Die Stunde der Katastrophe

Was sich in der Nacht auf den 3. Dezember 1984 in Bhopal ereignete, ging als schwerste Chemiekatastrophe in die Geschichte ein. Die Reportage schildert die Ereignisse direkt nach dem Unfalll. Die Betroffene Kamla Bhai erinnert sich.

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Bildlegende: Heute sagt Kambla Bhai, sie fühle sich noch immer schwach. Karin Wenger/SRF

Kurz nachdem sich das giftige Gas auf die Stadt gesenkt hatte, erwachte Kamla Bhai von ihrem eigenen Husten: «Es war, als ob jemand Chilli röstete. Mein Hals kratze, meine Augen brannten und alle husteten und erbrachen sich.»

In Bhopal brach Panik aus. Wer konnte, rannte um sein Leben und füllte damit die Lungen mit dem Gas. Kamla Bhais Familie eilte zum Bahnhof. Dort brachen alle zusammen. Kamla Bhai erinnert sich: «Helfer warfen meinen Mann und mein Kind auf einen Bahnwagen voller Leichen. Sie dachten, sie seien tot. Später erwachten sie und kletterten vom Wagen. Ich hatte Schaum vor dem Mund, wie ein Tier. Man brachte mich zum Hamidia Spital.»

Dort stand D.K. Sattpathy, Arzt und forensischer Experte, den ersten Patienten ratlos gegenüber. Niemand wusste, dass es MIC-Gas war, das entwichen war. Wir riefen den Arzt von Union Carbide an und der sagte: Keine Sorge, es handelt sich um eine Art Tränengas. Ihr müsst den Patienten bloss die Augen und den Mund mit Wasser ausspülen.

Nach wenigen Stunden lagen Hunderte von Toten und Tausende von Verletzten auf dem Gelände des Spitals.

Nach den ersten Autopsien war für Satpathy klar, wer die Verantwortung für diese Katastrophe trug: Union Carbide. Aus ihrer Fabrik und ihrem Lagertank war das Gas entwichen.