«Diskriminierung findet selbst bei Integrierten statt»

Der deutsche Regisseur Özgür Yildrim («Chiko», «Blutzbrüdaz») spricht über die politische und gesellschaftliche Bedeutung der «Deutschtürken». Soeben hat Recep Erdogan Deutschland besucht. Der Ministerpräsident braucht die Stimmen seiner Landsleute – im Sommer finden in der Türkei Neuwahlen statt.

Zu sehen sind zwei Frauen, eine von ihnen trägt ein weisses Kopftuch. Beide sind von hinten zu sehen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Deutsche und Türken: «Es herrscht ein positives Verhältnis», findet der deutsche Regisseur Özgür Yildirim. Keystone

In einem halben Jahr wählt die Türkei einen neuen Präsidenten. Erstmals vom Volk direkt, und erstmals sind auch Türken im Ausland zur Stimmabgabe berechtigt. Präsident Recep Erdogan ist heute in Deutschland auf Stimmenfang. Aus gutem Grund: Deutschland zählt mehrere Millionen Türkischstämmige und ist damit die weltweit grösste türkische Diaspora.

Gekommen, um zu bleiben

Die Geschichte der türkischen Gastarbeiter nimmt 1961 ihren Lauf. Die deutsche Wirtschaft boomt schon lange und benötigt laufend mehr Arbeitskräfte. Es schliesst mit der Türkei einen Anwerbevertrag ab. Zahlreiche türkische Gastarbeiter kommen nach Deutschland. Damals dachte man, die bärtigen Männer mit der sonnengebräunten Haut reisten irgendwann wieder zurück in ihr Heimatland. Doch viele kamen, um zu bleiben.

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Zur Person

Zur Person

Joscha Jennessen

Özgür Yildirim wurde 1979 in Hamburg geboren. An der heutigen «Hamburg Media School» machte er in Theater, Musiktheater und Film sein Diplom. 2008 wurde er mit dem Film «Chiko» berühmt und feierte an der Berlinale dessen Weltpremiere. Der Regisseur drehte unter anderem «Blutzbrüdaz», «Tatort Deutschland – Feuerteufel» und «Boy 7».

SRF News Online sprach anlässlich des Besuches Erdogans in Deutschland mit dem 35-jährigen Özgür Yildirim über die politische und gesellschaftliche Bedeutung der «Deutschtürken». Er, selbst Sohn einer Gastarbeiterfamilie, ist deutscher Filmregisseur mit türkischen Wurzeln. Bekannt wurde er durch seinen Film «Chiko», welcher 2008 an der Berlinale Weltpremiere feierte.

SRF News Online: Unter den 80 Millionen Einwohnern in Deutschland leben etwa fünf Millionen Menschen türkischer Abstammung. Wie funktioniert das Zusammenleben unter der deutschen und türkischen Bevölkerung ?

Özgür Yildrim: Ich kann hierauf nur eine subjektive Antwort geben. Es herrscht ein positives Verhältnis. Allerdings setzt es voraus, dass man dieses kategorische Denken ausschaltet und die Menschen in seinem Umfeld nicht nach Nationalität aufteilt. Aber gerade diese Kategorisierung ist weit verbreitet. Da endet das Streben nach Integration.

Pflegt die «Gastarbeiter-Generation» der 1960er Jahre noch Kontakt zur alten Heimat?

Ja, denn ihre Herkunft hatte einen noch viel grösseren Wert als bei den Menschen meiner Generation. Gerade der türkische Medienkonsum hierzulande zeigt, wie verbunden sich unsere Eltern und Grosseltern mit ihren Wurzeln fühlen. Man könnte die Herkunft auch mit «Identität» gleichsetzen. Der Grossteil hatte die Absicht, wieder zurückzukehren. Über Jahrzehnte haben sich viele der ersten Generation weiterentwickelt, sich integriert. Andere wiederum nicht. Das ist ein absolut menschlicher Prozess.

Welche Rolle spielen die Deutschtürken für die Bevölkerung in der Türkei?

Die türkische Community in Deutschland ist sehr wichtig für die Bevölkerung in der Türkei. Dies zeigten die Ereignisse vor einigen Monaten in der Türkei, die immer mehr diktatorische Züge eingenommen haben. Der Aufschrei in Deutschland war enorm. Jeder demokratisch veranlagte türkischstämmige Bürger war emotional betroffen und empört. Viele sind sogar in die Türkei gereist, um zu demonstrieren. Gerade die jungen Menschen in der Türkei, die mehrheitlich westlich orientiert sind, haben sehr positiv reagiert.

«  Das Gefühl, seine Identität in irgendeiner Form aufzugeben und nicht mehr ein richtiger Türke zu sein, existiert in vielen Köpfen. Das ist Schwachsinn.  »

Özgür Yildirim
Regisseur

Das deutsche Institut für Bevölkerung und Entwicklung führte 2009 eine Studie zum Thema Integration durch. Die Türkei landete auf dem letzten Platz. Mangelt es den Türken an Interesse und Willen?

Es ist immer leicht, anhand solcher Studien das Negative hervorzuheben. Ich möchte nicht die Glaubwürdigkeit dieser Studie in Frage stellen. Aber Medien zeigen stets mit dem Finger auf jene, die faul, destruktiv oder kontraproduktiv für die Integration sind. Wo bleiben die positiven Beispiele? Akademiker, Künstler, Politiker, Sportler oder Moderatoren mit türkischem Hintergrund sind doch der Beweis für eine erfolgreiche Integration in Deutschland.

Es gibt also kein Problem?

Es wäre gelogen zu behaupten, es gebe keine Türkischstämmigen, die sich gegen eine Integration oder Assimilation wehren. Natürlich gibt es sie, weil sie diese Begriffe oft fehlinterpretieren. Das Gefühl, seine Identität in irgendeiner Form aufzugeben und nicht mehr ein «richtiger Türke» zu sein, existiert in vielen Köpfen. Das ist Schwachsinn. Wenn Ministerpräsident Erdogan öffentlich verkündet, dass er zwar für eine Integration sei, aber nicht für eine Assimilation, verstärkt er dieses Gefühl. Integration heisst also, Vorteile für sich zu schöpfen, aber Assimilation bedeutet, man lässt seine Identität verwässern. Ich bin vollkommen gegen diese Aussage, denn sie beinhaltet genau die Form der Kategorisierung, von der ich vorhin sprach.

Wie kann die deutsche Gesellschaft ihre Integration verbessern?

Die Gesellschaft und die Migranten müssen aufeinander zugehen. Das klingt klischeehaft und friedensstiftend, aber es ist in der Tat so. Oft steht die Mehrheitsgesellschaft in besserem Licht da und fragt sich, was sie noch alles für eine erfolgreiche Integration tun soll. Fakt ist, dass sie nie hundertprozentig gelingen wird. Es gibt genug Menschen mit Migrationshintergrund, die nicht daran interessiert sind. Allerdings gibt es dieses Desinteresse auch auf der anderen Seite. Ausgrenzung und Diskriminierung finden jeden Tag statt, selbst bei integrierten Menschen.

Wurden Sie selbst auch schon diskriminiert?

Ja. Es betraf allerdings meine Tochter. Sie hat kürzlich die Grundschule angefangen und wurde in einen sogenannten DAZ-Kurs eingeteilt. Wir wurden darüber nicht informiert. DAZ bedeutet «Deutsch als Zweitsprache» und ist für Kinder mit Migrationshintergrund, die entweder wenig oder schlechte Deutschkenntnisse haben. Ich finde es richtig, diesen Kindern solche Kurse zu ermöglichen. Allerdings wird bei bei uns zu Hause überwiegend Deutsch gesprochen. Meine Tochter spricht und schreibt einwandfrei Deutsch. Als uns gesagt wurde, dass dies mit dem Nachnamen zu tun habe, fühlte ich mich diskriminiert. Sogar die Generation meiner Tochter wird also mit diesen Dingen konfrontiert. Wir haben uns geweigert und sofort sämtliche Behörden eingeschaltet. Letzten Endes musste unser Kind diesen Kurs doch nicht besuchen.

Das Gespräch führte Adriana Zilic.