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International «Die Dschihadisten werden bis zum Äussersten kämpfen»

Die Befreiung Mossuls hat begonnen. Trotz optimistischer Worte des irakischen Premiers rechnet aber kaum jemand damit, dass die Millionenstadt rasch fallen könnte, wie SRF-Korrespondent Philipp Scholkmann in Erbil sagt.

Legende: Video Offensive auf IS-Hochburg Mossul gestartet abspielen. Laufzeit 2:21 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 17.10.2016.

SRF News: Was wissen Sie über die Lage in Mossul?

Philipp Scholkmann: Bekannt ist, dass in den letzten Tagen auf drei Seiten der Millionenstadt starke Truppenverbände in Stellung gegangen sind. Hier in Erbil hat man amerikanische Kampfhelikopter aufsteigen sehen. Von der Front heisst es heute früh, es sei Artilleriefeuer zu hören. Wie genau die Verbände auf die Stadt und ihre Agglomeration vorrücken wollen, ist allerdings nicht bekannt.

Die Militäraktion zur Befreiung Mossuls wurde vor längerer Zeit angekündigt – warum beginnt sie gerade jetzt?

Offenbar hat man in Bagdad und in Washington – die USA unterstützen Iraks Armee mit Militärberatern und Luftangriffen – den Eindruck, die Dschihadistenmiliz IS sei nun genügend geschwächt, um die Operation zu wagen. Mossul ist die letzte Bastion des IS im Irak, sie hier zu besiegen, wäre ein entscheidender Schlag gegen die Terrormiliz. Zudem ist Mossul das symbolische Zentrum der IS-Herrschaft. Ihr Anführer Abu Bakr al-Bagdadi hat dort im Juni 2014 das Kalifat ausgerufen.

Die irakischen Streitkräfte und die US-Einheiten sind nicht allein an der Offensive beteiligt. Welche Kräfte sind sonst noch eingebunden?

Auch kurdische Peschmerga aus dem Gebiet hier in Erbil sowie schiitische Milizen aus dem Süden des Irak sind beteiligt. Premierminister Haidar al-Abadi hat aber versichert, dass nur offizielle irakische Kräfte in Mossul einmarschieren würden. Damit will er die Angst in der mehrheitlich sunnitischen Stadt zerstreuen, dass es durch die berüchtigten schiitischen Milizen zu Racheakten kommt.

Was bedeutet diese Offensive für die Bevölkerung der Millionenstadt Mossul?

Zunächst einmal die Hoffnung auf Befreiung vom Joch der Dschihadisten – auch wenn derzeit völlig unklar ist, wie eine stabile Nachkriegsordnung aussehen könnte. Es bedeutet aber auch, dass die mehr als eine Million Menschen, die sich noch in der Stadt aufhalten sollen, jetzt unmittelbar in eine Kampfzone geraten. Humanitäre Organisationen befürchten, dass Hunderttausende die Stadt verlassen könnten und eine gewaltige Fluchtwelle einsetzen wird.

Lässt sich abschätzen, wie gut die Erfolgsaussichten der Militäraktion sind?

Premier Abadi gab sich in seiner Ansprache optimistisch, aber kaum jemand rechnet mit einem schnellen Erfolg. Die Angreifer stehen zum Teil noch dutzende Kilometer vor Mossul und die Dschihadisten haben Gräben ausgehoben, um den Vormarsch zu behindern. Auch sollen die Eingänge zur Stadt vermint sein. Es wird damit gerechnet, dass sie bis zum Äussersten kämpfen werden.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

Aufstieg und Fall des IS

Juni 2014
IS-Extremisten bringen Mossul vollständig unter Kontrolle. Von der nordirakischen Metrople aus überrannte der IS weite Teile des Landes. Sunnitische Dschihadisten rufen in den von ihnen eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein «Kalifat» aus.
August 2014
Die USA fliegen erste Angriffe im Nordirak. Die Enthauptung des US-Journalisten James Foley schockiert die Welt.
September 2014
Frankreich startet Luftangriffe im Irak. Einige Tage später bombardieren das US-Militär und Luftstreitkräfte von arabischen Partnerländern erstmals IS-Stellungen in Syrien.
Dezember 2014
Kurdische Soldaten beenden mit Hilfe internationaler Luftangriffe die Belagerung des Sindschar-Gebirges nahe der IS-Hochburg Mossul. Im August waren Zehntausende Angehörige der jesidischen Volksgruppe vor den Dschihadisten in die Berge geflohen.
Januar 2015
Nach monatelangen Kämpfen vertreiben kurdische Kämpfer den IS aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze.
März 2015
Irakische Kräfte erobern die strategisch wichtige Stadt Tikrit zurück, die die Extremisten im Juni 2014 besetzt hatten.
April 2015
IS-Kämpfer dringen in Ramadi, 100 Kilometer westlich von Bagdad, ein. Tausende Iraker fliehen vor dem Terror Richtung Bagdad.
Mai 2015
Die Terrormiliz bringt Ramadi vollständig unter ihre Kontrolle. Kurden erobern IS-Gebiete in Nordsyrien.
Juli 2015
Türkische Kampfjets fliegen erstmals Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien.
August 2015
Der IS sprengt den rund 2000 Jahre alten Baaltempel und den Tempel Baal-Schamin.
April 2016
Laut Pentagon hat die Terrormiliz seit 2014 rund 45 Prozent der von ihr eroberten Gebiete im Irak verloren, in Syrien 20 Prozent.
Juni 2016
Unterstützt vom US-Militär nimmt die irakische Armee die IS-Hochburg Falludscha ein.
Juli 2016
Bei dem bisher tödlichsten Anschlag des IS sterben in Bagdad knapp 300 Menschen.
Oktober 2016
Die irakische Armee beginnt mit dem Sturm auf Mossul, die letzte Bastion des IS im Irak.

Philipp Scholkmann

Portrait von Philipp Scholkmann

Scholkmann ist Nahost-Korrespondent bei Radio SRF. Vor seiner Tätigkeit im Nahen Osten war er Korrespondent in Paris und Moderator bei «Echo der Zeit».

Offensive auf Mossul gestartet

Offensive auf Mossul gestartet

Die Militäraktion zur Befreiung Mossuls ist eingeleitet worden. An der Operation gegen die von IS-Dschihadisten besetzte Stadt sind die irakische Armee, Kurden und die US-geführte Koalition beteiligt. Gelingt der Sturm, ist der IS im Irak weitgehend geschlagen. Lesen Sie hier mehr.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Vogt (b.vogt)
    Es wird spannend zu beobachten sein wie viel Wiederstand der IS der Irakischen Armee wirklich entgegensetzen wird. Man hört auch über Berichte in denen bereits viele in Richtung Syrien flohen. Wie dem auch sei, auch in diesem Kampf müsste der Westen humanitäre Korridore verlangen und sich über unnötige Luftangriffe entsetzen, genauso wie in Aleppo. Nur wird dies hier kaum passieren, schliesslich fliegen westliche und nicht russische Flieger Angriffe auf Islamisten.
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    1. Antwort von Christian Szabo (C. Szabo)
      Ich spekuliere jetzt einmal: Berater, Söldner und Topkader verlassen vor dem grossem Sturm Mossul oder werden sogar evakuiert. Der Rest wird dann bald merken, dass sie als Gegner der "Guten" geopfert werden. Die eigentlichen Opfer sind Bürger, die aus Propagandagründen entweder sterben, verletzt werden oder als Befreite medial ausgeschlachtet werden. Ähnliche Bilder/Videos sind bekannt.
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    2. Antwort von Peter Singer (P.S.)
      Der Unterschied ist, dass Russland in erster Linie nicht den IS, sondern die Syrische Opposition bekämpft. Das sind Gruppierungen, welche gegen den IS kämpfen, somit hilft Russland sogar dem IS.
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    3. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      @P.Singer. Ganz offensichtlich glauben sie immer noch das Märchen vom "guten Westen", seinen "guten Kriegen" und "humanitären Einsätzen" - sei es im Irak, in Afghanistan, in Libyen oder an anderen Kriegsschauplätzen dieser Welt wie beispielsweise in vielen Ländern Afrikas. Seit 9/11 und dem folgenen "Krieg gegen den Terror" ist der Terror richtig gross und mächtig geworden... Nachdenken hilft!
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    4. Antwort von Christian Szabo (C. Szabo)
      @Singer: Erst als RU massiv in Syrien eingriff, wurde die IS und natürlich auch andere radikale Kräfte geschwächt. In der Folge musste auch die US-Koalition Erfolge liefern, um nicht völlig unglaubwürdig dazu stehen. Die Syrer werden lieber einen brutalen Assad ertragen, als Syrien völlig irren Extremisten zu überlassen.
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    5. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      ..."Die Militäraktion zur Befreiung Mossuls" ist ein Scheisskrieg, bei dem es um Öl geht und bei dem Unschuldige sterben werden.
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    6. Antwort von Ch. Helfenstein (Ch. Helfenstein)
      @M. Mitulla; Da haben Sie aber 2 Dinge vergessen. Den Krieg in Afghanistan begonnen hat die Sowjetunion und damit das Land destabilisiert. In Libyen waren die USA im Auftrag einer UN Resolution. Mich ärgert, dass immer wieder nach Hilfe gerufen wird, wie auch 2011 im Falle von Syrien, "man" solle doch eingreifen, die USA sind dann meist beteiligt, da sie die nötigen Mittel haben. Am Schluss aber fassen sie den schwarzen Peter. Es ist sicher nicht alles gut, was USA tut, aber vieles besser als RU
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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    und die Zivilisten können nicht mehr aus dieser Hölle raus. Man kann sich dieses Leid gar nicht vorstellen, sie werden vor allem die Opfer sein.
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