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Die Kunstjagd Die #kunstjagd – Wo steckt das verschollene Gemälde?

Ein vor 77 Jahren verschollenes Gemälde, dem über 30 Menschen ihr Leben verdanken. Eine Suche, deren Ende völlig offen ist. Ein Rätsel, das wir mit Ihnen gemeinsam lösen wollen. Alles ist möglich, und Sie können live dabei sein. Das ist die #kunstjagd.

Es ist kein Hämmern an der Wohnungstür, eher ein sachliches Klopfen, das die Kindheit von Edward Engelberg beendet. Eigentlich müsste der neunjährige Junge in der Schule sein, aber schon auf dem kurzen Weg dorthin sieht Edward überall zerbrochene Scheiben. Scherben überall. Hakenkreuze an den Wänden. Als er um die Ecke biegt, sieht er die zerstörte Synagoge Ohel Jakob, zu der seine Schule gehört. Der «Stosstrup Adolf Hitler», eine Keimzelle der SS, hat die Gebäude in der Nacht verwüstet. Noch lodern die Flammen. Die Feuerwehr steht daneben und sieht zu, besprüht bloss die umliegenden Häuser, damit das Feuer nicht übergreift. Ein Lehrer hält den Jungen auf, sagt ihm, er solle keine Fragen stellen, sondern rasch nach Hause laufen, bloss weg von hier. Edward versteht nicht, was los ist, aber er rennt so schnell er kann.

Eine Illustation von Jakob Engelberg.
Legende: Jakob Engelberg. «Follow the Money»

Kaum ist er wieder zuhause, klopft es an der Tür. Edwards Vater, Jakob Engelberg, öffnet. Zwei Gestapo-Männer in Zivil betreten die Wohnung. Ausgesucht höflich bitten sie den jüdischen Kaufmann, seine Sachen zu packen. Man müsse ihn zu seinem eigenen Schutz mitnehmen. Er solle auch an Taschentücher denken, rät ihm einer der Beamten. Jakob Engelberg gehorcht, was soll er auch tun? Er packt rasch seine Sachen. Dann verabschiedet er sich von seiner Familie. Die fremden Männer, die den Vater holen, verbeugen sich, dann sind sie weg. Auf dem Weg nach Dachau, ins Konzentrationslager. Edward, seine Schwester Melly und seine Mutter Paula Engelberg bleiben zurück. Sie weinen.

Edward Engelberg macht eine lange Pause. Die Erinnerung setzt ihm sichtlich zu. Der 87-Jährige spricht selten über das, was er in jenem November 1938 in München erlebt hat. Für uns, Journalisten von «Follow the Money», Link öffnet in einem neuen Fenster, macht er eine Ausnahme. Nicht allein, weil wir den weiten Weg bis nach Portland, Oregon, an der Westküste der USA gereist sind, um seine Geschichte zu hören. Sondern auch, weil wir etwas vorhaben, das dieser Geschichte ein entscheidendes Kapitel hinzufügen könnte: Wir wollen das Gemälde wiederfinden, das Edward Engelberg und seiner Familie das Leben rettete.

Edward Engelberg ist Zeuge der Verhaftung seines Vaters, Jakob Engelberg.
Legende: Edward Engelberg ist Zeuge der Verhaftung seines Vaters, Jakob Engelberg. «Follow the Money»

Unser Treffen mit Edward Engelberg ist der Beginn einer Recherche, von der wir selbst nicht wissen, wie sie ausgehen wird. Es geht dabei um eine Flucht aus Nazi-Deutschland, es geht um über 30 Menschen, die heute am Leben sind, weil diese Flucht gelang. Und es geht um ein verschollenes Gemälde, das sie erst ermöglicht hat. Das ist zumindest die Überlieferung.

Als die Nazis an die Macht kommen, sind die Engelbergs nicht besonders wohlhabend, aber auch nicht arm. Edward liebt es, mit seinem Vater in dessen Opel durch die Gegend zu fahren. Bis heute kann er sich an das Kennzeichen erinnern: II A – 54558. Noch 1935 verdient Jakob Engelberg als Vertreter für Seidenwaren rund 500 Reichsmark im Monat. So notiert es jedenfalls die Gestapo in seiner Akte. Abends raucht Engelberg gerne eine Zigarre über einem Buch aus seiner gut bestückten Bibliothek.

Im November 1938 besitzen die Engelbergs zwei Gemälde des heute fast vergessenen Künstlers Otto Theodor Stein. Das eine hängt heute in Portland, in Edward Engelbergs Wohnzimmer. Es zeigt eine Frau im Halbprofil mit einem aufgeschlagenen Buch auf dem Schoss. Das zweite Bild sah ähnlich aus: Dasselbe Motiv, dieselbe Grösse, bloss etwas brauner im Teint. So erinnert sich der alte Mann.

Eine Illustration von Paula (links im Bild) und Jakob Engelberg (rechts im Bild).
Legende: Paula und Jakob Engelberg. «Follow the Money»

Es ist dieses Gemälde, das Paula Engelberg einige Tage nach der Verhaftung ihres Mannes von der Wand nimmt, es vor den Augen ihrer Kinder aus dem Rahmen löst und es aufrollt. Sie sagt zu Edward und der drei Jahre älteren Melly, dass sie bloss ruhig sein sollen. Auf keinen Fall die Tür öffnen! Dann verlässt sie die Wohnung. Mit dem Gemälde.

Wenige Stunden später kommt sie zurück. Das Gemälde ist weg, aber sie hat ein lebensrettendes Dokument mitgebracht: Ein Visum für die Schweiz. Mit ihm erreicht sie bei der Gestapo die Entlassung ihres Mannes aus der «Schutzhaft». Die Auflage: Jakob Engelberg muss das Deutsche Reich sofort verlassen. Noch wollen die Nazis die Juden vor allem aus dem Land vertreiben – und sie vorher ausplündern. Aber am Ende dieses Weges liegt Auschwitz.

15 Tage dauert das Martyrium von Häftling 19897, untergebracht in Block 8/4 des Konzentrationslagers Dachau im Norden Münchens. So ist es im Zugangsbuch des KZ verzeichnet. Als Jakob Engelberg nach Hause zurückkehrt, erkennt ihn sein Sohn kaum wieder. Der Kopf kahl, der Blick leer, die Augen müde, so erinnert sich Edward Engelberg, habe sein Vater da gesessen und ein Brot mit Orangenmarmelade zum Tee gegessen. Als sie tags darauf mit dem Zug die Schweizer Grenze passieren, bricht Jakob Engelberg in Tränen aus. «Jetzt sind wir sicher», sagt er zu seinen Kindern. Sie bleiben für kurze Zeit in Zürich, dann fliehen sie weiter nach Amerika.

Heute, 77 Jahre und drei Generationen später, gibt es über 30 Nachfahren von Jakob und Paula Engelberg. Eine weit verzweigte Familie, über die ganzen USA verstreut, die durch diese Überlieferung vereint ist: Sie sind nur am Leben, weil Paula das Gemälde für ein Schweizer Visum hergab. Sie alle kennen diese Geschichte.

Klar ist: Millionen von Kunst- und Wertgegenständen sind den Opfern damals abgepresst worden, bevor sie gerade noch fliehen konnten oder deportiert und ermordet wurden. Diese Dinge sind nicht weg. Sie sind mitten unter uns. Hier und heute. Wir gehen davon aus, dass es das zweite Gemälde der Engelbergs gab. Zu lebendig sind die Erinnerungen von Edward Engelberg, zu überzeugend die Aufzeichnungen seiner inzwischen verstorbenen Schwester Melly, um daran zu zweifeln. Und wenn dieses Gemälde nicht zerstört wurde, muss es ja irgendwo sein, irgendwo muss es stecken, auf einem Dachboden, in einem Keller, in einem Depot, in einer Kiste oder vielleicht ganz prominent im Wohnzimmer einer Familie, die keine Ahnung hat, welche Reise dieses Bild hinter sich hat.

Viele Fragen sind offen: Was hat Paula Engelberg im November 1938 mit dem Gemälde gemacht? Was hat eine jüdische Frau im damaligen München damit ausrichten können? Hat Paula Engelberg es wirklich einem Schweizer Konsularbeamten gegeben, um schneller an das Visum zu gelangen, so wie es ihre Tochter Melly später beschrieben hat? Oder ist das bloss die Legende? Hat sie das Gemälde vielleicht auf dem Weg zum Konsulat versetzt, in einer Pfandleihe etwa, einer Galerie oder einem Auktionshaus? Hat sie es Freunden gegeben, als Abschiedsgeschenk? Und wer war der Künstler, dieser Otto Theodor Stein? Hilft vielleicht seine Biographie und sein Werk weiter? Wir wissen es nicht. Noch nicht.

Ab dem 21. Mai suchen wir Antworten. Wir wollen dieses Rätsel lösen und das verschollene Gemälde der Engelbergs finden! Und zwar gemeinsam mit allen, die mitsuchen wollen. Dazu haben wir uns zunächst sechs Wochen Zeit gegeben. In zwei Bussen werden wir mit unserem Team durch Deutschland, Österreich und die Schweiz fahren, werden Archive, Experten und Zeitzeugen zu Rate ziehen – immer auf der Spur des verschollen Gemäldes. Wir wissen nicht, was passieren wird. Wir haben lediglich ein paar Indizien und Spuren. Und eine grosse Hoffnung: Dass viele Menschen uns bei dieser Suche helfen, uns via soziale Netzwerke und Whatsapp unterstützen, mitdiskutieren, Hinweise geben.

Alles ist möglich, und Sie können live dabei sein.

Das ist die #kunstjagd, Link öffnet in einem neuen Fenster!

Radio SRF 4 News ab dem 21. Mai 2015 jeweils donnerstags, um 9.45 und 15.15 Uhr sowie täglich auf srf.ch/news, Whatsapp, Facebook, Link öffnet in einem neuen Fenster, Twitter, Link öffnet in einem neuen Fenster, Instagram, Link öffnet in einem neuen Fenster, Soundcloud, Link öffnet in einem neuen Fenster, und Vimeo, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Die Kooperation

«Follow the Money» (kurz FtM) ist ein journalistisches Recherche-Startup, das nach Antworten auf klare, instinktiv fesselnde Fragen zu Themenkomplexen sucht, die alle angehen.
Legende: «Follow the Money»

«Follow the Money» (FtM) ist ein journalistisches Recherche-Startup, das nach Antworten auf klare, instinktiv fesselnde Fragen zu Themenkomplexen sucht, die alle angehen.

Gemeinsam mit der Filmproduktion Gebrüder Beetz sowie BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, Rheinische Post, SRF und Süddeutsche Zeitung begibt sich FtM auf die #kunstjagd.

Seien Sie live dabei!

Eine Illustration von Melly und Edward Engelberg.
Legende: «Follow the Money»

Auch per Whatsapp können Sie bei der #kunstjagd dabei sein und sich über aktuelle Entwicklungen der Recherche informieren lassen. Speichern Sie dafür die Telefonnummer +49 157 53 25 78 33 unter «Kunstjagd» in Ihrem Smartphone ab und schicken Sie dem Recherche-Team eine Nachricht mit dem Inhalt «Start Kunstjagd».

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1 Kommentar

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  • Kommentar von Jens-Ingo Lehminger, Schaffhausen
    Zum Thema des Artikels: Wenn man an das denkt, was draussen in Deutschland und neben uns in Österreich in normalen Wohnungen und Häusern gefunden wurde, ist es sicherlich nicht vermessen, dass man auf Erbfälle von so alten Leuten näher eingehen können sollte. Vielleicht findet sich das Bild ja; ich denke nur, dass es-sollte es erhalten geblieben sein-wenn es aufgerollt aufbewahrt (und vergessen?) wurde, vielleicht nicht mehr zu retten ist. Eine schnelle Suche im Netz zum Maler liefert: Nichts.
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