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International «Die EU zwingt die Menschen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen»

Schlagstöcke gegen Migranten, überforderte Behörden, Panik – die Ferieninsel Kos hat ihre Unschuld verloren. Die menschenunwürdigen Zustände sind nicht nur den griechischen Behörden anzulasten, sagt Florian Westphal von Ärzte ohne Grenzen: denn am Anfang stehe Brüssels Versagen.

SRF News: Herr Westphal, was wissen Sie über die aktuelle Lage auf Kos?

Florian Westphal: Es scheint so, dass sich die Lage in dem Stadion etwas entspannt hat. Dort halten sich anscheinend nur noch ein paar Dutzend Menschen auf. Wo die geschätzten Tausend Flüchtlinge sind, die dort gestern und vor allem in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch waren, weiss ich momentan nicht. Und man muss natürlich damit rechnen, dass in den nächsten Tagen weiter Menschen über die Türkei in Kos ankommen werden.

Ihre Leute von Ärzte ohne Grenzen kümmern sich seit längerem in einem leerstehenden, abbruchreifen Hotel auf der Insel um ankommende Flüchtlinge. Hat es Sie überrascht, dass die Situation zwischen Flüchtlingen und Polizei jetzt eskaliert ist?

Leider musste man damit rechnen. Wir haben seit Monaten darauf hingewiesen, dass die Aufnahme- und Lebensbedingungen für die Flüchtlinge auf Kos inakzeptabel sind. Seit April werden keine Nahrungsmittel mehr bereitgestellt, die hygienischen Verhältnisse und die Unterbringung sind mangelhaft. Und wenn es derart lange dauert, bis die Menschen registriert werden und von Kos weiterreisen können, ist es auch nicht überraschend, dass es zu Spannungen kommt.

Nun schickt die griechische Regierung ein Kreuzfahrtschiff zur Insel Kos, dort sollen bis 2500 Menschen aufgenommen, versorgt und registiert werden – ist das ein sinnvoller Schritt?

Wenn es dazu führt, dass die Unterbringung, Aufnahmebedingungen und gerade auch die Registrierung beschleunigt wird – auf jeden Fall. Aber das ist ein grosses «wenn». Wir haben schon seit mehreren Monaten darauf hingewiesen, dass mehr gemacht werden muss. Seitens der griechischen Behörden ist aber nicht sehr viel passiert. Stattdessen hat man zunehmend die Polizei zum Einsatz gebracht, um gegen die Flüchtlinge vorzugehen.

Können die Behörden nicht oder wollen sie nicht?

Das ist jeweils schwer zu beurteilen. Es ist sicherlich so, dass die Situation auf einer derart kleinen Insel naturgemäss schwierig ist – dazu kommen die beträchtlichen wirtschaftlichen Probleme Griechenlands. Man darf das Land mit dieser Herausforderung auch nicht alleine lassen. Die gesamte Europäische Union steht hier in der Pflicht, Griechenland tatkrätftig zu unterstützen, dass die Flüchtlinge anständig aufgenommen werden können.

Macht die EU denn nicht genug?

Nein. Sie macht klar zu wenig, das sieht man ja an den Zuständen, die auf Kos herrschen. Das sieht man auch an den tragischen Zwischenfällen auf dem Mittelmeer, wo Menschen immer wieder ertrinken. Die EU macht grundlegende politische Fehler. Da sie diesen Menschen aus Konfliktgebieten wie Syrien und Afghanistan nicht erlaubt, auf legalem und sicherem Weg nach Europa zu gelangen, zwingt sie die Menschen in die Hände von Schleppern.

Und sie zwingt sie damit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Wenn man aus Ländern wie Syrien kommt, bekommt man etwa in Ländern wie Deutschland Asyl. Aber erstmal muss man dahin gelangen. Und das kann man praktisch nur auf illegalem Weg.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge

Zur Person

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Legende: Barbara Sigge (ZVG)

Florian Westphal ist seit Sommer 2014 Geschäftsführer der deutschen Sektion der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Zuvor arbeitete er während 15 Jahren beim IKRK.

Flüchtlinge in Athen

Am Donnerstagmorgen ist in Athen eine Fähre mit rund 1300 Migranten angekommen. Die Flüchtlinge waren zuvor auf der Insel Kos untergekommen. Wie vonseiten der Küstenwache verlautete, werden im Tagesverlauf weitere 600 Migranten von verschiedenen anderen Inseln der Ägäis erwartet.

107 Kommentare

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  • Kommentar von Andreas Joos, Zofingen
    Das Boot ist im wahrsten Sinne des Wortes voll. Lassen wir uns die Diskussion also ehrlich zu Ende führen. Die Flughäfen sind dank Abschaffung des Botschaftsasyls schon relativ dicht. Es bleiben noch 53'000 km Schengenaussengrenzen. Bauen wir eine lückenlose Mauer. Schild: "Willkommen in Europa. Wir bringen schon kaum die Griechen durch. Wir raten Ihnen, nach Hause zu gehen und Ihre eigenen Probleme zu lösen. So wie wir es auch in Europa immer getan haben."
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    1. Antwort von Fabian Bracher, Heimiswil
      Haben wir uns denn wirklich immer nur um unsere Probleme gekümmert? Wie ist das, mit dem Kolonialismus, mit der Sklaverei, mit der Ausbeutung der Drittweltstaaten? Kindersoldaten sind eine Erfindung Europas! Kinderarbeiter sind ein Produkt der westlichen Konsumgier! Die Instabilität solcher Staaten gründet grosstenteils auf der Einmischung westlicher Regierungen. Ein wenig Durchblick gibt Ihnen vielleicht die DOK "Schatten über dem Kongo". Und noch was...wie kamen die Europäer nach Amerika?
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    2. Antwort von Andreas Joos, Zofingen
      Eben nicht. Wir haben in Europa die folgenschwersten Kriege angezettelt, die Millionen in die Flucht getrieben haben. Wir haben auch in Zeiten grosser ökonomischer Krisen oder Hungernöten massiv von der Gastfreundschaft anderer profitiert. Heute werden an Check-In Schaltern Asylverfahren verhindert. Nur eine Mauer könnte verfolgte & sonst verzweifelte Menschen vom Schengenraum fern halten. Die Mauer-Diskussion wäre ehrlich. Ich dachte die Ironie wäre offensichtlicher gewesen in meinem Kommentar.
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  • Kommentar von p.keller, kirchberg
    Nicht die EU, sondern der IS zwingt die Menschen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Soviel Wahrheit muss sein.
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    1. Antwort von Yannick Probst, Reinach
      Und der IS ist die Folge jahrelanger Fehlpolitik vom Westen im Nahen Osten. So viel Wahrheit muss auch sein.
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  • Kommentar von W. Balmer, Busswil
    Wieso zwingt die EU die Menschen ihr Leben auf das Spiel zu setzen? Die Türkei gilt als sicheres, grosses und aufstrebendes Wirtschaftsland, in welchem sich besonders Muslime wohl fühlen können. Genauso wie Griechenland, hat auch die Türkei die Genfer Flüchtlingskonvention unterschrieben. Wer in ein anderes EU Land emigrieren will, hat seinen Flüchtlingsstatus gemäss Schengen Abkommen verwirkt und ist nichts anderes als ein Kriegsgewinnler.
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