Die «Flüchtlingskanzlerin»

Nie zuvor hat man Angela Merkel so entschlossen gesehen. In der Flüchtlingsfrage hält sie an ihrem Kurs fest – egal, was ihre Kritiker sagen. Doch was veranlasst sie, in Sachen Flüchtlingen unbeirrt ihren Weg zu gehen? Eine Erwägung von SRF-Korrespondent Adrian Arnold.

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Warum sich die deutsche Kanzlerin für Flüchtlinge einsetzt

2:29 min, aus Tagesschau vom 18.9.2015

Angela Merkel wird bereits «die Neue» oder «die Flüchtlingskanzlerin» genannt. Denn mit ihrer Flüchtlingspolitik überrascht sie aktuell Deutschland und ganz Europa.

Trotz Kritik aus den eigenen Reihen will sie an ihrem Kurs festhalten und in Deutschland Hundertausenden Flüchtlingen Asyl gewähren. Selten zuvor hat man die Kanzlerin so resolut, so bestimmt gesehen. Doch warum zeigt sich ihre Entschlossenheit ausgerechnet in der Flüchtlingsfrage?

«  Auf dem Zenit der Macht verbiegt sich Angela Merkel nicht mehr.  »

Adrian Arnold
SRF-Korrespondent

Seit nunmehr zehn Jahren regiert Angela Merkel Deutschland. Herausforderer? Hat sie weit und breit keine. Und eine Wiederwahl strebt sie auch nicht mehr auf Biegen und Brechen an. Dazu SRF-Korrespondent Adrian Arnold: «Auf dem Zenit der Macht verbiegt sich Merkel nicht mehr. Sie muss nicht mehr Taktieren. In der Flüchtlingsfrage tut sie, was sie für richtig hält.»

Konzentriert und doch menschlich: Kanzlerin Merkel mit der für sie typischen Geste. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Konzentriert und doch menschlich: Kanzlerin Merkel mit der für sie typischen Geste. Keystone

Pastorentochter mit humanem Grundzug

Geht es nach ihrem langjährigen Gegenspieler, dem Oppositionschef Gregor Gysi, verhält sich Merkel auch ihrer Herkunft entsprechend. Die Kanzlerin ist, wie der Fraktionschef der Linken übrigens auch, in der ehemaligen DDR gross geworden.

«Ihr Vater war Pastor», gibt Gysi zu bedenken. «Sie kommt aus Mecklenburg-Vorpommern im Osten.» Er glaube inosfern, dass sie einen humanen Grundzug habe, den sie aktuell zum Ausdruck bringe.

Scharfsinnige Kalkulatorin

Dahinter stecke noch viel mehr, so ihr erster Biograf Wolfgang Stock. Nämlich eine klare politische Strategie, die auf einer scharfen demografischen Analyse basiere: «Merkel sieht natürlich auch die Chancen, die mit den Flüchtlingen verbunden sind. Deutschland ist ein Land, das immer älter wird und schrumpfen wird.» Und viele Menschen in Deutschland hätten noch nicht verstanden, was eine schrumpfende Bevölkerung auf Dauer bedeute.

Trotz drohenden Integrationsproblemen und Glaubenskonflikten sieht Merkel Deutschland also als Einwanderungsland. Denn nur im Einwanderungsland kann die wirtschaftliche Stärke der Nation erhalten bleiben.

Optimistin und Macherin

«Wir schaffen das», prognostiziert Kanzlerin Merkel. Und der Oppositionschef pflichtet ihr wenigstens der Idee nach bei: «Was sie sagt, geht moralisch in Ordnung.» Jetzt fehle nach dem Wort nur noch die Handlung.

«  Bei ihr sind das nicht nur Worte. Sie wird das in Europa durchsetzen. »

Wolfgang Stock
Merkel-Biograf

Merkel-Biograf Stock hat hier keine Bedenken. «Bei ihr sind das nicht nur Worte. Sie wird das in Europa druchsetzen.» Denn: Merkel sei selbst aus der Unfreiheit in der DDR gekommen und habe nach der Wiedervereingung selbst einmal die Freiheit als Geschenk erhalten. Da liege ihr viel daran, dass all jene eben dieses Grundrecht bekämen, die ein Anrecht auf Asyl in Deutschland hätten.

Politisch kann sie damit auf kurze Frist nur wenig gewinnen. Doch das muss sie ja auch nicht mehr um jeden Preis. Sie, die Flüchtlings- respektive Bundeskanzlerin.