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International Egon Bahr 93-jährig gestorben

Ein wichtiger Architekt der deutschen Ostpolitik ist tot: Egon Bahr starb 93-jährig. Der SPD-Politiker war ein enger Vertrauter von SPD-Kanzler Willy Brandt und später ein Wegbereiter der deutschen Einheit. Mit ihm verstummt einer, der stets die Wichtigkeit einer Einbindung Russlands betonte.

Legende: Video Egon Bahr ist gestorben abspielen. Laufzeit 1:47 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 20.08.2015.

Egon Bahr hat die Teilung Deutschlands und ihren Ursprung aus nächster Nähe erlebt: Mit Anfang zwanzig prägen zwei Jahre Krieg sein Leben. Später sagt er rückblickend in einem Gespräch mit dem Schweizer Fernsehen: «Ich wollte überleben. Und als ich am Ende des Krieges Berlin überlebt hatte, und auch den Einmarsch der Russen überlebt hatte, war mein Gefühl, ‹du wirst nach deinen Möglichkeiten und Fähigkeiten versuchen, das deine beitzuragen, damit eine solche Scheisse nie wieder passiert›».

Es gibt keine Stabilität in Europa ohne die Beteiligung und Einbindung Russlands.

Kennedys starke Worte

Nach dem Krieg beobachtet Bahr das geteilte Deutschland einige Jahre als Journalist für Zeitungen und Radio. Als die Deutsche Demokratische Republik Berlin mit einer Mauer teilt, ist Bahr Sprecher von Willy Brandt, dem damaligen Bürgermeister Westberlins. Die entscheidende Phase – die Annäherung zwischen Westdeutschland auf der einen und der Sowjetunion und der DDR auf der anderen Seite – prägt er unter Kanzler Willy Brandt massgeblich mit.

Den Ursprung dieser Politik datiert Bahr später auf den 26. Juni 1963. Es ist dies der Tag, als US-Präsident John F. Kennedy Berlin besucht und dort ruft: «Ich bin ein Berliner». Nach der Rede Kennedys sei klar gewesen: Wer Berlin angreift, greift Kennedy an, den mächtigsten Mann der Welt. «Es hat seither keine Berlin-Krise mehr gegeben», sagt Bahr.

Für noch wichtiger hält Bahr eine zweite Rede Kennedys am gleichen Tag, einige Stunden später an der Freien Universität Berlin. Dort habe Kennedy gesagt, der Westen müsse mit der Sowjetunion verlässliche Beziehungen der Kooperation erreichen, damit es in Europa Stabilität gebe. Die Sowjetunion einbinden bleibt der Kerngedanke von Bahrs Ostpolitik.

Wegbereiter der deutschen Einheit

Der «Wandel durch Annäherung» ist ein Bruch mit der bis dahin unbestrittenen «Politik der Stärke» gegenüber Sowjetunion und Ostblock. Bahrs Politik führt schliesslich zu den Verträgen der Bundesrepublik mit der Sowjetunion und der DDR. Für viele Historiker sind sie wichtige Bausteine für die Perestroika von Michail Grobatschow.

Nach dem Abschied aus der deutschen Regierung bleibt Egon Bahr für die Sozialdemokraten Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Bei der ersten gesamtdeutschen Wahl 1990 tritt er nicht mehr an. Fortan kommentiert er als aufmerksamer Beobachter die Entwicklungen im Verhältnis zwischen Ost und West.

Russland um jeden Preis einbinden

Dabei bleibt er in seinen scharfen Analysen seinem Credo immer treu: «Es gibt keine Stabilität in Europa ohne die Beteiligung und Einbindung Russlands. Ich weiss genau, dass Russland nicht so schwach bleibt, wie es im Augenblick ist. Derzeit können wir alles tun – Russland kann uns daran nicht hindern, es ist zu schwach. Aber ich warne davor, ein stolzes Volk zu demütigen», sagte Bahr 1999 in einem Gespräch mit dem Schweizer Radio. Ganze 15 Jahre vor Ausbruch der aktuellen Krise in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen.

SPD-Politiker

SPD-Politiker

Bahr wurde 1922 im thüringischen Treffurt geborenen. Sein politischer Werdegang als SPD-Politiker war eng mit dem ersten SPD-Bundeskanzler Willy Brandt (1969-1974) verknüpft. 1972 wurde er Minister für besondere Aufgaben. Nach dem Rücktritt Brandts übernahm Bahr unter Nachfolger Helmut Schmidt das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

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34 Kommentare

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  • Kommentar von Marcel Chauvet, Neustadt
    "Wegbereiter der deutschen Einheit", ist posthume Idealisierung, um nicht zu sagen Geschichtsklitterung. Die Sozialdemokraten mit den Genossen Egon und Willy vorne dran, haben in ihrer Zeit die Zweiteilung Deutschlands nicht nur hinnehmen, sondern sogar zementieren wollen. Ich erinnere mich noch gut an die Debatten im Deutschen Bundestag, als Bahr Kohl regelrecht beschimpfte, als Kohl von der Wiedervereinigung Deutschlands sprach oder wie Bahr die DDR/UdSSR Funktionäre regelrecht hofierte.
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    1. Antwort von m.mitulla, wil
      Frieden durch Annäherung im Gespräch... das wäre auch heute gegenüber Russland das bessere Rezept als das derzeitige Säbelrasseln mit Sanktionen und Manövern - auf beiden Seiten, M.Chauvet. Gerade Deutschland sollte das wissen.
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    2. Antwort von Hans Koller, Belp
      Das heutige Russland ist gefährlicher als die damalige UDSSR. Perestroika und Glasnost sind schon längst aus dem Kreml entwichen. Solange der selbsternannte Zar im Kreml herrscht muss Distanz gehalten werden.
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    3. Antwort von O. Toneatti, Bern
      Koller@ Würden Sie uns hier erklären, warum Russland gefährlich sein solll? Ueber 80% der russischen Bevölkerung und des Parlaments steht hinter ihm und mögen ihn. Welcher andere Staatsmann kann so etwas von sich behaupten? Putin und sein Russland wollen sich einfach nicht so von den Amerikanern behandeln lassen wie die meisten der erbärmlichen Europa- und Nato-Vasallen. Man müsste eigentlich Putin für seinen Mut bewundern. Meinen Sie nicht auch?
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    4. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Wo haben Sie Herr Koller bis 2014 bloss gesteckt? Bis zum Putsch in Kiew, war Russland/Putin sehr geschätzter Handelspartner für die EU & alle Regierungen haben Putin gerne hofiert. Also immer wieder zu behaupten, Putin wünsche sich die UdSSR zurück, liegt völlig falsch. Die Bush-Regierung (Republikaner) waren/sind es, welche sich den Kalten Krieg wieder zurück wünschen. Den Anfang haben sie mit dem Bürgerkrieg in der Ukraine ja jetzt gemacht. Distanz wäre da sehr empfehlenswert.
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  • Kommentar von P. Stalder, Luzern
    Egon Bahr sagte: «Es gibt keine Stabilität in Europa ohne die Beteiligung und Einbindung Russlands.» Genau deshalb wollen die Waffenlobby, die Nato, die USA und insbesondere die Merkel-EU Russland nicht einbinden --->weil sie keine Stabilität in Europa wollen, sondern ein schwaches Russland....
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  • Kommentar von peter müller, zürich
    Egon Bahr wurde angefeindet und verleumdet von der USA, NATO der CDU in dutzenden von Interviews als Landesverräter bezeichnet. Fakt ist, dass es ohne Egon Bahr keine Warschauer Verträge gegeben hätte. Auch keine Programme mit der DDR. Dass es in Europa keinen Frieden gibt ohne Russland war nie aktueller als heute. Egon Bahn war der 1. Deutsche der begriffen hat, dass Russland im zweiten Weltkrieg Ost und MittelEuropa von den Nazis befreit - und mit 27 Mio. Leben bezahlt hat.
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