Andreas Köhler-Andereggen, Pfarrer

Ein Fragebogen, verschickt an Deutsche in der Schweiz. Wählen sie? Interessiert sie die Politik drüben überhaupt? Pfarrer Andreas Köhler-Andereggen erklärt, warum er seine beiden Kreuzchen macht und warum er deutsche Politiker schätzt, die über den Tellerrand blicken.

Werden Sie am 22. September ihre Stimme abgeben?

Ja, ich habe gewählt. Für mich ist das Wählen etwas Selbstverständliches. Auch in der Schweiz nehme ich an jeder Abstimmung teil. Zu Deutschland habe ich weiterhin einen Bezug – allein schon, weil Teile meiner Familie sowie Freundinnen und Freunde von mir dort leben. Ich bin regelmässig in Deutschland. 27 Jahre habe ich dort selbst gelebt, bin dort gross geworden und habe schätzen gelernt, mich politisch zu äussern.

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Andreas Köhler-Andereggen

Andreas Köhler-Andereggen

1971 in Dortmund geboren. Studierte Evangelische Theologie in Bielefeld und Heidelberg. Sein Vikariat absolvierte er im Baselbiet, später war er in einer solothurnischen Kirchgemeinde als Pfarrer und Katechet tätig. Seit 2006 arbeitet er als Pfarrer in der Kirchgemeinde Zürich Saatlen. Er ist seit 2009 Schweizer Staatsbürger.

Das Kreuzchen-Machen auf dem Wahlzettel ist ja nur eine kleine Möglichkeit, aber sie gehört zum Demokratie-Verständnis Deutschlands dazu. Aus dieser Verankerung heraus wähle ich. Zumindest solange ich darf, denn ich bin jetzt 15 Jahre in der Schweiz und nach 25 Jahren ununterbrochen im Ausland darf ich ja nicht mehr wählen. Zwar habe ich mit Festlegungen wie «ein Deutscher sein» meine Probleme, weil solche Definitionen im wahrsten Sinne des Wortes begrenzen und damit den Horizont verkürzen – als Doppelbürger bin ich wenn schon dann «Deutsch-Schweizer» – aber ich habe natürlich einen sprachlichen und kulturellen Bezug zu Deutschland. Ich mag das Land (meistens) und bin weiterhin gerne dort.

Wie interessiert verfolgen Sie die deutsche Politik hier in der Schweiz?

Ich lese die Wochenzeitung «Die Zeit» und im Internet deutsche Nachrichten wie die «Süddeutsche Zeitung», aber auch den «Kicker». Innenpolitische Fragen, wenn sie vorwiegend die Bundesländer betreffen oder deutschspezifische Rechtsfragen, interessieren mich weniger. Aber gesellschaftspolitische Themen in Deutschland wie Aussen- und Wirtschaftspolitik verfolge ich interessiert, auch weil sie von Belang werden können für Politik in der Schweiz oder dann weltweit.

Hat sich Ihr Verhältnis zum deutschen Politikbetrieb verändert, seit Sie im Ausland leben?

Das hoffe ich. Denn Verhältnisse sollten ja nicht starr sein. Über bestimmte Parteien rege ich mich weniger auf. Sie sind halt weiter weg. Manche Haltung oder Position zeigt sich mit einer Aussenperspektive als zu eng, manchmal auch als lächerlich. Und grössere Fragen nach einem Europa, das miteinander auskommt; nach einer weltweiten Wirtschaftspolitik, die darum weiss, dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht grösser werden darf – sie rücken für mich stärker in den Vordergrund. Von daher schätze ich jetzt deutsche Politikerinnen und Politiker noch mehr, die über den Tellerrand der eigenen Partei hinausschauen.

Gibt es etwas, was Sie aus diesem Politikbetrieb vermissen?

Im deutschen Politikbetrieb werden regelmässig Fragen nach den grösseren Zusammenhängen gestellt. So wichtig die Details sind, manchmal vermisse ich in der schweizerischen Politik den Blick auf die grösseren Zusammenhänge.

Gibt es etwas, was Sie ganz sicher nicht vermissen?

Das ständige Schreien nach Rücktritten. Das ist zu einem Reflexhandeln verkommen. Es gibt Rücktritte, die machen Sinn und die auch mit Recht gefordert wurden und werden. Aber ein ständiges Fordern bei allem Möglichen und auch Unmöglichen ermüdet.

Was sind die grössten Unterschiede zur Schweizer Politik?

Natürlich die direkte Demokratie mit den vielen Abstimmungen, die wir in der Schweiz haben. Bundestag und Bundesrat ticken in Deutschland anders als National- und Ständerat in der Schweiz, die Regierungszusammensetzungen von Bunderrat respektive Bundesregierung sind sehr unterschiedlich.

In Deutschland braucht es vom politischen System her eine Opposition, die dann auch mit Lust und Witz an der Sprache und Sache diese Position einnimmt und dabei bewusst übers Ziel hinausschiesst. Im schweizerischen Politsystem ist meines Erachtens für eine solche Oppositionshaltung kein Platz. Sie schadet dem politischen Austausch und erhöht Politikverdrossenheit.

Ein Unterschied ist, dass in Deutschland wesentlich mehr Personen an den Wahlen teilnehmen. In der Schweiz finde ich es schon sehr befremdlich, dass ich zu einer Minderheit gehöre, die überhaupt abstimmt. Mir gefällt in der Schweiz, dass ich auf Wahlzetteln rumstreichen und eine Zusammensetzung vornehmen kann, die ich angemessen finde. Ernüchternd an Bundestagswahlen bleibt, dass ich gerade einmal zwei Kreuzchen machen darf.

Grundsätzlich aber stellen sich in Deutschland als einem grossen Wirtschaftsland mit historischer Verantwortung andere politische Fragen als in der Schweiz mit ihrer Geschichte und ihrer Verantwortung. Wobei, so anders sind die Fragen eigentlich nicht. Sie werden bloss aus unterschiedlichen und auch notwendig unterschiedlichen Perspektiven gestellt.