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Chemiewaffen im Einsatz «Die syrische Situation ist völlig verfahren»

Bei einem mutmasslichen Giftgasangriff in der syrischen Provinz Idlib seien Dutzende Menschen getötet worden, meldet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Einschätzungen von SRF-Korrespondent Fredy Gsteiger.

Legende: Audio Gasangriff im Nordosten Syriens? abspielen. Laufzeit 03:07 Minuten.
03:07 min, aus Echo der Zeit vom 04.04.2017.

SRF News: Wie gesichert sind die Informationen über den mutmasslichen Giftgasangriff in Syrien?

Fredy Gsteiger: Noch gibt es keine wirklich harten und vor allem von unabhängiger Seite bestätigten Informationen. Es gibt hauptsächlich zwei Quellen: Da ist einerseits die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die ist zwar in London zuhause, hat aber sehr viele Informanten im Land selbst. Und es gibt andererseits die Syrischen Weisshelme, eine humanitäre Organisation. Beide Organisationen stehen den Rebellen nahe.

Aber in der Vergangenheit haben sich ihre Angaben oft als richtig erwiesen. Wir haben auf der anderen Seite die syrische Regierung, die ganz entschieden dementiert, dass sie heute Chemiewaffen eingesetzt hat. Das hat sie aber in den letzten Jahren konsequent immer getan.

Das erinnert an den Giftgasangriff auf Damaskus im Jahr 2013, den die UNO untersuchte und den die Regierung ebenfalls dementierte.

Es gibt inzwischen viele Belege von unabhängigen Quellen. Von den Vereinten Nationen, aber auch von der Organisation zur Durchsetzung des Chemiewaffenverbotes. Die haben in vielen Fällen nachgewiesen, dass das syrische Regime tatsächlich Chemiewaffen eingesetzt hat; 2014 und 2015 beispielsweise. Es gibt neuere Angaben vom UNO-Menschenrechtsrat, dass dies auch im laufenden Jahr schon mehrfach passiert sein soll.

Im Übrigen hat der «Islamische Staat» ebenfalls Chemiewaffen eingesetzt. Es gibt nicht in allen, aber in etlichen Fällen Bestätigungen, dass die Assad-Regierung in der Vergangenheit tatsächlich Chemiewaffen eingesetzt hat. Zum Teil waren es nicht offiziell als Chemiewaffen deklarierte Waffen, etwa Chlorgas. Aber Chlorgas in genügend hoher Konzentration und in grosser Menge eingesetzt ist auch eine Chemiewaffe und ist absolut tödlich.

Es gibt nicht in allen, aber in etlichen Fällen Bestätigungen, dass Assad in der Vergangenheit tatsächlich Chemiewaffen eingesetzt hat.

Wie reagiert die Weltgemeinschaft?

Einmal mehr muss man sagen: hilflos. Dies ist insofern verständlich, als es im Moment erst wenige gesicherten Informationen gibt. Aber auch wenn eine Dringlichkeitssitzung für heute Nacht im UNO-Sicherheitsrat verlangt wird, auch wenn es Appelle gibt, am ohnehin bröckligen Waffenstillstand festzuhalten, und es erneut Aufrufe gibt, die Friedensgespräche in Genf, die seit Wochen andauern und keinen Millimeter vorankommen, mit Inhalten zu füllen: Bewirken wird das wenig, weil die syrische Situation völlig verfahren ist.

Die Grossmächte, die Länder mit Einfluss in Syrien, sind sich nicht einig, und die Rebellen und die Regierung bewegen sich überhaupt nicht aufeinander zu.

Das Gespräch führte Isabelle Jacobi.

Zahl der Toten steigt weiter

Nach dem mutmasslichen Giftgas-Angriff in Syrien ist die Zahl der Todesopfer nach Angaben von Aktivisten auf 72 gestiegen. Bisher war von 58 Toten berichtet worden. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte, sind unter den Toten in der Stadt Chan Scheichun in der nordwestlichen Provinz Idlib auch 20 Kinder.

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Kriege, egal welcher Art, sind immer verabscheuungswürdig, da es immer auf Kosten und Leben des Volkes und der Ärmsten eines Volkes geht!! Welche Regierungen weltweit, unterstützen mit ihren Machenschaften, lukrativer "Geschäfte", immer noch, immer wieder skrupellos Gewalttäter wie Assad und Co?? Wie sieht es mit der Schweiz aus?
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Solange der "gute Westen" versucht durch einseitige Berichterstattung den Krieg in Syrien zugunsten der "guten Rebellen" (auch Terroristen genannt - je nach Sichtweise) zu beeinflussen, ist kein Frieden in Sicht. Die Spuren der Giftgaseinsätze hatten in der Vergangenheit mehrheitlich zu den Rebellen geführt... mit dem Resultat, dass weitere Untersuchungen eingestellt wurden. Carla del Ponte hatte darüber berichtet.
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  • Kommentar von Thomas Leu (tleu)
    Syrien kommt von alleine nicht mehr aus dem Sumpf raus. Die Menschen dort wünschen sich Ruhe und Sicherheit. Der eigentliche Skandal ist, dass der UNO-Sicherheitsrat seinen Job nicht macht und nicht eingreift und dem blutigen Treiben ein Ende bereitet. Das wäre in maximal 3 Monaten erledigt. Nachher müssten aber für mindestens 30 Jahre Blauhelme in Syrien stationiert werden (auch Schweizer), die die Sicherheit gewährleisten, damit die Menschen ihr zerstörtes Land wieder aufbauen können.
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Nun, jeder Krieg muss eine Weile köcheln, bevor er für die Kriegsindustrie rentabel wird. Bestes Beispiel dafür war ja der Krieg im Irak. Und in jedem scheusslichen Krieg sind die Leidtragenden immer die Zivilisten. Da bildet Syrien keine Ausnahme.
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