«Die Chancen auf einen Sieg gegen Boko Haram stehen jetzt besser»

Der Aufbau einer internationalen Eingreiftruppe gegen die Terrorgruppe Boko Haram kommt nur schleppend voran. Dank des Präsidentenwechsels in Nigeria scheint sich das nun zu ändern, wie NZZ-Afrika-Korrespondent Markus Haefliger im Gespräch erläutert.

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Markus Haefliger

Er ist seit 2009 Afrika-Korrespondent für die «Neue Zürcher Zeitung» in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Zuvor war er als Auslandredaktor der «NZZ am Sonntag» tätig. Von 1988 bis 1994 berichtete er für Radio DRS aus Afrika und war danach Redaktor beim «Echo der Zeit».

SRF News: Weshalb verzögert sich der Aufbau der gemeinsamen Eingreiftruppe gegen Boko Haram um einige Monate?

Markus Haefliger: Nigeria ist das grösste der fünf beteiligten Länder. Zudem hat die Terrororganisation Boko Haram hier ihren Ursprung. Aus diesen Gründen hiess es lange, dass Nigeria mit Blick auf die Eingreiftruppe in jeder Beziehung das Sagen haben wolle. So sollte beispielsweise das Hauptquartier dieser Truppe in Nigeria liegen.

Das hat sich nun geändert.

Genau. Das Hauptquartier soll nun in Tschad liegen, der Oberkommandierende der Einsatztruppe wird aber ein nigerianischer General.

Auch mit Blick auf die heikle Frage der Souveränität hat man sich geeinigt.

Ja. Es war immer umstritten, wie sehr die Soldaten aus den verschiedenen Ländern auch über die Grenzen hinweg die Verfolgung des Gegners aufnehmen sollen. Nun hat man sich in den letzten Wochen darauf geeinigt, dass jede Komponente dieser gemeinsamen Eingreiftruppe bei Bedarf die Verfolgung der Terrororganisation auch über die Ländergrenze hinweg aufnehmen darf.

Der neue nigerianische Präsident Muhammadu Buhari. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seit zwei Monaten im Amt: Nigerias neuer Präsident Buhari. Keystone

Ist das die Handschrift des neuen nigerianischen Präsidenten, Muhammadu Buhari, der erst seit zwei Monaten im Amt ist?

Ganz bestimmt. Als ehemaliger General denkt Buhari militärisch. Eine militärische Zusammenarbeit mit den anderen Staaten sieht er sehr viel plastischer und realistischer. Hinzu kommt, dass die Nachbarländer allmählich auch begriffen haben, dass Boko Haram ein regionales und nicht nur ein nigerianisches Problem ist.

«  Die Nachbarländer haben begriffen, dass Boko Haram ein regionales Problem ist. »

In Somalia stehen im Kampf gegen die islamistische Miliz Al-Shabaab 22‘000 Mann im Einsatz. Wirkt da die Zahl von 8700 Soldaten, die gegen Boko Haram eingesetzt werden sollen, nicht ein wenig mickrig?

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Internationale Truppe

Ende Januar hat sich die Afrikanische Union auf eine multinationale Truppe für den Kampf gegen die Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria geeinigt. Beteiligt sind die Länder Nigeria, Niger, Tschad, Kamerun und Benin. Die Eingreiftruppe soll aus knapp 9000 Soldaten bestehen.

Das Gebiet, in dem die Kampfhandlungen stattfinden, ist wesentlich kleiner als in Somalia. Aber Sie haben Recht, viele Soldaten sind es nicht. Das ist allerdings nicht das einzige Problem. Es ist beispielsweise unklar, wie sich die Zusammenarbeit dieser gemeinsamen Truppe mit den jeweils nationalen Armeen gestalten soll. Nigeria wird ihre eigene Armee ganz bestimmt auch separat einsetzten.

Nigerias Armee soll in Kürze auch wieder Waffen aus den USA erhalten.

Ja, die Amerikaner wollen ihr Waffenembargo gegen das Land aufheben. Es war aufgrund eines US-Gesetzes verhängt worden, das Waffenausfuhren an eine Armee, die schwere Menschenrechtsverletzungen verübt, verbietet. Washington scheint diese Zurückhaltung nun abzulegen. Dadurch wird die nigerianische Armee in den nächsten Monaten wieder schlagkräftiger werden.

Stehen die Chancen dank des Präsidentenwechsels in Nigeria nun besser, dass die regionale Eingreiftruppe den Kampf gegen Boko Haram erfolgreich führen kann?

Die Chancen stehen besser. Doch es gilt abzuwarten. Die Reformen, auch was die nigerianische Armee angeht, müssen erst greifen.

«  Im erfolgreichen Kampf gegen Boko Haram geht es auch um wirtschaftliche und soziale Fragen. »

NZZ-Afrika-Korrespondent M. Haefliger im Gespräch

4:41 min, aus SRF 4 News aktuell vom 07.08.2015

Ein Sieg gegen Boko Haram wird kaum nur mit militärischen Mitteln zu erreichen sein.

Nein. Die Terroristen suchen sich praktisch nur noch sogenannt weiche Ziele für ihre Angriffe aus: Schulen, Vorplätze von Moscheen und Marktplätze. Um dem etwas entgegenzustellen, muss man bei der Rekrutierung der Terroristen ansetzen. Es geht um wirtschaftliche und soziale Fragen. Ganz ausmerzen kann man Boko Haram innert naher Frist sicherlich nicht.

Das Gespräch führte Barbara Büttner.