Die bröckelige Kulisse der Normalität in Damaskus

Offene Märkte und belebte Strassen erwecken den Eindruck von normalem Alltag in Damaskus. Im Gespräch mit Einwohnern zeigt sich aber, dass der Krieg die Gedanken beherrscht. SRF-Korrespondent Philipp Scholkmann hat die syrische Hauptstadt besucht.

Seit über fünf Jahren wütet der Krieg in Syrien. Das ganze Land ist betroffen. Nur die Hauptstadt Damaskus scheint nahezu unversehrt. Das Zentrum der Stadt steht unter Regierungskontrolle. Die Kulturdenkmäler, die gewaltige Umayyaden-Moschee sowie die riesige Altstadt sind intakt.

Die Strassen sind belebt und die Geschäfte sind geöffnet. Es scheint einen Hauch Normalität zu geben. Doch der Krieg ist nicht weit weg. Nur zwei Kilometer hinter der alten Stadtmauer verläuft die Front, ganze Vorstädte sind völlig zerstört und viele Leute sind ins Stadtzentrum geflohen.

Waffenruhe für das Zentrum

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Philipp Scholkmann

Portrait von Philipp Scholkmann

Scholkmann ist Nahost-Korrespondent bei SRF. Er hat in Basel und Paris Geschichte und Philosophie studiert. Vor seiner Tätigkeit im Nahen Osten war er Korrespondent in Paris und Moderator bei «Echo der Zeit».

SRF-Korrespondent Philipp Scholkmann hat sich im zentralen Markt in der Damaszener Altstadt umgehört und dabei Umm Ahmed getroffen. Sie ist mit einer Freundin zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder einmal im Zentrum der Hauptstadt unterwegs.

Obwohl hier nur selten Geschosse einschlugen, war den beiden Frauen ein Besuch der Altstadt nicht geheuer. Eine für das Zentrum geltende Waffenruhe bringt jetzt aber etwas Entspannung.

Umm Ahmed ist mit einem Offizier verheiratet und hat zwei Söhne. Der eine kämpft in Aleppo. Der andere ausserhalb von Damaskus. Beide wurden verwundet, aber beide sind zurück an der Front. Ahmed bangt um sie.

Regierung versucht Fassade aufrechtzuhalten

Die syrische Regierung bezahlt auch im sechsten Kriegsjahr noch Löhne und Renten. Offiziersfamilien wie jener von Umm Ahmed bezahlt sie sogar die Wohnung. Der Staat verschuldet sich tief, um das Bild der Normalität aufrechtzuhalten – zumindest dort, wo er noch Einfluss hat. Damaskus ist so ein Ort. Darum hängt das Portrait von Präsident Baschar al-Assad auch in so manchem Schaufenster.

«Preise steigen rasant»

Mwafak Bekdash, Chef der ältesten Eisdiele der Stadt, ist überzeugt von seinem Präsidenten und lobt dessen ausserordentlichen Qualitäten. Mit russischer Hilfe werde «Baschar al-Assad die Terroristen besiegen und ganz Syrien zur Grösse zurückführen».

Auf dem Markt scheint kein Mangel an Waren zu herrschen. Trotzdem klagt der Süsswarenhändler Abu Aiman: «Die Preise steigen rasant.» Das führt nicht nur dazu, dass sein Geschäft schlecht läuft. Die hohen Preise drücken Millionen von Syrern noch tiefer in die Armut.

Viele sind von Wohltätigkeitsorganisationen abhängig oder sparen sich ihre Lebenshaltungskosten im wahrsten Sinne des Wortes vom Mund ab.

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