«Die syrischen Reporter müssen sofort jeden Bericht vernichten»

«Reporter ohne Grenzen» hält Syrien für das gefährlichste Land der Welt. Es ist praktisch unmöglich, objektiv über das Land im Krieg zu berichten. Genau das aber versucht die kleine syrisch-kurdische Nachrichtenagentur ARA-News.

Ein junger Mann rennt durch eine zerbombte Strasse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im zerbombten Syrien sind unabhängige Informationen rar. Keystone

Die Augen von Adib Abdulmajid huschen über den Bildschirm. Eben ist eine Meldung von einem seiner Reporter aus Syrien eingetroffen. Die Reporter von ARA-News, wie seine Agentur heisst, seien alle vor Ort und deshalb vertraut mit den lokalen Begebenheiten, sagt der 31-Jährige Abdulmajid.

Alle Nachrichten, die aus den umkämpften Gebieten eintreffen, werden zuerst auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Ein Mitglied der Redaktionsleitung ruft dafür einen oder mehrere Informanten an. Abdulmajid tut dies in seinem Büro im Wohnzimmer in einem Reihenhaus im südniederländischen Ooisterwijk. Seine Kollegen operieren auch aus der Türkei.

Sie hätten bewusst ein ganzes Netzwerk von zusätzlichen Informanten, die keinen Kontakt mit den lokalen Reportern hätten, erzählt Abdulmajid. Objektivität ist denn auch das oberste Gebot bei ARA-News. Denn wer nicht objektiv berichtet, dem wird nicht geglaubt.

Porträt eines Mannes Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Chefredaktor der syrisch-kurdischen Presseagentur ARA News, Adib Abdul­ma­jid, in seinem niederländischen Büro. Elsbeth Gugger

Gefoltert, weil demonstriert

In Syrien gebe es mehr als 100 bewaffnete Gruppierungen. Da gelte es, zu allen denselben Abstand zu wahren. Kürzlich hätten sie zwei Interviews am gleichen Tag publiziert, eines mit einem Kommandanten des Al Kaida-Ablegers Al Nushra und eines mit einem Kommandanten einer kurdischen Gruppierung.

Adib Abdulmajid ist in einer kurdischen Stadt im Nordosten von Syrien aufgewachsen und hat in Damaskus Englisch und Literatur studiert. Weil er an Demonstrationen teilgenommen hatte, wurde er verhaftet und im Gefängnis gefoltert. 2009 flüchtete er in die Niederlande und bekam dort politisches Asyl.

Wöchentliche Enthauptungen von Journalisten

Zu Beginn des Bürgerkrieges vor fünf Jahren schickten ihm seine Freunde und Bekannte immer wieder Filme über Kriegshandlungen in Syrien. Das brachte ihn auf die Idee, die unabhängige Presseagentur ARA zu gründen. Mittlerweile hat die Agentur 30 Mitarbeitende, die von NGOs aus den Niederlanden und Schweden finanziert und geschult werden.

«  In Raqqa werden fast wöchentlich Journalisten enthauptet.  »

Adib Abdul Maschid
Gründer und Chefredaktor von ARA News

Unter ihnen sind rund zwei Dutzend Reporter, die aus Aleppo und Homs, aber auch aus den von IS dominierten Städten wie Raqqa berichten. Diese IS-Region sei im Moment das weitaus gefährlichste Gebiet, weil dort fast wöchentlich Journalisten enthauptet würden, erzählt Abdulmajid.

CNN und BBC stützen sich auf die kleine News-Agentur

Zu ihrer eigenen Sicherheit kennen sich die Reporter, die aus dem IS-Gebiet berichten, nicht. Und sie müssen jeden Bericht, den sie in die Niederlande schicken, sogleich von ihrem Computer löschen. Es kam schon mehrmals vor, dass Reporter von ARA verhaftet wurden. Mit einer Ausnahme wurden aber alle wieder freigelassen.

Jeden Monat besuchen rund 700'000 Menschen die ARA-News-Webseite und CNN, BBC, Al Jazeera und andere grosse britische und amerikanische Sender, verweisen in ihrer Berichterstattung über Syrien regelmässig auf die kleine Agentur. Sie seien stolz, dass die grossen Medienbetriebe sie, die kleine ARA-Agentur, zitierten. Das sei ja auch ihr Ziel, freut sich Abdulmajid.

Die ARA-Reporter berichten auch während des Waffenstillstandes weiter, denn in den IS-Gebieten wird nach wie vor gekämpft. Trotzdem keimt ein kleiner Hoffnungsschimmer auf. Nach dem jahrelangen Krieg hätten die Menschen in Syrien jetzt Frieden nötig. Abdulmajid fügt an: «Ich hoffe, dass der Tag kommen wird, an dem ich zurück nach Damaskus darf.»