«Die Menschen lassen sich nicht aus der Ruhe bringen»

Nach den tödlichen Schüssen eines Terroristen in Kopenhagen bleiben heftige Reaktionen aus Politik und Gesellschaft in Dänemark vorerst aus. Die Stimmung werde nicht in Panik umschlagen, beobachtet der Journalist Clemens Bomsdorf vor Ort.

Ein Bild mit der Aufschrift «Not Afraid» liegt neben Blumen auf der Strasse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Keine Angst, trotz der Anschläge: Die Bevölkerung Dänemarks lässt sich nicht einschüchtern. Keystone

SRF News: Die dänische Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt hat nach den Anschlägen gesagt, man solle sich nicht einschüchtern lassen. Sie haben mit Menschen in Kopenhagen gesprochen. Sind die Dänen eingeschüchtert?

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Clemens Bomsdorf

Er lebt seit rund zehn Jahren in Kopenhagen. Als Nordeuropakorrespondent berichtet er seit 2004 für art, Financial Times Deutschland, Die Welt und The Art Newspaper. Geboren wurde er 1976 in Köln, wo er Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre studierte, sowie die dortige Journalistenschule absolvierte.

Clemens Bomsdorf: Ganz klar nein. Die Menschen, mit denen ich gestern Nachmittag und abends in der Stadt gesprochen habe, sagten, sie wollten ihr Leben nach den Attentaten nicht ändern. Es gelte weiterzumachen und weiterzuleben wie vorher. Ansonsten habe ein Attentäter schon viel gewonnen.

Wie reagieren die Politiker auf die Terroranschläge?

Nur ein rechtspolitischer Politiker hat versucht, den Linken die Schuld für die Attentate in die Schuhe zu schieben. Sie hätten den Islam nach Dänemark geholt, sagte er. Er entschuldigte sich später aber für seine Aussage.

Ansonsten reagierten die Politiker bisher überraschend gelassen. Ich hatte erwartet, dass die Anschläge politisch stärker ausgeschlachtet werden. Offenbar ist man sich aber einig, dass nun nicht der Zeitpunkt für irgendwelche politische Vorschläge ist, wie man das aus Frankreich kennt. In Dänemark will man nun erstmal die Ermittlungen abwarten. Danach wird sich die Diskussion wohl vor allem um die Frage drehen, wie solche Taten in Zukunft verhindert werden könnten.

Dänemark ist quasi das Mutterland der umstrittenen Mohammed-Karikaturen. Vor knapp zehn Jahren veröffentlichte dort die Zeitung «Jyllands-Posten» entsprechende Bilder. Wo steht man in Dänemark in der Diskussion um Meinungsfreiheit heute?

Wird das Thema Meinungsfreiheit diskutiert, werden die Karikaturen immer erwähnt. An entsprechende Veranstaltungen wird oft einer der Zeichner eingeladen, so auch am vergangenen Samstag. Es besteht eine intensive Debatte. Häufig ist es aber so, dass vor allem darauf geschaut wird, dass man sich im Namen der Meinungsfreiheit gegen den Islam äussern darf. Geht es um andere Themen, wird eher eine gewisse Selbstzensur ausgeübt.

Glauben Sie, dass die Anschläge vom Wochenende an dieser Diskussion etwas ändern werden?

Eher nicht. Vielleicht wird noch ein bisschen mehr diskutiert und nachgedacht. Grundsätzlich wird sich aber nichts ändern, die Stimmung wird nicht in Panik umschlagen. Die Menschen wollen sich trotz allem nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sie hoffen, dass so etwas nicht wieder passiert und sind froh, dass die Anschläge nicht noch mehr Todesopfer gefordert haben.