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International «Die Menschen werden auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt»

In Griechenland ist die Euphorie für die neue Regierung trotz Rückschläge ungebrochen. Doch zur Hoffnung gesellt sich jetzt zunehmend auch Angst.

Demonstration vor dem Athener Parlament.
Legende: Am 5. Februar 2015 demonstrierten an die 4000 Griechen vor dem Athener Parlament zugunsten der neuen Regierung. Reuters

Die frisch gewählte griechische Regierung brüskierte diese Woche die Öffentlichkeit mit ihrem forschen Auftreten und ihren unorthodoxen Vorschlägen. Doch der neue Kurs verfehlte bisher seine Wirkung: Die EZB beschloss, keine griechischen Staatsanleihen mehr zu akzeptieren. Und das Treffen zwischen dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble und dem neuen Wirtschaftsminister Yanis Varoufakis mündete in der trockenen Feststellung Schäubles: «Wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind».

Der politische Auftakt der neuen Regierung war von aussen betrachtet laut, aber wenig erfolgreich. Doch wie sehen es Tsipras‘ Landsleute? Stehen sie nach wie vor hinter ihm, oder schwindet nun der anfängliche Optimismus ?

Solidaritätsdemo für Tsipras

Legende: Video Demonstration in Athen abspielen. Laufzeit 0:23 Minuten.
Aus News-Clip vom 06.02.2015.

An der Demonstration von gestern Donnerstag versammelten sich tausende Menschen vor dem Athener Parlament. Zum ersten Mal seit Jahren ging es aber nicht darum, gegen die Regierung zu protestieren sondern sie zu unterstützen. Entsprechend fielen auch die Voten zu Tsipras Konfrontationskurs positiv aus. Die bisherige Regierung habe zu Merkel nur «Yes Ma’am» gesagt. «Die hier verhandeln aber.», urteilte ein fünfzigjähriger Beamter.

Ein anderer, jüngerer Demonstrant zeigte sich überzeugt, dass die Politik der neuen Regierung Schule machen wird: «In vielen Ländern ist ein Wandel spürbar. In Spanien entstand die Protestbewegung Podemos, es werden weitere Länder folgen.»

«Die nächsten Tage werden heiss»

Auch die Presse zog für die erste Verhandlungswoche der neuen Regierung eine positive Bilanz. Die linksliberale Zeitung «Efimerida ton sintakton» schrieb, dass Schäuble zwar auf die bisherige Sparpolitik bestehe, die Brücken aber aufrechterhalte. Und die Wirtschaftszeitung «Naftemboriki» frohlockte fast schon: «Die nächsten zehn Tage werden heiss! Der Ball befindet sich nun im Terrain der Regierungen der Eurozone.»

Stimmung zwischen Hoffnung und Angst

So gross die Zuversicht der Demonstranten und der Medien auch ist, sie wird bei weitem nicht von allen geteilt. Nikos Hamouzopoulos, Jurist und Kassier des Schweizer Clubs von Athen, beschreibt die gegenwärtige Stimmung als bedrückt. «Wir wissen nicht, ob es Tsipras und Varoufakis schaffen werden, Griechenland aus der Schuldenkrise zu führen. Es besteht grosse Hoffnung und zugleich grosse Angst.» Für Hamouzopoulos ist der Kurs der neuen Regierung riskant: «Es ist eine Flucht nach vorne. Aber es gibt keine Alternative.»

Der Präsident des Schweizer Clubs, der griechisch-schweizerische Rechtsanwalt Constantin Kokkinos, bezweifelt, dass der gegenwärtige Glaube an einen radikalen Wandel von Dauer sein wird. «Das Programm von Syriza ist sehr ambitioniert, aber wenig realistisch. Die Menschen werden allmählich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.» Auch glaubt Kokkinos nicht, dass Tsipras‘ Wählerschaft bereit sein wird, einen zu radikalen Wandel mitzumachen. «Die Wählerschaft ist zu heterogen und zieht beständige Lösungen radikalen Ansätzen vor.»

Zurück zum Idealzustand von 2010

Der unfreiwillig frühpensionierte Ingenieur Antonis Chilakkeas hält die Lageeinschätzung seiner Landleute für zu optimistisch. «Viele hoffen mit der neuen Regierung in den guten Zustand von 2010 zurückzukehren, als die Euro-Gruppe Griechenland ein Hilfspaket zusagte. Doch dieser Zustand war ein Traum, eine Seifenblase.»

Für Chilakkeas nährt die neue Regierung die Vorstellung eines Neuanfangs, der zur Not auch ohne die EU gemacht werden könnte. «Die Partei war ursprünglich sehr antieuropäisch. Für mich war sie schon immer eine Partei der Illusionen. Ihr aktueller Kurs lässt sich gut mit dem griechischen Wort ‹Mangia› erklären: Man tritt hart auf, egal ob man Recht hat oder nicht und wartet, bis sich der andere duckt.»

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4 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe, Gwatt
    Dann sollten die Griechen den Mut aufbringen aus der EU zu treten. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Wenn man leiden muss, ist das viel einfacher, wenn man weiss für wen. Also wenn Griechenland für seine eigene Besserung leiden muss, ist das viel einfacher, als wenn sie dies für die EU und vor allem für die Banken tun müssen. Leider ist es so, dass Griechenland bereits in den "Fängen" der EU steckt und es gibt nur diese Lösung um sich davon zu befreien.
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  • Kommentar von Rold Künzi, Winterthur
    Für die Investmentbanken sind die Politiker die besten Kunden: Sie brauchen immer Geld und verstehen nichts vom Geschäft. So werden am Vorabend des griechischen Schuldenschnitts neue Details bekannt, wie Goldman Sachs den Griechen half, die EU zu betrügen. Für Goldman war es ein extrem profitables Geschäft. Für die Euro-Zone war es das Initialereignis für die größte Krise ihrer Geschichte. Wäre schön wenn man nicht immer von der UBS redet in Amerika findet man weit schlimmere Banken.
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  • Kommentar von m.mitulla, wil
    Die EZB hat die Obergrenze für Notkredite der griechischen Notenbank an Geschäftsbanken des Landes angehoben. Nach übereinstimmenden Berichten der Nachrichtenagenturen Reuters und AFP wurde das Limit auf 60 Milliarden Euro erhöht. Das wird den Griechen etwas Zeit verschaffen - mehr nicht. Die Schuldenlast ist überwältigend - und sie ist auf unredliche Art durch versch. Akteure und Motivationen entstanden. Die neue griechische Regierung findet hoffentlich einen Ausweg zu Gunsten des GR Volkes
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    1. Antwort von Sandra Sutter, Erlenbach
      Die USA bezahlen ihre Schulden auch nicht. Trotzdem werden die Amis immer fetter.
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