«Die Terrorangst scheint unbeherrschbar»

Glaubt man aktuellen Umfragen, so wächst in Europa die Angst vor Terror. Grund dafür sind die Anschläge in Paris, in Nizza, in Deutschland oder etwas weiter weg an Stränden in Ägypten oder Tunesien. Werden wir eine Gesellschaft der Angst? Nein, sagt ein Angstforscher.

SRF News: Was macht Sie sicher, dass uns keine Gesellschaft der Angst droht?

Borwin Bandelow: Von anderen Terroranschlägen wissen wir, dass es ungefähr vier Wochen dauert, bis die Menschen wieder zur Ruhe kommen. Zu Beginn ist die Angst gross. Wenn die Bevölkerung aber feststellt, die Chance selber Opfer eines Terroranschlags zu werden ist eher klein, legt sich die Aufregung. Das haben wir nach den Anschlägen in Frankeich, Spanien, England und auch Deutschland fesgestellt. Die Ruhe kehrt nach einer gewissen Zeit wieder ein.

Wieso legt sich die Angst nach vier Wochen?

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Boris Bandelow

Bandelow ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Er ist heute stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen. Bandelow präsidiert die deutsche Gesellschaft für Angstforschung.

Das ist meine Erfahrung. Nach vier Wochen bekomme ich jeweils keine Anrufe mehr wegen Interviews. In den Medien steht dann nichts mehr von diesen Anschlägen und die Menschen wollen auch nichts mehr davon hören.

Unbestritten ist aber, dass sich viele Menschen vor Terror und vor Erdbeben fürchten?

Ja, das ist so, dass Menschen die Gefahren jeweils sehr subjektiv beurteilen. Die Terrorangst ist neu. Sie erscheint als unbeherrschbar. Das führt dazu, dass man die statistische Wahrscheinlichkeit überschätzt. Andere Risiken, beispielsweise durch einen Autounfall, einen Velounfall oder einen Wespenstich umzukommen, sind deutlich häufiger als durch Terror. Aber das vergisst man erstmal, bis man sich darauf einstellt, das statistisch korrekt einzuordnen.

Sie sagen, Angst ist kein rationales Gefühl und ist nicht empfänglich für Logik und Statistik. Lässt sich Angst auch nicht kontrollieren?

Im Kopf kämpfen meistens zwei Gebiete gegeneinander, nämlich das Angstzentrum und das Vernunftgehirn. Das Angstzentrum ist nicht besonders logisch. Es kümmert sich nicht um statistische Wahrscheinlichkeiten. Wir können aber versuchen, mit unserem vernünftigen Gehirn auf dieses Angstzentrum einzuwirken.

Sie befassen sich beruflich mit den Folgen der Angst. Was machen solche Anschläge mit uns?

Es ist nicht so, dass die Menschen so etwas wie eine Angststörung bekommen. Sie kommen nicht am nächsten Tag zu uns in die Angstambulanz Schlange stehen, wenn ein Anschlag war. Es bereitet den Menschen eher Sorge. Sie denken, es könnte theoretisch was passieren, aber das führt nicht dazu, dass die Menschen wirklich krank vor Angst werden. Sie haben nicht dieselben Symptome, die meine Angstpatienten haben.

Aber sie bewaffnen sich, sie kaufen Pfefferspray, Messer, Handfeuerwaffen…?

Ja, das ist ein Phänomen, das eigentlich unlogisch ist: In den meisten Fällen werden diese Waffen nichts nützen. Wenn man überfallen wird, dann ist das zumeist ein kampferprobter Mehrfachtäter, der einem den Pfefferspray entreisst. Es geht um eine Art Scheinsicherheit. Erstmal denken sie, dass die Chance sehr viel grösser ist, als sie wirklich ist. Und zweitens denken sie, dass sie sich mit diesen Waffen schützen können, aber das zeigt wieder, wie unlogisch das Angstsystem ist.

Manche reagieren krankhaft und andere gar nicht?

Das ist normal verteilt in der Bevölkerung. Es gibt Menschen, die leben so weiter wie bisher, was ja auch das Beste wäre. Aber es gibt auch viele, die sich dann verkriechen. Sie gehen dann zwei Wochen nicht mehr aus dem Haus. Das ist aber auch unlogisch, denn nach zwei Wochen ist ja die Sicherheitslage nicht besser geworden.

Sollten wir punkto Sicherheitsmassnahmen und Verhaltensregeln von Israel lernen?

Ja, in Israel habe ich das mal mitbekommen, wie die Leute damit umgehen. Da war ein schrecklicher Anschlag mit 24 Toten. Ich habe mit Leuten gesprochen, die im Café neben dem Anschlagsort sassen, der am Tag vorher völlig zerstört worden war. Ich fragte sie, wie sie damit umgehen. Sie sagten, sie versuchten sich das Leben möglichst normal zu gestalten, weil hier alle paar Tage ein Anschlag passiere. Sonst, sagten sie, könnten sie nicht mehr existieren. Das ist eine Einstellung, die alle Menschen hätten, wenn die Gefährdungslage sehr viel schlimmer werden würde. Das war in den 1990er Jahren.

Etwas wie ein gesunder Fatalismus?

So kann man das nennen. Man sollte, wenn man an ein Rockfestival oder aufs Oktoberfest geht, mit diesem gesunden Fatalismus dahingehen und denken, dass einem statistisch gesehen gar nichts passieren kann. Natürlich gehen manche Leute dann doch noch mit einem mulmigen Gefühl hin und haben gar keinen Spass daran, wie sie ihn sonst hätten. Aber wenn man das ein paarmal gemacht hat, gewöhnt man sich auch an dieses und geht ganz entspannt auf solche Feste.

Unser Zusammenleben in der westlichen Welt basiert hauptsächlich auf Vertrauen. Wird dieses Vertrauen nicht zutiefst erschüttert, wenn ein Verrückter in einem Zug mit einem Messer auf Passagiere losgeht und sie verletzt oder tötet?

In letzter Zeit sind so viele Sachen passiert, die das Vertrauen in die Menschheit erschüttern. Früher sind diese Dinge nicht so in geballter Form passiert. Es sind meistens psychisch kranke Menschen, die diese Taten verüben, ob sie nun für den IS oder gegen den Islam sind. Die Verfügbarkeit von Waffen ist natürlich auch ein Riesenproblem. Das führt dazu, dass das Grundvertrauen von Menschen, das gerade in der Schweiz oder in Deutschland doch sehr tief war, jetzt massiv erschüttert wird. Aber das wird nicht über lange Zeit anhalten.

Wann bewirkt Angst eine Einstellungsänderung bei Individuen oder in der Gesellschaft?

In Ländern wie im Irak sind die Menschen damit konfrontiert, dass alle paar Tage was passiert. Selbst da ändern die Menschen ihre Einstellung nicht. Wir wissen das auch aus der Erfahrung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg und von Menschen, die in Slums in Kapstadt wohnen oder in den Favelas in Brasilien. Trotz dieser erhöhten Gefährdungslage verlieren sie ihre Lebensfreude nicht. Und deshalb glaube ich auch, dass wir im Westen, selbst wenn noch mehr Anschläge ausgeführt würden, in unserer Lebensqualität nicht eingeschränkt werden.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

srf/lin; muei