«Die Täter wollen Panik in den Augen der Opfer sehen»

Psychopathischer Amokläufer mit ausschliesslich privaten Motiven oder trainierter Terrorist? Die Fälle von Nizza und Würzburg werfen viele Fragen auf. Auch wer seinem Tun kurzfristig höhere Bedeutung verleihen wolle, werde in der IS-Ideologie fündig, sagt der deutsche Kriminologe Christian Pfeiffer.

Was bei den beiden jüngsten Anschlägen in Frankreich und Deutschland auffällt: Die Täter wollen ihre Taten zwar im Namen Allahs begangen haben, standen aber nach bisherigen Kenntnissen in keinem direkten Kontakt zu islamistischen Netzwerken. Einschätzungen des Kriminologen Christian Pfeiffer, der bis 2015 das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen in Hannover leitete.

SRF News: Sind diese Täter Terroristen oder Amokläufer mit schweren psychischen Problemen?

Christian Pfeiffer: Aufgrund der bisherigen Kenntnisse über Nizza ist von einem politischen Motiv auszugehen. Er war also von daher kein privater Amokläufer, der abreagiert, was er an Wut und Enttäuschung in sich reingefressen hat. Er wurde wohl zumindest in der Schlussphase vor der Tat durch die Terrororganisation IS angeregt. Offen bleibt, ob es eine direkte Kommunikation gegeben hat, was durchaus möglich ist. Beim Täter von Würzburg war ich zuerst geneigt, von einem reinen Amoklauf auszugehen. Doch da muss man inzwischen vorsichtig sein und die Ermittlungsergebnisse abwarten.

Ist die Unterscheidung zwischen ideologisch und persönlich motiviertem Massenmord oder ähnlichen Angriffen kriminologisch überhaupt relevant?

Durchaus. Betrachtet man etwa den letzten Amoklauf im deutschen Winnenden oder vergleichbare Fälle in den USA, gibt es keinerlei politischen Hintergrund. Es bleibt nur die Tatsache, dass es gescheiterte Leute waren, die selber eine Mordswut auf andere Menschen hatten und diese für ihr Scheitern verantwortlich machten. Sie wollten es zurückzahlen und die Panik in den Augen der Opfer sehen. Sie wollten einmal Herr über Leben und Tod spielen – als Ausgleich für die erlittenen Demütigungen. Es waren sehr persönliche Geschichten, die zum Töten führten. Beim IS mag das zwar alles auch eine Rolle spielen, doch es ist mit der Ideologie eines islamisch motivierten Faschismus auch eine Aussenmotivation vorhanden.

Beim Zug-Attentat in Würzburg handelt es sich offenbar um einen traumatisierten Jugendlichen, der ohne Eltern aus Afghanistan geflüchtet ist. Gibt das einen Hinweis auf sein Motiv?

Der Regionalzug in Würzburg. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Menschen in einem Nachtzug im deutschen Würzburg wurden Opfer eines mutmasslichen IS-Terroristen. Keystone

Da muss noch viel geklärt werden. Von den Menschen, die ihn betreut haben, wurde er bisher als unauffällig geschildert. Es gibt noch keine öffentlichen Aussagen von den Pflegeeltern, bei denen er zuletzt gelebt hatte. Da müsste eigentlich am ehesten die Polizei noch Hinweise auf eine frühe Radikalisierung finden. Bisher hat sie nur ein Schreiben, was darauf hindeutet, dass es nicht ausschliesslich private, sondern auch diese politischen IS-Motivationen sind, die bei ihm eine Rolle gespielt haben. Auch die Flagge im Zimmer deutet in diese Richtung. Man weiss noch nichts über traumatische Erfahrungen, sie sind nur eher wahrscheinlich. Denn die grosse Mehrheit der Flüchtlinge verhält sich nicht so, sondern ist aktiv bemüht, einen Platz zu finden, die Sprache zu lernen und sich Perspektiven zu erarbeiten. Alle jene mit Aufenthaltsperspektiven in Deutschland sind nach unseren bisherigen Feststellungen weniger kriminell in Bezug auf Gewalttaten als einheimische Deutsche. Es muss also wohl noch etwas Spezielles an traumatischen Belastungen vorliegen, die den Afghanen so verstört reagieren liessen.

Radikalisierung von Einzeltätern

2:28 min, aus Tagesschau vom 19.7.2016

Das Attentat in Nizza beging ein Kleinkrimineller mit Drogenproblemen, ein tunesischer Staatsbürger. Er ist auch nicht der typische Dschihadist?

Hier sieht man aber schon eine hohe nachvollziehbare Wut über sein wenig erfolgreiches Leben. Er landete nicht in der französischen Gesellschaft, sondern schlug sich mit allem Möglichen durch. Er war ansprechbar für eine angestaute Wutreaktion und hatte grosse Sympathien für jene, die das ausleben und Terrorakte begehen. Er konnte dann auch einmal während der zwei- bis dreiminütigen Lastwagenfahrt Machtgefühle ausleben und Panik erzeugen.

Ziehen sich solche Personen einen «Dschihadisten-Mantel» über?

Der passt ihnen. Es kommt ihnen gerade recht, sich in den weltweiten Terror einzuklinken, weil sie damit ihrem eigenen Tun einen höhere Bedeutung verleihen, gewissermassen unsterblich werden in den Annalen des IS. Es ist ein Verstärkungseffekt, der vom Träumen hin zum Handeln führen kann. Das ist hier stark zu vermuten.

In Deutschland ist die Gesamtlage völlig entgegengesetzt, denn wir wissen aus der regelmässigen Jugendforschung, dass die Gewaltorientierung junger Muslime ständig abgenommen hat. So wurde etwa in Hannover 1998 gemessen, dass von den türkisch-stämmigen Jugendlichen 32 Prozent gewalttätig waren im Jahr vor der Befragung und 41 Prozent uneingeschränkt die Macho-Orientierung verinnerlicht hatten. 2013 waren es noch 13 Prozent, die gewalttätig waren und noch zehn Prozent Machos.

Eine solch gewaltige Veränderung in kurzer Zeit macht Mut. Bildung und soziale Integration sind die Schlüsselansatzpunkte, um Integration auch bei Muslimen gut hinzubekommen. Von daher stellt sich die Frage, wie man in der Prävention sprachlich besser an solche Menschen herankommt, die isoliert vor sich hinbrüten und sich in Hass-Orgien hineinsteigern. Das werden wir alleine nicht schaffen. Es braucht die vermehrte Partnerschaft mit Menschen, die als Muslime schon lange in Deutschland leben und bereit sind, die kommunikative Unterstützung von solch entwurzelten Neuankömmlingen wie jenem Afghaner zu übernehmen.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.