsudans hängt sehr stark von der Ölproduktion ab. Die meisten Reserven beider Staaten – Südsudan und Sudan – liegen in deren Grenzgebiet zueinander. Für den Transport und die Weiterverarbeitung braucht es die Pipelines im Norden. Damit ist der an sich erdölreiche Südsudan vom nördlichen Nachbarn abhängig. Hinzu kommt, dass bewaffnete Konflikte immer wieder Probleme in der Erdölproduktion bringen. Der Einbruch des Ölpreises, eine galoppierende Inflation und die allgegenwärtige Korruption tragen das Ihre dazu bei.
  • Am Pranger: Die Menschenrechtslage im Südsudan ist katastrophal. Human Rights Watch berichtet zum Beispiel von Kinderehen. Zudem sei fast die Hälfte der südsudanesischen Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren verheiratet. Auch willkürliche Verhaftungen sind im Südsudan an der Tagesordnung.

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