«Die Menschen in Thailand sind entsetzt»

Der Anschlag in Bangkok mit mindestens 20 Todesopfern schockt die Menschen in Thailand. Wilde Spekulationen über die möglichen Urheber der Bluttat sind nicht hilfreich, um die Lage zu beruhigen, wie der Journalist Sascha Zastiral aus Bangkok berichtet.

Sicherheitskräfte, Absperrungen, im Hintergrund ein goldener Schrein. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Ort des Anschlags im Zentrum von Bangkok wird untersucht. Keystone

SRF News: Nach dem Anschlag am Montag herrschte Chaos. Wie ist die Lage heute?

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Sascha Zastiral

Sascha Zastiral

Der Journalist Sascha Zastiral berichtet für diverse deutsche und Schweizer Medien seit 2010 aus Bangkok. Zuvor war er als Südasienkorrespondent in Neu Delhi stationiert.

Sascha Zastiral: Es ist immer noch einigermassen chaotisch. Es gab Polizeiberichte, die veröffentlicht und später korrigiert oder Statements von Regierungsmitgliedern, die später wieder zurückgenommen wurden. So wurde heute im Verlauf des Morgens auch die Zahl der Todesopfer wieder nach unten korrigiert. Soeben hat die Polizei erklärt, dass der Anschlag 20 Todesopfer forderte und nicht 22, wie früher angegeben. Ähnlich ist es mit den Berichten, dass es einen ersten Verdächtigen gebe. So kursiert in den Sozialen Medien das Bild eines jungen Mannes, der von der Polizei gesucht wird. Von mehreren Regierungsmitgliedern gab es verschiedenste Angaben darüber, welchen Hintergrund dieser Mann haben könnte.

Ein solcher Anschlag mitten im Zentrum von Bangkok ist doch sehr ungewöhnlich. Wie sehr beunruhigt das die Menschen?

Sie sind äusserst beunruhigt. Die politische Lage in Thailand ist seit rund zehn Jahren ziemlich chaotisch. Dabei kam es immer wieder zu Zusammenstössen der beiden Lager und zu kleineren Explosionen. Aber einen solchen Anschlag, der derart auf Menschenmassen zielt und solche Verheerungen anrichtet, hat es noch nie gegeben. Die Menschen sind wirklich entsetzt.

«  Die Statements der Militärjunta sind mit Vorsicht zu geniessen. »

Der Anschlag trage nicht die Handschrift der muslimischen Rebellen in Thailands Süden, sagte der Chef der thailändischen Armee. Wer könnte denn sonst hinter dem Anschlag stecken?

Das ist die grosse Frage. Juntachef Prayut Chan-ocha soll gesagt haben, er vermute die Täter im Nordosten des Landes. Dies ist die Hochburg des ehemaligen Premiers Thaksin Shinawatra, den die Armee 2006 aus dem Amt geputscht hat. Und die Premierministerin Yingluck Shinawatra, die im vergangenen Jahr aus dem Amt geputscht worden ist, ist Thaksins Schwester. Sie sind die ideologischen Gegner der jetzigen Junta. Deshalb: Wenn Führer dieser Junta solche Statements abgeben, ist das mit Vorsicht zu geniessen.

Anschlag in Bangkok

2:07 min, aus 10vor10 vom 17.8.2015

Gibt es denn für Sie Anhaltspunkte, die in Richtung der einen oder anderen Täterschaft weisen?

Es wäre sehr überraschend, wenn die Täter aus dem Süden Thailands stammen würden. Zwar kommt es in diesem bewaffneten Konflikt dort jeden Tag zu Bombenanschlägen oder Angriffen auf thailändische Soldaten. Aber die dortigen Separatisten haben die Bombenkampagne bewusst nicht auf die anderen Landesteile ausgeweitet. In den letzten Monaten haben sie sich auch ausdrücklich vom internationalen Dschihadismus distanziert. Es wäre sehr überraschend, wenn der Anschlag von Bangkok nun eine Tat dieser Separatisten wäre.

Wie stehen nach dem Anschlag nun die Chancen, dass die Militärjunta bald Neuwahlen ansetzen wird?

Als sich die Militärjunta im Mai 2014 an die Macht geputscht hat, kündigte sie für 2015 Wahlen an. Der Termin wurde immer weiter nach hinten verschoben, zuletzt war die Rede von 2017. Falls es nun zu weiteren Anschlägen kommen sollte, könnte dies die Junta sehr als Grund bemühen, die Wahlen immer weiter nach hinten zu schieben.

«Die Lage in Bangkok ist einigermassen chaotisch»

5:30 min, aus SRF 4 News aktuell vom 18.08.2015

Wie nachhaltig sind Bangkok und Thailand nach dem Anschlag vom Montag geschockt?

Neben dem Schock der Menschen sind die wirtschaftlichen Folgen noch nicht abzusehen. Der vom Anschlag getroffene Schrein war ein sehr beliebtes Ziel chinesischer Touristen. Viele von ihnen stammen aus Singapur, Hongkong oder Malaysia – wie auch die Opfer des Anschlags. Chinesische Touristen machen mit vier Millionen Touristen im laufenden Jahr inzwischen den Löwenanteil aus. Doch chinesische Touristen reagieren sehr sensibel, wenn es um die Sicherheitslage an Reisezielen geht. Falls nun die Zahl der Touristen aus China und anderen Teilen Asiens einbricht, würde dies die thailändische Wirtschaft stark schädigen.

Das Interview führte Hans Ineichen.

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