«Die Japaner waren die schlimmsten Besatzer»

Beinahe 100 Jahre Geschichte hat er miterlebt: Prinz Edward Taw Phaya. Sein Grossvater war der letzte König Burmas. Der 92-jährige Prinz Edward wäre der Thronfolger gewesen. Wäre, wenn die Briten die Königsfamilie 1885 nicht ins Exil nach Indien verbannt hätten. Edward lebt heute wieder in Burma.

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Des Königs unkönigliches Leben

«Mein Name ist Taw Phaya, der dritte Enkel von König Thibaw. Meine Mutter war die vierte Prinzessin und mein Vater war ein ehemaliger Mönch. Es war meine Mutter, die die Hosen in der Familie an hatte.» Sollte Prinz Taw Phaya dem verlorenen Königreich nachtrauern, so lässt er es sich bei dem Gespräch nicht anmerken.

Mit einem verschmitzten Lächeln sinniert der alte, etwas schwerhörige Mann in viktorianischem Englisch über die verflossenen Jahrzehnte. Einst Herrscher über ein schwerreiches Königreich, wurde seine Familie aller Edelsteine und Reichtümer beraubt. Heute lebt Taw Phaya mit einer seiner Töchter in einem kleinen Haus in Maymyo, der einstigen Sommerresidenz der britischen Kolonialherren.

«Die Briten fielen wegen den Rubin- und Edelsteinminen in unser Land ein. Unsere Schätze kann man nun im britischen Museum in London bestaunen. Zumindest führten die Briten Buch über ihre Raubzüge», sagt Taw Phaya. Die Königin und der König jedoch wurden ins indische Ratnagiri verbannt.

Indische Offiziere zeigten sich grosszügig

Erst nach dem Tod von König Thibaw kehrten die einstige Königin und einige ihrer Kinder 1919 nach Burma zurück. Bevor Burma 1948 unabhängig wurde, erlebte der kleine Prinz, wie das britische Empire langsam zerfiel. «Die Briten haben unsere ganze Familie im Auge behalten und jeden kontrolliert. Bis 1940 konnte ich nicht einmal einkaufen gehen, ohne dass ein britischer Offizier mitkam. Doch sie gaben uns auch grosszügige Zuschüsse. Mit der Zeit begannen sie sich zu entspannen.»

Die Briten fürchteten, dass die einstige Königsfamilie wieder Einfluss gewinnen könnte. Es war Kriegszeit. Einige burmesische Nationalisten sahen die Möglichkeit, die Kolonialherren aus dem Land zu vertreiben. Freiheitskämpfer Aung San, der Vater von Aung San Suu Kyi, ersuchte deshalb Japan um Hilfe und militärische Ausbildung. Doch bald wurden aus den japanischen Helfern Besatzer.

Foto von zwei Frauen und dem burmesischen König auf einer Erhöhung, hinten Vorhänge. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Königin (Bild ca.1886) kehrte mit mehreren Kindern nach Burma zurück, aber ihr Leben war alles andere als königlich. Imago

Und zwar die schlimmsten, die Burma je gehabt habe, erinnert sich Taw Phaya: «Die Japaner haben ganz Burma besetzt. Die Burmesen lebten in der Hölle und die japanischen Soldaten waren Teufel. Sie folterten und töteten.» Den ehemaligen Königspalast in Mandalay hatten die Japaner in ein Waffenlager verwandelt.

Dieser wurde von den Briten bombardiert und ging in Flammen auf. Erst 1945, nach langen, verlustreichen Kämpfen, verdrängten die Truppen des britischen Commonwealth gemeinsam mit den burmesischen Freiheitskämpfern die Japaner aus dem Land.

Korruptes Militärregime kam an die Macht

Drei Jahre später wurde Burma unabhängig. Für die entmachtete Königsfamilie war das kein Grund zur Freude: «Mit einem Schlag wurden all unsere Zuschüsse, die wir einst von den Briten bekommen hatten, von der burmesischen Regierung gestoppt. Wir mussten arbeiten und ich startete mit meinem Bruder ein kleines Import-Export-Geschäft mit Textilien, Porzellan, Broschen und anderem Krimskrams.»

1962 putschte sich General Ne Win an die Macht. «Ein netter Mann, zudem mit seiner Cousine verheiratet», erinnert sich Taw Phaya. «Wenn Ne Win nach Maymyo kam, hat er uns immer besucht. Er warf sich vor uns auf die Knie, wie das früher vor dem König üblich war. Er war ein grosszügiger Mann, aber Macht korrumpiert eben und absolute Macht korrumpiert absolut.» Es war der Beginn einer endlosen Reihe von Putschs und Militärdiktaturen. Erst unter dem wachsenden Druck von innen und aussen begannen die Generäle, das Land vor fünf Jahren zu öffnen.

Für die Militärherrscher hat Prinz Taw Phaya rückblickend nichts übrig. Sie hätten sich wie die neuen Könige aufgespielt: «Die Generäle haben das Land verarmen lassen. Nur sie hatten Privilegien, alle anderen hatten nichts und wurden zu Bettlern.» Da seien sogar die Briten noch bessere Herrscher gewesen, auch wenn sie die Macht und den Reichtum seiner Familie zerstört hätten.

Seine Hoffnung ruht auf Aung San Suu Kyi

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«Ehre, wem Ehre gebührt. Die Briten waren zumindest fair. Sie mögen dich kontrollieren, aber sie sprechen dir zumindest nicht alle Rechte ab. Wir konnten uns beschweren und sie gaben uns ein paar Freiheiten. Sie waren die fairsten von allen Herrschern in Burma.»

Und genau deshalb blickt Prinz Taw Phaya nun mit Zuversicht in die Zukunft. Aung San Suu Kyi, die seit diesem Frühling mit ihrer Partei NLD die politischen Geschicke des Landes bestimmt, habe schliesslich vorwiegend eine britische Ausbildung genossen und einen englischen Mann geheiratet.

«Sie war in England für so viele Jahre. Sie kennt den englischen Regierungsstil, die Demokratie. Deshalb wird sie hier nur ganz langsam das Land verändern. Schnell darf es nicht gehen, sonst kommt die Armee zurück. Suu Kyi weiss das.» Demokratie sei, was Burma heute brauche, sagt Taw Phaya, der heute auf dem Thron sitzen würde, wäre die Geschichte anders verlaufen.

Doch er bereut nichts: «Die burmesischen Könige waren absolute Herrscher. Sie konnten deinen Kopf abschneiden, wann immer sie wollten. Die Monarchie gehört nun für immer und ewig der Vergangenheit an.»

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