Die Atombomben, die es offiziell nicht gibt

Auf der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik lagern amerikanische Atomwaffen. Nachdem die Türkei für den Westen ein immer unberechenbarer Partner wird, dürften die Atomwaffen dort nicht mehr wirklich sicher sein.

Nato-Generalsekretär Stoltenberg sitzt mit dem türkischen Präsidenten Erdogan am Tisch. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nato-Generalsekretär Stoltenberg trifft heute Präsident Erdogan (Archivbild). Keystone

Offiziell gibt es die fünfzig B61-Atombomben in der Türkei gar nicht. Die Amerikaner sprechen stets nur von «speziellen Waffen». Die Türken sprechen gar nicht darüber. Inoffiziell ist längst bekannt, dass sie auf der Luftwaffenbasis Incirlik in bombensicheren Bunkern im Untergrund lagern. Es sind keine türkischen Nuklearwaffen, sondern amerikanische, die zum Verteidigungsdispositiv der Nato gehören.

Alarmniveau ist erhöht worden

Nach dem Putschversuch in der Türkei, der auch die Basis Incirlik betraf, wurden die Waffen laut Gerüchten heimlich nach Rumänien abtransportiert. Dafür gibt es jedoch keine Beweise. Das Alarmniveau auf dem Militärgelände sei deutlich erhöht worden, sagte Pentagon-Sprecher Peter Cook.

Trotzdem bleiben Zweifel, ob die Atombomben in der Türkei sicher sind. Rund um die Basis kommt es immer wieder zu anti-amerikanischen Protesten. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan geht auf Distanz zu den USA. Er distanziert sich zudem auch vom Westen an sich und von der Nato insgesamt.

Bomben nicht mehr sicher

Im Pentagon käme unter den aktuellen Umständen niemand mehr auf die Idee, einen Teil der nuklearen Abwehr in der Türkei, etwa 100 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, zu stationieren. Dies erklärte Hans Kristensen, der sich beim Bund amerikanischer Wissenschaftler mit Nuklearfragen beschäftigt, im kanadischen Fernsehen.

Die fünfzig B61-Bomben müssten so rasch wie möglich in die USA heimgeschafft werden. Sie seien in der Türkei nicht mehr sicher, sagte Kristensen weiter. Trotz aller Schutzvorkehren könnten sie in Incirlik in falsche Hände geraten.

Abzug der Waffen aus Europa?

Starker Druck, die amerikanischen Atomwaffen des Nato-Verteidigungsdispositivs aus Europa abzuziehen, entstand bereits vor ein paar Jahren, als US-Präsident Barack Obama von einer atomwaffenfreien Welt sprach. Neben jenen in der Türkei geht es um Atomwaffen in Deutschland, Italien, Belgien und den Niederlanden – insgesamt um 180 Bomben. Der damalige deutsche Aussenminister Guido Westerwelle setzte sich energisch für einen Abzug der Sprengköpfe ein. Für ihn waren sie Altlasten des Kalten Krieges. Selbst US-Generäle empfanden sie als überflüssig.

Atomwaffen in der Türkei

2:42 min, aus HeuteMorgen vom 08.09.2016

Mit dem Wiederaufflammen des Konflikts mit Russland und dessen nuklearer Modernisierung, ist der Abzug der B61-Bomben aus Europa für die USA kein Thema mehr. Ein Hauptargument für die Bomben, von denen jede einzelne zehnmal so zerstörerisch wäre wie jene von Hiroshima, lautet, gerade damit werde das Schicksal der USA und Europas miteinander verknüpft.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg reist heute für zwei Tage in die Türkei. Ein Thema sollen diese Atombomben auf türkischem Boden sein.