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Die Kunstjagd «Die anonymen Briefe haben wir zerstört!»

Der Unternehmer François Loeb hat vor 17 Jahren gerettete Juden gebeten, ihre Erlebnisse in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs zu schildern. Die Briefe sind heute in einem Archiv einsehbar. Loeb im Gespräch über erschütternde Lebensgeschichten und unbelehrbare Neonazis.

François Loeb hat 1998 einen Aufruf gestartet, ihm persönliche Erlebnisse aus den Kriegsjahren zu berichten. Der Rücklauf war enorm. Der damalige Nationalrat jüdischer Abstammung erhielt hunderte Briefe. Darunter auch Antisemitisches. Der Bestand befindet sich heute im Archiv für Zeitgeschichte in Zürich.

Der Berner Unternehmer hat viele Jahre unter einem Pseudonym in der NZZ Kurzgeschichten geschrieben. Heute lebt der ehemalige Geschäftsmann im Schwarzwald und arbeitet dort als Autor.

SRF News: Zeugnisse über die Judenverfolgungen gibt es viele. Warum wollten Sie 1998 nochmals zusätzliche Berichte von Zeitzeugen?

François Loeb: Die Debatte um die Wiederaufarbeitung der Schweizer Verstrickungen während des Krieges hat mich damals sehr beschäftigt. Ich fand, man sollte mehr aus erster Hand erfahren. Die Zeitzeugen waren nämlich schon damals alt.

Es gibt aber kein Buch über diese Berichte. Die Briefe liegen in Archivschachteln. Warum stellten Sie die Dokumente nicht öffentlich aus?

Zum einen wegen des Datenschutzes. Manche Zeugen wollen ihre persönlichen Berichte nicht öffentlich sehen. Die Briefe sind vor allem für Historiker und Journalisten gedacht. Aber: Manche Berichte haben dann eine Wendung erfahren. Ernest Wittwer, ein einfacher Jurassier, der aus persönlicher Überzeugung Juden rettete, wurde während des Krieges inhaftiert. Dank eines Briefes wurde er später rehabilitiert. Die Gedächtnisstätte Jad Vashem listet ihn heute als einen der «Gerechten unter den Völkern» auf.

Sie haben aber nicht nur Berichte von Flüchtlingen bekommen. Auch antisemitische Brandbriefe liegen im Nachlass. Warum haben Sie so etwas aufbewahrt?

Ich habe meiner Sekretärin den Auftrag gegeben, alles aufzubewahren, ausser anonyme Briefe. Die haben wir zerstört. An einen Brief kann ich mich gut erinnern. Der war im Ton sehr beleidigend. Ich rief den Mann an und lud ihn ein, sich mit mir in der Wandelhalle zu treffen. Als er auf mich zulief, sagte er mir gleich: «Was machen sie eigentlich hier? Sie sind ja nicht einmal ein Schweizer!» Es stellte sich heraus, dass er einer Neonazi-Gruppe angehörte. Dem leicht verdutzten Mann bot ich an, seinem Grüppchen ein Referat zu halten.

Typisch, reicher Jude! Typisch, geiziger Jude!
Autor: François LoebAutor

Das haben Sie wirklich gemacht?

Ja. Wir tranken alle ein Kaffee. Am Ende sagte ich denen: «Jetzt würde ich ihnen gerne den Kaffee bezahlen. Aber ich habe ein Problem: Wenn ich das mache, dann sagen sie alle: «Typisch, reicher Jude!» Wenn ich ihren Kaffee nicht bezahle, dann sagen sie: «Typisch, geiziger Jude!» Ich habe ihnen dann aber doch den Kaffee bezahlt.

In den Briefen kommt immer wieder die Dankbarkeit zum Ausdruck. Hätten die Schweizer Juden das nicht auch öffentlich artikulieren müssen?

Aber das haben sie doch gemacht! Viele Kunstsammler, die in der Schweiz Zuflucht gefunden haben, vermachten ihre Werke hiesigen Museen. Viele Stiftungen wurden gegründet. Eine israelische Künstlerin hat zum Beispiel eine Skulptur für das Rote Kreuz in Genf geschaffen. Aus Dankbarkeit.

Aber der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) trat während des Krieges nicht sehr deutlich in dieser Beziehung auf.

Legende: Video Tagesschau-Bericht vom 01.02.1998 abspielen. Laufzeit 0:27 Minuten.
Vom 22.05.2015.

Auch das stimmt nicht. Während der Kriegsjahren herrschte ein unglaublicher Druck von allen Seiten auf den SIG. Damals war nicht Dankesagen erste Priorität, sondern so viele Juden wie möglich zu retten. Bereits 1941 lagen dem SIG nämlich Berichte über Judenvergasungen vor. Zu einer Zeit also, als solche Nachrichten als Propaganda abgetan wurde.

Beim Durchlesen der Briefe treten erschütternde Zeitzeugenberichte auf. Können Sie sich an einen speziellen erinnern?

Da ist diese Schilderung von österreichischen Juden, die an der Bündner Grenze abgewehrt wurden. Die Soldaten liessen sie nicht rein. Es wurde laut diskutiert. Die Dorfbevölkerung kam näher. Da nahmen jüdische Frauen ihre Babys und Kleinkinder in den Arm und reichten sie den christlichen Frauen über den Stacheldraht rüber. Man möge bitte wenigstens ihre Kinder vor dem sicheren Tod retten. Im Brief heisst es: «Manch einer im Dorf würde sich über seine Abstammung wundern!»

Die #kunstjagd auf Radio SRF 4 News ab dem 21. Mai 2015 jeweils donnerstags, um 9.45 und 15.15 Uhr sowie täglich auf srf.ch/news, Whatsapp, Facebook, Link öffnet in einem neuen Fenster, Twitter, Link öffnet in einem neuen Fenster, Instagram, Link öffnet in einem neuen Fenster, Soundcloud, Link öffnet in einem neuen Fenster, und Vimeo, Link öffnet in einem neuen Fenster.

François Loeb

François Loeb im Führerstand einer Lokomotive
Legende: ZVG

François Loeb führte 30 Jahre lang das berühmte Warenhaus Loeb in der Berner Altstadt. Zwischen 1987 bis 1999 war er FDP-Nationalrat. Der Dampflok-Liebhaber lebt heute im Schwarzwald. Loeb ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Die #kunstjagd

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Ein vor 77 Jahren verschollenes Gemälde, dem über 30 Menschen ihr Leben verdanken. Eine Suche, deren Ende völlig offen ist. Ein Rätsel, das wir mit Ihnen gemeinsam lösen wollen. Alles ist möglich, und Sie können live dabei sein. Das ist die #kunstjagd.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Fadri Pitsch, Goldingen
    Toda raba Herr Loeb. Großartig was Sie nicht nur gesprochen sondern auch vorgelebt haben. Besonders berührt mich der Brief und Bericht aus meinem Heimatkanton GR. Schäme mich. Bin jedoch froh, dass heute viele vor allem gläubige Jüdische Menschen nach Arosa Davos St. MORITZ und bald wieder ins Scuol Palace in Tarasp kommen.
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  • Kommentar von E.Wagner, Zug
    François Loeb war alles andere als geizig. Er war auch zu weniger bemittelten immer barmherzig. Vor allen hatten ihn die Berner - Marktfahrer in ihre Herzen geschlossen. Das Warenhaus Loeb war schlechthin das Beste in Bern zurzeit meiner Jugendzeit. Ich mochte ihn sehr.
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