Der Täter von München litt an Depression

Die Bluttat eines Jugendlichen kostet insgesamt zehn Menschen das Leben, Dutzende werden verletzt. Die Polizei spricht von einem Einzeltäter mit depressiver Erkrankung. Bundeskanzlerin Angela Merkel lobt die Arbeit der Sicherheitskräfte – und verspricht Aufklärung zum Motiv der Tat.

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Trauer in München

2:11 min, aus Tagesschau vom 23.7.2016

Knapp 24 Stunden nach dem Amoklauf in München kommen immer mehr Einzelheiten ans Tageslicht. Zwar litt der mutmassliche Täter an Depressionen, dennoch scheint er die Tat von langer Hand geplant zu haben. Der 18-jährige Täter aus München habe keinen Bezug zur Terrormiliz Islamischer Staat gehabt, sagte Polizeipräsident Hubertus Andrä am Samstag.

Kopfschuss vor den Augen der Polizei

Der Täter soll sich etwa zweieinhalb Stunden nach der Tat vor den Augen von Polizisten erschossen haben. Das teilte die Münchner Polizei am Samstag nach der Befragung vieler am Einsatz beteiligter Beamter mit. «Gegen 20.30 Uhr hatte demnach eine Streife der Münchner Polizei nördlich des Olympia-Einkaufszentrums Kontakt zum mutmasslichen Täter. Als Reaktion auf die Ansprache der Beamten zog er unvermittelt seine Schusswaffe, hielt sie sich an den Kopf und erschoss sich», hiess es in der Polizeimitteilung.

Bei Durchsuchungen im Zimmer des Schülers habe man Unterlagen zum Thema Amok gefunden. «Mit dem Thema hat sich der Täter offenbar intensiv beschäftigt», sagte Andrä. Darum geht die Münchner Staatsanwaltschaft davon aus, dass es sich bei der Tat um einen klassischen Amoklauf handelt.

Andrä verwies darauf, dass am Freitag der fünfte Jahrestag der Tat des norwegischen rechtsextremen Attentäters Anders Behring Breivik gewesen sei. Insofern liege eine «Verbindung auf der Hand».

Täter litt an depressiver Erkrankung

Nach Angaben der Ermittler soll der Attentäter auch eine Erkrankung «aus dem depressiven Formenkreis» gehabt haben, wie Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch es forumulierte. Details liegen den Ermittlern bisher nicht vor.

Pressekonferenz der Münchner Polizei Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Tat und Täter haben überhaupt keinen Bezug zum Thema Flüchtlinge»: Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä (links). Keystone

Der junge Mann hatte am Freitagabend im Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen erschossen und dann sich selbst getötet. Danach gab es Gerüchte über mehrere Täter, was zu Panik in ganz München führte.

Polizeipräsident Andrä sagte dazu am Mittag, es habe keine weiteren Täter geben, der 18-Jährige sei ein Einzeltäter. «Tat und Täter haben überhaupt keinen Bezug zum Thema Flüchtlinge», stellte er zudem klar.

Opfer vor allem Teenager

Der Deutsch-Iraner nutzte für seine Tat eine 9 mm Glock-Pistole. Diese habe der 18-Jährige offenbar illegal besessen, da die Seriennummer der Waffe ausgefeilt war, sagte der Präsident des bayerischen Landeskriminalamts, Robert Heimberger. Eine Erlaubnis für die Waffe besass der Täter nicht. Wo die Waffe herkommt, ist den bisherigen Erkenntnissen zufolge noch offen.

Wie oft der Täter geschossen habe, sei ebenfalls noch unklar. Untersucht werden muss anhand von Videoaufnahmen auch, ob der Amokläufer ein geübter Schütze war. Ausgerüstet war der 18-Jährige mit hunderten von Patronen.

Die Eltern des Täters waren laut Andrä bisher nicht vernehmungsfähig. Der Täter lebte gemeinsam mit seinem Bruder und den Eltern in einer Wohnung in München.

Viele Todesopfer waren minderjährig. Zwei 15-Jährige und drei 14-Jährige seien ums Leben gekommen, berichteten die Ermittler. Die weiteren Opfer seien 17, 19, 20 und 45 Jahre alt gewesen. Alle stammen aus der Umgebung von München. Unter den neun Todesopfern sind drei Frauen.

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Bildlegende: Trauerbekundung: Unter den Opfern waren vor allem Teenager. Keystone

Trauer und Bestürzung weltweit

Der Amoklauf löste sowohl in Deutschland als auch international Entsetzen aus. Unter anderen gab es Beileidsbekundungen und Zusicherung von Unterstützung von US-Präsident Barack Obama oder dem französischen Präsidenten François Hollande.

Innenminister Thomas De Maizière (CDU) ordnete bundesweite Trauerbeflaggung an. An allen Dienstgebäuden des Bundes werden somit am Samstag die Flaggen auf Halbmast gesetzt.

Dies geschehe als «Zeichen der Anteilnahme nach der abscheulichen Gewalttat in München», teilte das Innenministerium mit. «Es ist schrecklich und gänzlich unfassbar, was in München passiert ist», hatte der Innenminister in der Nacht erklärt.

Innenminister: «Täter war Nachrichtendiensten nicht bekannt»

An einer Pressekonferenz am Samstag erklärte de Maizière zudem, der Täter von München war für die Sicherheitsbehörden zuvor ein unbeschriebenes Blatt. «Gegen ihn waren bisher keine polizeilichen Ermittlungen bekannt.» Deswegen habe es auch keine staatsschutzrelevanten Informationen gegeben. «Und es gibt auch keine Erkenntnisse der Nachrichtendienste über diese Person.»

De Maizière bestätigte, dass der 18-jährige Deutsch-Iraner nach bisherigen Informationen «mit hoher Wahrscheinlichkeit» als Einzeltäter gehandelt habe. Die Frage, wie es zu solchen «Explosionen von Gewalt» kommen könne und ob die Tat absehbar war, müsse sich möglicherweise eher an das direkte Umfeld des 18-Jährigen richten als an die Sicherheitsbehörden.

Merkel lobt Sicherheitskräfte

Kanzlerin Angela Merkel kam am Samstagmittag mit Mitgliedern ihres Kabinetts und den Chefs der Sicherheitsbehörden zusammen, um über die Bluttat zu beraten. Bereits am Freitagabend hatte die Regierung eine Sitzung des äussert selten tagenden Bundessicherheitskabinetts einberufen.

Merkel an einer Pressekonferenz Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dankt den Sicherheitskräften: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Keystone

In einer späteren Pressekonferenz zeigte sich Merkel nach dem Amoklauf geschockt und lobte zugleich die Einsatzkräfte für ihre «hoch professionelle» Arbeit. «Sie waren und sind im besten Sinne Helfer und Beschützer der Bürgerinnen und Bürger.»

Die Zusammenarbeit der Behörden Bayerns und des Bundes habe bestens funktioniert. Zugleich brachte Merkel ihre Fassungslosigkeit angesichts der Bluttat zum Ausdruck. Deutschland trauere «mit schweren Herzen um die, die nie mehr zu ihren Familien zurückkehren werden», sagte sie. Nun gehe es darum, die Tat vollständig aufzuklären.

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