«Der Ursprung der Probleme liegt in der Erziehung»

Nach den Übergriffen in Köln in der Silvesternacht debattiert Deutschland über das Gewaltpotenzial junger Einwanderer. Saïda Keller-Messahli findet, die Diskussion müsse geführt werden: Denn in vielen islamisch geprägten Gesellschaften werde ein harter Machismus vermittelt.

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Bildlegende: Unbequeme Wahrheiten? Für Keller-Messahli ist Patriarchalismus in gewissen Herkunftsländern ein Problem. Keystone/ARCHIV

SRF News: Sie sagen, die Debatte über Probleme mit gewaltbereiten Ausländern müsse geführt werden.

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Zur Person

Saïda Keller-Messahli wurde 1957 in Tunesien geboren. Heute lebt sie in Zürich. Sie ist Gründerin un Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam.

Saïda Keller-Messahli: Ja, denn der Kern des Problems bleibt unabhängig von diesen Ereignissen bestehen: Das Verhältnis der Geschlechter. Gerade in Gesellschaften mit ausgeprägtem Machismus ist es geradezu selbstverständlich, dass ein Mann über eine Frau verfügen kann – und zwar in allen Bereichen des Lebens. Es ist sehr wichtig, die Debatte darüber zu führen.

Ist es nicht problematisch, die Täter schon zum jetzigen Zeitpunkt als Nordafrikaner, als Moslems zu bezeichnen? Genau weiss man das ja noch nicht.

Es kann problematisch sein, sich schon jetzt auf die Identität der Täter zu fixieren. Das ändert aber nichts daran, dass ein Problem besteht. Die Frauen in vielen islamisch geprägten Gesellschaften kämpfen darum, ihre Rechte leben zu können – und nicht als minderwertig und Bürger zweiter Klasse zu gelten.

Wie müsste man über das Problem sprechen, wo müsste man ansetzen?

Das ist die Frage. Man muss sicher dort ansetzen, wo das Problem entstanden ist: Bei der Erziehung. Es ist leider so, dass Knaben sehr oft ein überhöhtes Männerbild und ein negativ besetztes Frauenbild mitbekommen. Dieses Schema zieht sich ein Leben lang fort; und viele Probleme haben ihren Ursprung in diesen Bildern. Sie haben die Vorstellung, dass ein Mann – weil er als Mann geboren wurde – mehr gilt. Er hat mehr Freiheiten, geniesst mehr Rechte und die Frau hat sich immer unterzuordnen. Man muss sich diesem Thema annehmen.

Wir haben auch mit der deutschen Publizistin Kübra Gümüşay über diese Thematik gesprochen. Sie sagt, die Debatte dürfe nicht auf die Herkunft dieser Männer fokussieren; sie dürfe nicht dazu führen, dass eine ganze Religion stigmatisiert wird. Sehen Sie diese Gefahr weniger?

Ja. Wir dürfen auch nicht ausblenden, dass solche patriarchalischen Strukturen gerade in der islamischen Gesellschaft besonders hart sind. Es ist leider so, und es tut mir wirklich weh, das sagen zu müssen. Dazu kommt, dass die Sexualität ein Tabu ist. Es darf keine sexuellen Beziehungen ausserhalb der Ehe geben. Allein das ist schon ein Bürde für sehr viele, gerade für junge Menschen. Es ist eine Tatsache, die das Verhältnis zum Körper der Frau bzw. dem des Mannes total stört. Daraus folgen etliche soziale und auch familiäre Probleme. Es ist eine Realität in der islamischen Gesellschaft.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

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