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Deutschland im Wahljahr Die verdrängten «Schlecker-Frauen»

25'000 Frauen haben 2012 mit der Schlecker-Pleite den Job verloren. Drei Frauen erzählen, wie es für sie weiterging.

Legende: Audio Das Deutschland ABC zur Bundestagswahl: Z wie Zahltag abspielen. Laufzeit 16:57 Minuten.
16:57 min, aus Rendez-vous vom 10.08.2017.

Von einem Tag auf den anderen verloren im Jahr 2012 tausende Menschen in ganz Deutschland ihre Arbeitsstelle. Schlecker, einst grösster europäische Drogeriemarkt, ist pleite. Der Fall wird aktuell vor dem Stuttgarter Landgericht geklärt. Unternehmer Anton Schlecker ist des vorsätzlichen Bankrotts angeklagt. Während die Gläubiger auf ihr Geld warten, suchen ehemalige Angestellte noch immer eine Arbeit. Andere mussten sich mit Stellen unter schlechteren Bedingungen abfinden. Drei ehemalige «Schlecker-Frauen» erzählen, was aus ihnen geworden ist.

Sylvia Lange – Besitzerin einer eigenen Drogerie

Zufrieden präsentiert Sylvia Lange ihren Verkaufsschlager: «Linda Handwaschpaste, wird aus DDR-Zeiten noch erkannt, und da sind sie ganz stolz drauf, dass sie das bei uns noch bekommen». Ein Grossmarkt führt das nicht – ihr eigenes «Drogerie-Eck» in Zehdenick (Brandenburg) schon. 16 Jahre lang war Sylvia Lange bei Schlecker angestellt. «Es war wirklich ein schönes Arbeiten, wir haben gut Geld verdient. Ich hatte als Frau über 15 Euro Stundenlohn. Also wir können uns nicht beschweren».

Ich verdiene noch die Hälfte und stehe dafür zehn Stunden im Geschäft. Aber, wir sind nicht anspruchsvoll
Autor: Sylvia LangeDrogeriebesitzern

Das Ende war dann weniger schön: Die Nachricht der Insolvenz kam per Fax. Danach hat die damals 42-Jährige 30 Bewerbungen geschrieben, bevor sie sich für eine eigene Drogerie entschied. Am Schwierigsten sei es gewesen, Lieferanten zu finden. Wegen schlechter Konditionen würden die Produkte doppelt so viel kosten wie beim Grossmarkt. «Ich verdiene noch die Hälfte und stehe dafür zehn Stunden im Geschäft. Aber, wir sind nicht anspruchsvoll». Die Eigenständigkeit mache auch Spass, man sei keinem Rechenschaft schuldig – «diese Freiheit ist schön.»

Die Erfolgsgeschichte ihres «Drogerie-Ecks» in Zehdenick wird ein schlechtes Ende nehmen, denn bis in zwei Jahren kommt ein Drogeriegrossmarkt. Niemals hätte sie eine eigene Drogerie aufgemacht, wenn sie das gewusst hätte. Was nachher kommt, ist völlig offen. «In unserem Alter will uns keiner mehr, und hier gibt es ja nichts». Ihr Mann Peter ergänzt: «Man muss irgendwie ein Stück Wurst auf ein Stück Brot bekommen. Und ausser uns beiden macht sich da keiner einen Kopf drüber. Wer soll uns was geben, wenn wir nicht selber versuchen, etwas zu verdienen»?

Sylvia (links) und Peter Lange in stehen in ihrer Drogerie.
Legende: Sylvia Lange setzt nun auf ihre eigene Drogerie. Zusammen mit ihrem Mann Peter führt sie das «Drogerie-Eck». SRF/Simone Fatzer

Milica Busch – Reinigungskraft

Eine eigene Drogerie hätte auch Milica Busch gut gefallen. Die Kroatin lebt seit etwa 40 Jahren in der Pfalz. Nach dem Ende von Schlecker war sie froh, überhaupt eine Stelle als Reinigungskraft zu finden. «Ich war mit 56 für viele zu alt. Andere haben mir gesagt, ich sei zu teuer. Mit 10 Jahren Erfahrung müssten sie mich nach Tarif bezahlen.» 15 Stunden die Woche putzt sie in einem Kindergarten für knapp 11 Euro. Das reicht nur dank eigener Wohnung und Witwenrente.

Milica Busch sitzt auf einem Sofa.
Legende: Milica Busch war 56 als sie ihren Job verloren hat. Heute arbeitet sie für einen Niedriglohn als Reinigungskraft. SRF/Simone Fatzer

Petra Getrey – betreibt ein eigenes Nagelstudio

Die letzte Zeit bei Schlecker war für Petra Getrey sehr belastend. In ihrer Filiale im Saarland wurde sie überfallen. Das passierte vielen Frauen, denn zuletzt waren sie ganz alleine im Geschäft. «Kurz vor dem Schliessen ist er gekommen, hat bezahlt, mir Gas in die Augen gesprayt und die Kasse ausgeräumt. Das war schon schlimm gewesen.»

Ich hatte um die 1000 Euro für eine Halbtagsstelle. Das hätte ich in einem anderen Job für ganztags gekriegt.
Autor: Petra GetreyEhemalige Schlecker-Angestellte

Die Saarländerin hat schliesslich den Nebenerwerb im eigenen Nagelstudio zum Hauptberuf gemacht und zaubert jetzt aus Fingernägeln kleine Kunstwerke. Über mangelnde Nachfrage kann sich Petra Getrey nicht beklagen. Bei Schlecker habe sie damals ganz gut verdient. «Ich hatte um die 1000 Euro für eine Halbtagsstelle. Das hätte ich in einem anderen Job für ganztags gekriegt». Die Frauenarbeitsplätze würden sowieso ständig degradiert: «Die Neuen verdienen stets weniger als die Alten. Da wird immer mehr runter geschraubt, immer mehr auf 600 und 400 Euro.»

Petra Getrey sitzt in ihrem Nagelstudio.
Legende: Die Schlecker-Filiale von Petra Getrey wurde kurz vor der Schliessung überfallen. Getrey führt nun ein Nagelstudio. SRF/Simone Fatzer

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8 Kommentare

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  • Kommentar von E. Waeden (E. W.)
    Zitiere: "Durch die Immobilienblase in der USA stand im Sommer 2009 die Welt vor einem Abgrund. Während die gleichen Figuren, die die Krise verursacht hatten, im Kanzleramt hofiert wurden & sich dort feixend in Gesprächsrunden fotografieren liessen, die zur Krisenbehebung einberufen waren, traten Staat & Konzerne mit nie erlebter Härte nach unten. Es so aus, als wolle die herrschende Klasse testen, wie weit sie es treiben könne, wie viel Ungerechtigkeit die Gesellschaft ertragen könne."
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  • Kommentar von Klaus Kreuter (Klaus Kreuter)
    Die Frage wie zukünftig Beschäftigung aussehen wird, das ist sehr spannend. Es wird doch auch schon tüchtig daran gearbeitet die Kassiererinnen zu ersetzen. Viele soziale Kontakte gehen verloren, die Zahl benötigter Psychiater wird steigen. Bedenken dass die, die an den Schaltknöpfen sitzen und ständig von Profitmaximierung reden?
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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Viele Deutsche werden in die Schweiz getrieben, weil in Deutschland die billigen Ostlohndeomper den Arbeitsmarkt schleissen. O-Ton deutscher Lohndoemper in der Schweiz: "Wir sind Eure Polen!". Wie in der Schweiz minimieren zu billig zu allem Willige auslaendische Lohndoemper und Streikbrecher die Loehne und lassen immer mehr Inlaender arbeitslos oder ohne Existenzlohn auf der Strecke. Ob durch Pleitiers gegosst, oder von noch Gewinnabzockenden durch Lohndoemper erstetzt....
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    1. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      Kann man so nicht stehen lassen. Vor allem hochqualifizierte Deutsche werden von der Schweiz angeworben.Qualifizierte Fachkräfte, Naturwissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure, alle mit immensen Kosten in Deutschland ausgebildet, wo sich die Schweiz diese Investitionen spart. Für D selbst ist das problematisch, gibt es doch in zahlreichen Berufsgruppen bereits Engpässe am Arbeitsmarkt, wie die OECD schreibt. Und wenn die CH Lohndumping wegen ungeregelter Tarife zulässt, ist das ihr Problem.
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    2. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      @Chauvet - Die Schweiz ist stolz auf ihren eusserst lieberalen Abeitsmarkt, in dem bei einem Angebotsueberhang der Arbeitgeber machen kann, was er will, und selbst bei Gratisueberstunden aller Unart mit ein paar Monatsloehnli Entschaedigung unbestraft davonkommt. Anstatt wie Schroeder fuer die IT-Inder einen hohen Mindestlohn festzusetzen, verbilligt die Schweiz Lohndoemper, indem sie diesen selektiv den Abzug von Lebenshaltungs- statt nur Erwerbsaufwand vom steuerpflichtigen Einkommen schenkt..
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