«Die Flüchtlinge wollen ihr Ziel Europa nicht aufgeben»

Der von Griechenland befürchtete «Rückstau» ist Realität. Tausende Flüchtlinge harren unter prekären Bedingungen im Auffanglager Idomeni aus. Andere kämpfen sich zurück nach Athen. Journalistin Rodothea Seralidou berichtet aus einem Land im Ausnahmezustand.

Die Sonne hinter einem Nebelschleier im Auffanglager Idomeni. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wie weiter? Der Weg nach Westeuropa scheint vorderhand verschlossen. Reuters

SRF News: Hunderte Flüchtlinge haben das Flüchtlingslager Idomeni inzwischen verlassen. Wohin gehen die Menschen?

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Rodothea Seralidou

Rodothea Seralidou

Die Journalistin berichtet seit 2011 für SRF und ARD aus Griechenland. Sie lebt in Athen.

Rodothea Seralidou: Die meisten Flüchtlinge werden mit Bussen zurück nach Athen gebracht. Dort wird versucht, sie in alle vorhandenen Unterkünfte zu verteilen. Der Hafen von Piräus hat beispielsweise Gebäude zur Verfügung gestellt. Andere Flüchtingsunterkünfte sind etwa das ehemalige olympische Hockey-Stadion oder die Abflughalle des alten Athener Flughafens. Beispiele gibt es zuhauf. Natürlich sind auch da die Bedingungen nicht die besten; die Menschen schlafen auf dem Boden, einige Räume sind unbeheizt. Aber wenigstens sind die Flüchtlinge den Witterungsbedingungen nicht ausgesetzt. Vorausgesetzt, sie gehen überhaupt in diese Unterkünfte. Es gibt immer noch viele Flüchtlinge, die es vorziehen, in der Athener Innenstadt auf offener Strasse zu übernachten. Sie haben Angst, dass sie – wenn sie einmal in den Flüchtlingsunterkünften sind – nicht mehr so leicht rauskommen.

Wie geht es für die Menschen weiter, die zurück in Athen sind?

Syrer und Iraker können am Umverteilungsprogramm der EU teilnehmen. Dadurch können in den nächsten zwei Jahren insgesamt 66'000 Menschen von anderen EU-Ländern aufgenommen werden. Andere, die nicht als Flüchtlinge anerkannt werden, können am Rückkehrer-Programm der Internationalen Organisation für Migration IOM teilnehmen. Das betrifft etwa Menschen aus Pakistan. Sie können auf diesem Weg freiwillig in ihre Heimat zurückkehren. Im Moment herrscht aber bei den meisten das grosse Warten: Sie wollen schauen, was jetzt mit ihnen geschieht.

Schauen wir noch einmal nach Idomeni. Warum harrt die grosse Mehrheit der Flüchtlinge weiterhin dort aus?

Sie wollen die Hoffnung nicht aufgeben, dass es doch noch irgendwie weitergeht. Sie hoffen, dass die Grenzen doch noch aufmachen. Sie befürchten, dass sie diese Chance verpassen, wenn sie zu dem Zeitpunkt nicht vor Ort sind.

Die Zustände in dem Lager sind miserabel. Die Menschen leiden unter Kälte und Nässe, viele werden krank. Wie verhält sich Athen angesichts der Misere, eine Räumung des Lagers ist ja offenbar nicht geplant?

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EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen

EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen

Der beim EU-Türkei-Gipfel Anfang Woche avisierte Plan sieht vor, dass die EU alle unerlaubt eingereisten Flüchtlinge von den griechischen Inseln zurück in die Türkei schickt. Für jeden zurückgesandten Syrer lässt die EU einen syrischen Flüchtling legal aus der Türkei einreisen. Dies soll Flüchtlinge davon abhalten, sich Schleppern anzuvertrauen.

Die Regierung wolle das Lager nicht mit Gewalt räumen, weil es unmenschlich wäre, erklärte der griechische Vize-Minister für Bürgerschutz, Nikos Toskas, heute im Fernsehen. Man könne Frauen und Kinder nicht mit Tränengas verjagen. Man versuche vielmehr, die Menschen zu informieren, damit sie freiwillig gehen. Die Regierung schätzt, dass das seine Zeit braucht, aber in ein, zwei Wochen der Fall sein wird. Dann nämlich, wenn die Flüchtlinge realisieren, dass die Grenze tatsächlich dicht ist. Das ist zumindest die Hoffnung der Regierung.

Seit die Balkanroute geschlossen ist, stauen sich die Flüchtlinge an den Grenzen. Derweil gelangen immer neue Flüchtlinge nach Griechenland. Wie reagiert die Regierung darauf?

Sie versucht Unterkünfte zu finden. Sie wird dabei stark vom UNO-Flüchtlingskomitee und NGOs unterstützt. Ohne diese Hilfe wäre das alles nicht zu stemmen. Die Regierung beantragt zudem Nothilfe. Die EU hat jetzt schon grünes Licht für 100 Millionen Euro für Griechenland gegeben. Damit sollen die Flüchtlinge versorgt werden. Griechenland legt all seine Hoffnungen auf den nächsten Flüchtlingsgipfel vom 17. und 18. März. Die Regierung hofft, dass die dortigen Entscheidungen positiv für Griechenland ausfallen werden und das Land noch mehr Unterstützung bekommt. Etwa, dass Flüchtlinge direkt aus der Türkei Asyl beantragen können. Oder, dass die Umverteilung der Flüchtlinge angekurbelt wird. Kurz: Griechenland soll nicht alleine gelassen werden.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Hölle Idomeni

    Aus Tagesschau vom 10.3.2016

    Nach wie vor ist man von einer Lösung in der Flüchtlingskrise weit entfernt. Die Zustände im griechisch-mazedonischen Grenzort Idomeni machen das Versagen der Politik deutlich. Seit Tagen sitzen dort tausende Flüchtlinge fest – unter menschenunwürdigen Bedingungen.