Die USA sind schlecht gerüstet für einen Cyber-Krieg

Nach langem Zögern hat Sony Pictures die Filmkomödie «The Interview» ins Internet und in die Kinos gebracht. Zuvor hatten Internet-Hacker das Filmstudio in angegriffen. Vor allem der Hackerangriff haben in Amerika eine Debatte ausgelöst: Können die USA im Netz besser angreifen als abwehren?

Eingang zu den Filmstudios von Sony Pictures in Culver City, Kalifornien. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Hackerangriff auf Sony Pictures ist in den USA zu einem Politikum geworden. Reuters

Was war diese Hackerattacke auf Sony Pictures wegen der Filmkomödie «The Interview» jetzt eigentlich? Eine Erpressung? Ein Angriff? Oder gar eine Kriegserklärung, wie in den USA einige politische Heisssporne wie der republikanische Senator John McCain behaupten?

Letzteres sicher nicht, sagt der Cyberkrieg-Experte Jason Healey von der politisch unabhängigen Denkfabrik Atlantic Council in Washington. «Wenn es ein Cyberkrieg wäre, dürften die USA auch mit konventionellen Waffen zurückschiessen, das ist so in internationalen Abkommen geregelt.»

Ein Cyberkrieg würde eine Eskalation bedeuten – und ein militärisches Eingreifen der USA rechtfertigen. Seit 1998 hat das Pentagon für solche Fälle einen Cyber-Command, eine Leitstelle für den Cyberkrieg aufgebaut. Jason Healey half mit, diese Schaltstelle aufzubauen, ehe er ins Weisse Haus und später zu Atlantic Council wechselte. Aufgaben der Einheit: Unterstützen des Militärs im Cyberspace sowie Schutz des Pentagons und dessen Zulieferers vor Cyberattacken. Offizielles Budget: 500 Millionen Dollar.

Der Fall Sony ist zwar keine Aufgabe für den Cyber-Command. Trotzdem haben die Ereignisse der letzten Tage für Healey eine neue Qualität erreicht: «Ich hasse den Ausdruck Cyber-Terrorismus. Ich sag's ungern, aber der Angriff auf Sony kommt dem, was man als Cyber-Terrorismus bezeichnet, bis jetzt am nächsten.» Sony habe sich einschüchtern lassen. Auch wenn das Studio den Film «Das Interview» nun trotzdem zeige.

Ein Unteroffizier steht an einem Terminal vor einer Serverwand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Soldaten und Internet-Server: Der Schutz der Internet-Infrastruktur ist in den USA zu einem Politikum geworden. Reuters

Interveniert die USA im Cyberspace?

US-Präsident Barack Obama versprach, sein Land würde zur gegebenen Zeit angemessen reagieren. Als diese Woche das Internet in Nordkorea stundenlang unterbrochen war, spekulierten Medien, ob hier bereits eine Vergeltungsmassnahme der USA im Gang sei. Die Sprecherin des Aussenministeriums wollte sich dazu nicht äussern.

Experten wie Healey glauben hingegen nicht, dass die Amerikaner etwas mit dem Blackout zu tun haben. «Man kann die Nordkoreaner gar nicht schädigen mit einer solchen Attacke. Nur wenige Leute haben Zugang zum Netz. Und die Amerikaner haben jedes Interesse, dass die Leute in Nordkorea Informationen von aussen erhalten.»

Dennoch dürfe man den Angriff auf Sony nicht auf die leichte Schulter nehmen, sagt Healey. In einem ersten Schritt müssten die USA klar machen, dass sie ein solches Verhalten nicht akzeptierten. «Falls das durchgelassen wird, könnten auch China, Russland oder der Iran solche Hacker-Attacken einsetzen, wenn sie die Veröffentlichung eines Films oder Zeitungsartikels, der ihnen nicht gefällt, verhindern möchten.»

Unterstützung von China

Deshalb sei es richtig, dass das US-Aussenministerium diese Woche China um Hilfe bat. Das Land hat Einfluss auf Nordkorea. Mit dem Einbinden Chinas soll aber auch ein ähnliches Verhalten Chinas in einem künftigen Fall schwieriger gemacht werden.

Damit allein lassen sich solche Hacker-Attacken jedoch nicht verhindern. Jason Healey fordert deshalb ein grundsätzliches Umdenken. Der gut vernetzte Cyber-Experte musste im Laufe seiner Karriere immer wieder feststellen, dass der Angriff auf fremde Netze beliebter ist als die Verteidigung der eigenen: «Ein Angriff ist cool und attraktiver und kann schnell wichtiger werden als die Verteidigung.»

Doch genau bei der Verteidigung, beim Schutz des Internets, sieht Healey grossen Nachholbedarf. Im Gegensatz zu Europa sei das Internet in den Vereinigten Staaten schlecht geschützt, die Internet-Service-Provider und auch der Staat könnten mit einigen technischen Tricks viel zu einer Verbesserung beitragen – und die Firmen und Bürger so im Cyberspace weniger verwundbar machen.