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International «Die Leute sind müde und hoffnungslos»

Die Waffenruhe hält an, doch für die Bewohner von Gaza ist das ein schwacher Trost: Viele von ihnen stehen vor dem Nichts, ihre Häuser gibt es nicht mehr. SRF-Korrespondent Pascal Weber berichtet.

Sie sind heute Morgen in Gaza eingetroffen. Wie geht es den Einwohnern?

Pascal Weber, SRF-Korrespondent: Die Leute sind unsäglich müde und hoffnungslos. Sie haben genug vom Krieg. Ich habe heute eine Frau mit ihrer siebenköpfigen Familie getroffen, die alles verloren hat: Sie sass in ihrem zerbombten Haus im komplett zerstörten Viertel Shijaiya.

Sie und ihre Kinder suchten ihre letzten Habseligkeiten zusammen, gruben Matratzen und Decken aus den Trümmern. Sie wussten nicht wohin sie gehen würden und wo sie heute Abend schlafen würden.

Was einen zudem mitnimmt, ist die Hoffnungslosigkeit, die Apathie der Menschen. Sie versuchen, irgendwie weiterzuleben, auch wenn sie nicht wissen, wie sie das anstellen sollen. So stand eine Frau vor ihrem Haus und wischte den Boden, obwohl von ihrem Haus gerade noch ein kleiner Teil des Fussbodens übrig geblieben ist. Die Menschen sind so verloren, dass sie irgendeine vertraute Handlung ausführen, um Halt zu finden. Wobei die Handlung an sich keinerlei Sinn macht.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Das Ausmass der Zerstörung ist unglaublich. Da wurden ganze Viertel dem Erdboden gleich gemacht, kein Haus steht mehr. Bis Gaza wieder aufgebaut ist, werden 10 bis 20 Jahre vergehen – wenn nicht wieder ein Krieg dazwischen kommt.

Die Waffenruhe dauert noch immer an. Sind die Menschen der Meinung, dies sei das Ende des Krieges?

Sie sind sehr vorsichtig. Die Leute hoffen, dass der Krieg damit beendet ist, aber niemand verlässt sich darauf.

Legende: Video «SRF-Korrespondent Pascal Weber» abspielen. Laufzeit 1:37 Minuten.
Aus Tagesschau vom 06.08.2014.

Kann die Hamas aus dem Krieg Kapital schlagen? Oder sind die Leute ob der vielen Opfer eher wütend auf die Islamisten?

Die Meinungen sind erstaunlich geteilt. Es gibt Leute, welche die Hamas verteidigen und glauben, die Hamas gehe gestärkt aus dem Krieg hervor. Ein Vater hat gesagt, er würde sofort alle seine zehn Söhne in den Kampf gegen Israel schicken. Auf der anderen Seite hört man leise, aber doch vernehmbare Kritik an Hamas. Die Kritik an sich ist nicht neu, aber dass sie nun auch vor laufender Kamera geäussert wird, überrascht mich.

Pascal Weber

Pascal Weber in Kairo

Seit 1999 arbeitet Weber für SRF. Als Redaktor und Produzent war er zunächst in der Sportredaktion tätig, danach bei «10vor10». Seit September 2010 ist er Korrespondent im Nahen Osten. Folgen Sie ihm auf Twitter.

17 Kommentare

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  • Kommentar von Doris Loegel, Fulenbach
    Liebe Frau Schurrer, es gibt ausser mir auch hier doch noch einige Menschen, die die traurige Lage im Gaza-Konflikt etwas differenzierter einschätzt. Zu Gute halten muss man jedoch auch allen Zweiflern, dass sie sehr schwierig einzuschätzen ist und es nicht einfach nur schwarz und weiss gibt. Ein Mensch, der die Lage vor Ort sehr gut kennt, da er immer wieder hingeht und mit Worten und Videos gut recherchiert aufmerksam macht ist Jürgen Todenhöfer. Ich empfehle seine Seite auf Facebook.
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  • Kommentar von D. Schmidel, St. Gallen
    Es gab nie einen Friedensvertrag mit der Hamas. Auch ohne Zerstörung nicht. Die Hamas sind die legitimen Vertreter der Palestinenser im Gaza. Die Hamas haben jahrelang Raketen und Tunnels gebaut um Israel zu zerstören. Wir Moralapostel aus dem Westen haben jahrelang im Wissen zugeschaut. Wir sind nicht legitimiert Israel zu verurteilen, da können noch soviele Korrespondenten in den Gaza pilgern. Israel wird nicht kapitulieren der Hamas zuliebe.
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    1. Antwort von H. Frühling, Bern / Zürich
      Der Mächtigere tue den ersten Schritt zum Frieden. Und den hat Israel nie getan. Die Anschläge gegen Israel werden sich mit dem letzten Krieg nicht mindern lassen: Wer Gewalt sät, wie Gewalt ernten. Das gilt immer auf beide Seiten. So gesehen verpasst Israel mit seiner aktuellen Haltung wieder eine Chance. Und noch etwas: Wenn man seinen Chancen nicht erkennt, sollte man trotzdem nicht behaupten, diese Chancen seien nicht vorhanden.
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  • Kommentar von Amalia Schurrer, Bern
    @Doris Loegel, schön dass wenigstens jemand die Lage richtig einschätzt. Es schockiert mich die Meinungen der anderen zu lesen... Wahrscheinlich ist es grösstenteils ein Mangel an Bildung, da kann ich nur ein Blick auf die Entwicklung der Landkarte Palestinas empfehlen (dauert auch nur 1min!)
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