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International «Die Flüchtlinge wollen ihr Ziel Europa nicht aufgeben»

Der von Griechenland befürchtete «Rückstau» ist Realität. Tausende Flüchtlinge harren unter prekären Bedingungen im Auffanglager Idomeni aus. Andere kämpfen sich zurück nach Athen. Journalistin Rodothea Seralidou berichtet aus einem Land im Ausnahmezustand.

Die Sonne hinter einem Nebelschleier im Auffanglager Idomeni.
Legende: Wie weiter? Der Weg nach Westeuropa scheint vorderhand verschlossen. Reuters

SRF News: Hunderte Flüchtlinge haben das Flüchtlingslager Idomeni inzwischen verlassen. Wohin gehen die Menschen?

Rodothea Seralidou: Die meisten Flüchtlinge werden mit Bussen zurück nach Athen gebracht. Dort wird versucht, sie in alle vorhandenen Unterkünfte zu verteilen. Der Hafen von Piräus hat beispielsweise Gebäude zur Verfügung gestellt. Andere Flüchtingsunterkünfte sind etwa das ehemalige olympische Hockey-Stadion oder die Abflughalle des alten Athener Flughafens. Beispiele gibt es zuhauf. Natürlich sind auch da die Bedingungen nicht die besten; die Menschen schlafen auf dem Boden, einige Räume sind unbeheizt. Aber wenigstens sind die Flüchtlinge den Witterungsbedingungen nicht ausgesetzt. Vorausgesetzt, sie gehen überhaupt in diese Unterkünfte. Es gibt immer noch viele Flüchtlinge, die es vorziehen, in der Athener Innenstadt auf offener Strasse zu übernachten. Sie haben Angst, dass sie – wenn sie einmal in den Flüchtlingsunterkünften sind – nicht mehr so leicht rauskommen.

Wie geht es für die Menschen weiter, die zurück in Athen sind?

Syrer und Iraker können am Umverteilungsprogramm der EU teilnehmen. Dadurch können in den nächsten zwei Jahren insgesamt 66'000 Menschen von anderen EU-Ländern aufgenommen werden. Andere, die nicht als Flüchtlinge anerkannt werden, können am Rückkehrer-Programm der Internationalen Organisation für Migration IOM teilnehmen. Das betrifft etwa Menschen aus Pakistan. Sie können auf diesem Weg freiwillig in ihre Heimat zurückkehren. Im Moment herrscht aber bei den meisten das grosse Warten: Sie wollen schauen, was jetzt mit ihnen geschieht.

Schauen wir noch einmal nach Idomeni. Warum harrt die grosse Mehrheit der Flüchtlinge weiterhin dort aus?

Sie wollen die Hoffnung nicht aufgeben, dass es doch noch irgendwie weitergeht. Sie hoffen, dass die Grenzen doch noch aufmachen. Sie befürchten, dass sie diese Chance verpassen, wenn sie zu dem Zeitpunkt nicht vor Ort sind.

Die Zustände in dem Lager sind miserabel. Die Menschen leiden unter Kälte und Nässe, viele werden krank. Wie verhält sich Athen angesichts der Misere, eine Räumung des Lagers ist ja offenbar nicht geplant?

Die Regierung wolle das Lager nicht mit Gewalt räumen, weil es unmenschlich wäre, erklärte der griechische Vize-Minister für Bürgerschutz, Nikos Toskas, heute im Fernsehen. Man könne Frauen und Kinder nicht mit Tränengas verjagen. Man versuche vielmehr, die Menschen zu informieren, damit sie freiwillig gehen. Die Regierung schätzt, dass das seine Zeit braucht, aber in ein, zwei Wochen der Fall sein wird. Dann nämlich, wenn die Flüchtlinge realisieren, dass die Grenze tatsächlich dicht ist. Das ist zumindest die Hoffnung der Regierung.

Seit die Balkanroute geschlossen ist, stauen sich die Flüchtlinge an den Grenzen. Derweil gelangen immer neue Flüchtlinge nach Griechenland. Wie reagiert die Regierung darauf?

Sie versucht Unterkünfte zu finden. Sie wird dabei stark vom UNO-Flüchtlingskomitee und NGOs unterstützt. Ohne diese Hilfe wäre das alles nicht zu stemmen. Die Regierung beantragt zudem Nothilfe. Die EU hat jetzt schon grünes Licht für 100 Millionen Euro für Griechenland gegeben. Damit sollen die Flüchtlinge versorgt werden. Griechenland legt all seine Hoffnungen auf den nächsten Flüchtlingsgipfel vom 17. und 18. März. Die Regierung hofft, dass die dortigen Entscheidungen positiv für Griechenland ausfallen werden und das Land noch mehr Unterstützung bekommt. Etwa, dass Flüchtlinge direkt aus der Türkei Asyl beantragen können. Oder, dass die Umverteilung der Flüchtlinge angekurbelt wird. Kurz: Griechenland soll nicht alleine gelassen werden.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Rodothea Seralidou

Rodothea Seralidou

Die Journalistin berichtet seit 2011 für SRF und ARD aus Griechenland. Sie lebt in Athen.

EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen

EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen

Der beim EU-Türkei-Gipfel Anfang Woche avisierte Plan sieht vor, dass die EU alle unerlaubt eingereisten Flüchtlinge von den griechischen Inseln zurück in die Türkei schickt. Für jeden zurückgesandten Syrer lässt die EU einen syrischen Flüchtling legal aus der Türkei einreisen. Dies soll Flüchtlinge davon abhalten, sich Schleppern anzuvertrauen.

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32 Kommentare

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  • Kommentar von Marcel Chauvet (xyzz)
    Hetze leicht gemacht: Merkel ist 1000%ig an allem schuld, da können Putin und Assad-Freunde und sonstige Ignoranten die Fluchtursachen egal sein. Als ob die Leute aus Jux und Tollerei und nur wegen Merkel aus ihrer Heimat geflüchtet und eine gefährliche Reise ins Ungewisse auf sich genommen haben. Immerhin gab es vor Merkels Selfies auch schon 100.000e Flüchtlinge und chaotische Zustände in Griechenland, man konnte allerdings noch nach D durchwinken, das ohnehin den Löwenanteil aufnahm.
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    1. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Herr Chauvet, gäbe in Deutschland eine Alternative zu Merkel in der CDU, so wäre die Merkel schon längst weg vom Fenster. Aufgrund dieser Grundsituation heraus kann nun die AfD & Co. wohl auch Terrain gewinnen. Oder sehen Sie das anders ?
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    2. Antwort von Cornelius Jaschko (Politically Correct Player)
      Gut , dann sagen Sie bitte mal was hat die Merkel so gut für Europa gemacht :-) Was hat Deutschland allgemein so gut für Europa gemacht :-) Hier Herr Chauvet: Ihre Chance haben Sie jetzt also legen Sie los, scheuen Sie sich bitte nicht :-)
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  • Kommentar von Erwin Jenni (ej)
    Gerade eben in der Tagesschau hörte man Stimmen aus Syrien, die sagten, man wolle lieber hier bleiben, als sich in Griechenland demütigen zu lassen. Also, kommt sehr wohl darauf an, welche Signale man aussendet. Die "merkelsche Willkommenskultur" hat den Flüchtlingen mehr Leid gebracht, als irgend etwas sonst!
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    1. Antwort von Ursula Schüpbach (Artio)
      Klar, Merkel ist eine Kriminelle und Assad ein Heiliger...
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    2. Antwort von paul waber (sandokan)
      Mindestens Teil 1 ist richtig, Frau Schüpbach...
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    3. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Was Merkel getan hat, verurteilen wir fast alle. Sie trägt den grössten Teil der Schuld, was in Europa passiert. Man darf und muss das verurteilen. Aber sie als Krimminelle zu bezeichnen, geht mir pers.zu weit. Vor allem hier im öffentlichen Raum. Meinungsfreiheit ja ,aber nicht so. Deshalb bin Ich sehr gespannt, wie andere Kommentatoren reagieren. Es soll ein Vergleich zu Assad sein, den ich pers. auch aufs schärfste verurteile, aber das fand ich, sehr salopp gesagt, etwas sehr daneben.
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  • Kommentar von Luzius Brotbeck (Luzi Brot)
    @Hans Haller und Co, falls Sie statt zu den "Mutbürger" zu den "Wutbürger" gehören möchte, können Sie gerne auf Ihre "Merkel-Sündenbock-Theorie" beharren. Der Deal mit der Türkei ist tatsächlich fragwürdig, ebenso das Schliessen der Balkanroute. Es droht eine immense humanitäre Katastrophe in Griechenland, Türkei und vor allem in und um Syrien! Dies ist die wahre Misere und Sünden begehen jene, welche Mauern und Zäune bauen sowie Obergrenzen fordern, statt ihre Tore, Türen und Herzen zu öffnen!
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    1. Antwort von Ursula Schüpbach (Artio)
      "Es droht eine immense humanitäre Katastrophe in Griechenland, Türkei und vor allem in und um Syrien!" Sie droht eigentlich nicht mehr, sondern ist schon Realität. Aber es gibt halt wohl eine Art Parallelwelt dazu. Anders kann ich mir manche Kommentare hier nicht erklären. Kaum jemand der "Wutbürger" scheint zwischendurch froh zu sein und zufrieden, dass er z.B. eine ziemlich sichere Wohne hat.
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    2. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Herr Luzius Brotbeck, es gibt zwar vielleicht Wutbürger aus Frust und Enttäuschung. Aber mit diese sog. Mutbürgern ist es leider nicht weit her. Ich bin übrigens der Meinung, dass diese Unterscheidungen zwischen Mut-& Wut-Bürgern ziemlich infantiler Natur ist. Es dient meist lediglich in Verbindung auch als eine unterschwellige Diffarmierung der politisch anders Denkenden. So gesehen ist diese Unterscheidung nicht zielführend und lösungsorientiert, sondern ein dümmliches Geschwätz.
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