Wahlen in Kosovo «Die Wähler sind mit verbrauchten Politikern konfrontiert»

Balkan-Kenner Walter Müller über die politische Krise in Kosovo. Und für Kosovaren in der Schweiz populäre neue radikale politische Kraft.

Strassenszene in Kosovo mit einem riesigen Wahlplakat. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Endspurt im Wahlkampf in Kosovo um die zukünftige Macht im Kleinstaat. SRF | EBU

SRF News: Kosovo steckt in einer politischen Krise. Weshalb ist das Interesse der Wähler für die vorgezogenen Neuwahlen dennoch nur mässig?

Walter Müller: Im Kosovo herrscht eine eigenartige Lethargie. Die Kosovaren fragen sich: Wen sollen wir nur wählen? Die Wähler sind mit verbrauchten Politikern konfrontiert. Diese haben der Bevölkerung schon oft das Blaue vom Himmel versprochen, waren aber unfähig, aus dem Kosovo einen funktionierenden Staat zu machen.

«  Der Wählerschaft ist klar, dass sich die Politiker gerne die eigenen Taschen füllen. Alle und jeder ist käuflich. »
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Walter Müller

Walter Müller

Walter Müller war von 1995 bis 2001 Produzent beim «Echo der Zeit». Danach bis zu seiner Pensionierung 2015 Südosteuropa-Korrespondent auf dem Balkan. Seither berichtet Müller für Radio SRF als freier Mitarbeiter aus der serbischen Hauptstadt Belgrad.

Gleichzeitig sind viele von der Regierungspartei abhängig. Der Staat ist der grösste Arbeitgeber im Land und entscheidet somit über die Vergabe von Stellen. Es sieht so aus, als hätte die Regierungspartei den Staat in Geiselhaft genommen.

Gibt es denn keine frischen politischen Kräfte in Kosovo?

Doch, eine – die Vetëvendosjë! [Selbstbestimmung]. Sie stellt derzeit die drittstärkste Kraft im Land dar. Diese Leute sind jung, dynamisch und radikal. Die Partei verfügt vor allem in der Schweiz über eine grosse Anhängerschaft.

Und welche politischen Ideen hat die Partei?

Vetëvendosjë ist linksnationalistisch und radikal geprägt. Sie will über einen Anschluss an Albanien abstimmen lassen und so den Traum eines Grossalbanien verwirklichen. Ausserdem möchte die Partei die Privatisierung der Staatsfirmen stoppen und alle Internationalen aus dem Land werfen. Diese Radikalität macht vielen Kosovaren zwar Angst. Viele werden aber aus Protest für die Partei stimmen.

Das tönt nach Polarisierung und Stillstand, was heisst das für die Zeit nach der Wahl?

Schon jetzt scheint wahrscheinlich, dass es ein monatelanges Gezerre um die Regierungsbildung geben wird. Dabei gibt es grosse Baustellen: Um die EU-Bedingungen für Visafreiheit zu erfüllen, muss die Regierung den Kampf gegen die Korruption intensivieren und seine Grenze zu Montenegro bereinigen. Und dann müssen Kosovo und Serbien ihre Verhandlungen weiterführen, um endlich zu klären, wie sie ihre Nachbarschaft verbessern wollen. Im Moment ist aber das Gegenteil der Fall. Serbien und Kosovo provozieren sich gegenseitig, wo sie nur können.

Das Gespräch führte Simon Leu.

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