Osten der Ukraine «Die Menschen haben das Gefühl, Russland allein werde sie retten»

Die ukrainischen kontrollierten Gebiete bekommen keine finanzielle Hilfe aus Kiew. Russland nützt dies geschickt aus.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der deutsche Journalist Christian Neef reiste vor kurzem nach Slawjansk. Sein Befund: Die Ostukrainer haben das Gefühl, von der Zentralregierung im Stich gelassen zu werden.
  • In Slawjansk, einer Stadt im ukrainisch kontrollierten Teil der Ostukraine, hatte im April 2014 der Krieg der Separatisten gegen die Regierung in Kiew begonnen.
  • Häufig empfangen auch die von der Ukraine kontrollierten Gebiete staatliches russisches Fernsehen. Die russische Propaganda habe einen sehr starken Einfluss auf die Menschen.
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Christian Neef

Christian Neef

Twitter: @christian_neef

Christian Neef ist Journalist beim «Spiegel». Er lebt und arbeitet in Moskau.

SRF News: Wie äussert sich die Enttäuschung der ostukrainischen Bevölkerung?

Christian Neef: Wir vergessen oft, dass nicht die ganze Ostukraine und nicht die gesamten Gebiete Donetsk und Lugansk von den Separatisten eingenommen worden sind. Die restlichen Teile kontrolliert die ukrainische Armee. Die Leute sind dort jedoch ähnlich eingestellt wie in Donetsk und Lugansk. Sie waren auch in früheren Jahren, vor dem Aufstand auf dem Maidan, von der Regierung in Kiew enttäuscht. Die Regierung in Kiew hat sich nie um sie gekümmert. Es ist eine Gegend, die man bis heute so vorfindet, wie sie 2014 zerstört wurde. Die Leute bekommen keine finanzielle Hilfe aus Kiew.

Der ukrainisch kontrollierte Teil der Region böte der Regierung die Chance, den Leuten zu zeigen, dass es besser ist, unter ukrainischer Herrschaft zu leben. Warum tut die Regierung nichts?

Man müsste sich um die Leute kümmern. Doch das passiert nach wie vor nicht, was aus psychologischer Sicht völlig unverständlich ist. Ich kann es mir nur so erklären, dass der Hass der radikaleren Kräfte sowohl in der Kiewer Führung als auch in der Bevölkerung in Kiew gegen die Menschen in der Ostukraine so gross ist.

«  Wenn man die Propaganda im russischen Staatsfernsehen kennt, weiss man, was für ein Gift das ist. »

Füllt Russland die Leere, die die ukrainische Regierung hinterlässt?

In den Separatistengebieten sowieso. Dort gilt nun der Rubel als Währung und die Waren kommen meist aus Russland. Inzwischen werden auch die Pässe der Separatisten von Russland anerkannt. Aber auch in den von der Ukraine kontrollieten Gebieten versucht Russland, Einfluss zu nehmen. Russland verfügt über die grössten Sendetürme in dieser Gegend. Die Menschen, die sowieso mehr Moskau zugewandt sind, empfangen oft nicht das ukrainische Fernsehen, sondern das russische. Wenn man die Propaganda im russischen Staatsfernsehen kennt, weiss man, was für ein Gift das ist. Und die Propaganda verstärkt die Oppositionshaltung in Kiew weiter.

Was bräuchte es, damit die Leute in der Ostukraine wieder an die Regierung in Kiew glauben?

Man müsste die Wirtschaftsblockade abschwächen oder ganz aufheben. Doch nun kommen die Waren aus Russland und die Leute haben das Gefühl, Russland alleine rette sie, während sich Kiew überhaupt nicht um sie kümmert. Der Zeitpunkt ist schon fast verpasst.

«  In einem günstigen Moment hat sich Russland nun doch auf die Seite der Separatisten gestellt.  »

Welche Dynamik bringt der Schritt Russlands, die von den Separatistebehörden ausgestellten Dokumente zu anerkennen?

Das ist ein Beispiel, wie geschickt Russland unter bestimmten Gegebenheiten agiert. Russland hat sich lange zurückgehalten, um sich nicht dem Vorwurf des Westens auszusetzen, es würde die Eigentstaatlichkeit dieser Separatistengebiete zementieren. In einem günstigen Moment hat sich Russland nun doch auf die Seite der Separatisten gestellt. Der Moment war günstig, weil die Radikalen aus Kiew seit mehrern Wochen die Schienenwege in die Region blockieren. Das verschärft die Wirtschaftslage. Die Kohle kann nicht mehr rausgefahren werden, dadurch verdienen die Leute viel weniger. Russland stellt es als eine Frage der Humanität dar, ihnen Unterstützung zu gewähren.