«Der Westen hat in Syrien zu früh auf das falsche Pferd gesetzt»

«Teuer – und wenig erfolgsversprechend»: So beurteilt US-General Dempsey die Möglichkeiten der USA, in den syrischen Bürgerkrieg einzugreifen. Was kann der Westen denn überhaupt tun? Nahost-Experte Michael Lüders gibt Antworten gegenüber SRF.

SRF: Haben sich die USA damit abgefunden, zuzuschauen, wie der Bürgerkrieg in Syrien weitergeht?

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Nahost-Experte Michael Lüders

Nahost-Experte Michael Lüders

zvg

Michael Lüders ist deutscher Politikwissenschafter, Islamwissenschafter und Publizist. Er bereiste als Nahost-Korrespondent der «Zeit» viele arabische Länder. Zu seinem Fachgebiet zählt die Ursachenforschung islamistischer Gewalt. Lüders lebt in Berlin.

Michael Lüders: So sieht es in der Tat aus. Die USA wissen sehr genau, dass es keine leichten Lösungen gibt für den Krieg in Syrien.

Man möchte Bashar al-Assad gestürzt sehen, aber der hat in den letzten Wochen erhebliche Gelände-Gewinne erzielen können. Er wird unterstützt aus dem Iran und aus Russland. Zusätzlich sind die Rebellen zu sehr zerstritten, als dass man in Washington genau wüsste, wen man denn da unterstützen sollte und könnte.

Die USA haben ja immer wieder gesagt: ‹Assads Tage sind gezählt›. Jetzt sagt Obamas Sprecher: ‹Assad wird nie wieder ganz Syrien regieren›. Ist das also eine Kehrtwende bei der Einschätzung?

Ja. Bei den Amerikanern hat der Sinn für Realismus zugenommen. Die Vorstellung, man könnte mit einem militärischen Engagement relativ zügig dieses Regime aus den Angeln heben, hat sich verflüchtigt. Man weiss auch, dass Assad gute Chancen hat, weite Teile Syriens weiterhin unter seiner Kontrolle zu behalten.

Das ist eine sehr unbefriedigende Situation. Nicht nur für die Menschen in Syrien, sondern für die Region insgesamt. Denn je länger diese Instabilität in Syrien andauert, umso grösser ist die Gefahr, dass der Konflikt noch mehr übergreift auf die Nachbarstaaten.

Warum gelingt es dem Westen nicht, in Syrien entscheidend einzugreifen?

Die westlichen Staaten hatten zu früh auf das falsche Pferd gesetzt. Man war der Meinung, dass Assad genau so fallen würde wie andere arabische Diktatoren vor ihm – wie zuletzt Oberst Ghadhafi in Libyen. Das war eine Fehleinschätzung.

In Syrien ist der ethnische, der konfessionelle Gedanke so stark ausgeprägt, dass die religiöse Minderheit der Alawiten, die die Macht ausübt, um nichts in der Welt von Bashar al-Assad und seinem Regime lassen möchte. Aus Angst, nach einer Machtübernahme der Sunniten massakriert zu werden.

Ich glaube, man hat diesen ethnischen Faktor in den westlichen Hauptstädten massiv unterschätzt. Man hat auch nicht berücksichtigt, dass die Aufständischen nicht nur allein demokratische Ziele verfolgen, sondern teilweise sehr dubiose Ziele vor Augen haben. Die Dschihadisten sind mittlerweile diejenigen, die den Ton angeben unter den Aufständischen.

Kämpfe in Syrien gehen weiter – Rauchwolke über den Dächern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Westen weiss nicht, wen er unterstützen sollen: Die Rebellen sind nicht geeint. Keystone

Was können die USA jetzt in Syrien noch tun?

Das ist die entscheidende Frage. Im Grunde genommen müsste man jetzt auf Assad zugehen. Man müsste mit ihm wieder Verhandlungen aufnehmen. Weil man zu frühzeitig auf das falsche Pferd gesetzt hat, gibt es auch keine diplomatischen Kontakte mehr zu Assads Regime.

Das Dilemma ist nun: Je länger er im Amt bleibt, umso grösser wird die Notwendigkeit, wieder Gesprächskontakte mit ihm herzustellen. Es gibt nur eine Lösung für Syrien, wenn überhaupt: Man muss das Regime in Gespräche einbeziehen, und auch Russland.

Russland und der Iran haben den Westen hier in der Tat geschickt ausmanövriert, in dem sie unerbittlich festgehalten haben an Assad. Den Preis dafür zahlt die syrische Zivilbevölkerung. Die Zahl der Toten liegt mittlerweile bei über 100‘000.

Die USA und der Westen wissen also nicht so recht, was sie tun sollen in Syrien. Und auch die Lösungen, die Sie skizziert haben, sind keine Schnellpatentlösungen. Heisst das, wir müssen uns wohl oder übel damit abfinden, dass der Bürgerkrieg in Syrien noch lange andauert?

Ja, das müssen wir. Es gibt Analysten, die sagen, dass dieser Krieg zehn bis 15 Jahre dauern wird. Und dass er erst dann enden wird, wenn er sich im wahrsten Sinne des Wortes ausgeblutet hat; wenn die verschiedenen Kriegsparteien – ähnlich wie damals beim Bürgerkrieg im Libanon in den 1980er-Jahren – erkennen, dass keine Seite der andern seinen Willen aufzwingen kann. Am Ende war es die Kriegsmüdigkeit der Libanesen, die 1990 den Bürgerkrieg zu Ende brachte.

Ein ähnliches Szenario erwarten viele Beobachter auch in Syrien. Dieser Krieg wird noch lange weitergehen. Mit Terroranschlägen, mit Überfällen, mit Instabilität. Gleichzeitig wird es Gebiete geben, in denen die Menschen auch wieder einigermassen friedlich leben können. Aber die grosse Gefahr ist weiterhin die Destabilisierung der ganzen Region ausgehend von diesem Krieg in Syrien. Das Massaker an der syrischen Zivilbevölkerung wird fortgesetzt.

Das Gespräch hat Christoph Kellenberger geführt.