Wohnen in Mumbai Dichtbewohnter Slum neben leeren Luxuswohnungen

Die Wirtschaftsmetropole bietet Millionen von Menschen Arbeit, aber nicht allen ein anständiges Dach über dem Kopf. Kühne Pläne zur Verbesserung der Slum-Bedingungen schaffen aber nur neue Probleme.

Die Hälfte der 20 Millionen Menschen im Mumbai leben unter prekären Bedingungen in Slums. Gleichzeitig steht ungefähr jede sechste Wohnung leer.

Blick auf Wellblechhütten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dichtgedrängt stehen Wellblechhütte an Wellblechhütte. Reuters

Inmitten von Wolkenkratzern stehen die Häuschen mit Wellblechdächern von Dharavi, Mumbais grösstem Slum. Er ist zwei Quadratkilometer gross, 600'000 Menschen sollen hier leben. Genau weiss man es nicht.

Enge Gässchen verlaufen in Schlangenlinien durch den Slum. An manchen Stellen muss wegen der aufgehängten Kleider der Kopf eingezogen werden. Kreuzen sich zwei Menschen, muss man in den Hauseingang ausweichen. Die Türen sind ohnehin tagsüber geöffnet, denn Fenster besitzen die neun Quadratmeter grossen Wohnungen hier keine.

Klein aber fein

Es sei zwar klein hier, sagt Pramod Raja Ram Boga. Doch alles finde Platz: Schrank, Bett und Fernseher. Und in der Küche stehen Waschmaschine und Kühlschrank, ergänzt seine Frau Sita. Die beiden sitzen auf dem blitzsauberen Boden ihrer Einzimmerwohnung.

Sie hätten schon daran gedacht umzuziehen, doch ausserhalb des Slums seien die Wohnungen viel zu teuer. Eine gleich grosse Wohnung ohne Fenster koste dort etwa zehnmal mehr als in Dharavi.

Schere grösser als in London

Das hänge mit der Wohnungsknappheit zusammen, sagt Kshitij Batra von der indischen Denkfabrik IDFC-Institute. Es fehle an günstigen Wohnungen. In einer Untersuchung hat er das durchschnittliche Einkommen der Inder mit den Wohnungspreisen verglichen und kommt zum Schluss, dass sich die Schere in Mumbai weiter auftut als in New York oder London.

Ein Hochhaus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bauen geht in Mumbai fast nur noch in die Höhe. Das kostet. Reuters

Das hat laut Batra mit der Überreglementierung des Baumarkts zu tun. Wer höher als zwei oder drei Stockwerke bauen will, muss für die Bewilligung jeder zusätzlichen Etage bei den Behörden viel Geld hinblättern. Und weil die Stadt auf drei Seiten von Wasser umgeben ist, können Bauherren nur in die Höhe bauen. Das erhöht die Baukosten und treibt so die Mieten in die Höhe.

Leere Luxuswohungen

In Mumbai ist die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage enorm: Benötigt wird mehr günstiger Wohnraum – aber weil die Baukosten administrativ in die Höhe getrieben werden, entstehen immer mehr Luxuswohnungen, die dann leer stehen.

«  Wasser gibt es nur ein paar Stunden pro Tag. Wir haben auch keine eigene Toilette hier. »

Pramod Raja Ram Boga
Slum-Bewohner

Für Menschen mit geringem Einkommen bleibt nur der Slum. Doch hier fehle es an Infrastruktur, sagt Pramod Raja Ram Boga in seiner Wohnung: «Wasser gibt es nur ein paar Stunden pro Tag. Wir haben auch keine eigene Toilette hier.»

Eine Toilette für 1000 Menschen

Laut der Weltgesundheitsorganisation teilen sich etwa 1000 Menschen in Dharavi eine Toilette. Zwar gibt es kühne Entwicklungspläne, um die Bedingungen in den Slums zu verbessern. Doch diese schüfen bloss weitere Probleme, erklärt Amita Bidhe vom Tata Institute for Social Science in Mumbai

Eine Frau steht vor farbigen Behältern aufgereiht in einer Schlange. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Anstehen für frisches Wasser: Alltag in Mumbais Slums. Keystone

Bauen im Slum ist unattraktiv

«Wer in einem Slum bauen will, muss den Bewohnern Gratiswohnungen zur Verfügung stellen. Die Kosten dafür übernimmt der Bauherr. Im Grunde eine gute Idee. Doch damit hätte die Hälfte der Bevölkerung von Mumbai Anrecht auf eine solche Gratiswohnung. Die Kosten dafür würden ins Uferlose steigen.»

Und das wiederum hält Bauunternehmen grundsätzlich davon ab, in Slums zu investieren. Sie bauen lieber im Norden, am Stadtrand, der mittlerweile etwa 100 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt. Die Slums im Zentrum bleiben unverändert: Dichte Ballungsräume, mit spärlicher Infrastruktur, in denen die Bewohner weniger Raum zur Verfügung haben, als Gefängnisinsassen in Europa zugestanden wird.